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Der grübelnde Zürcher und das Rätsel in Bern
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Zielsicher steuert Christian Gross durch das Labyrinth, er wählt die Abkürzung, wenn er von seinem Büro ins Stadionrestaurant gelangen will. Auf dem Weg durch die Gänge begleitet ihn nicht die Krise, sondern gute Laune. «Hopp YB!», ruft der Trainer einem Arbeiter zu, wechselt mit ihm ein paar Worte und lacht, das wiederholt sich, als er das Lokal durch die Küche betritt und die Mitarbeiter laut begrüsst. Ihm ist dieser Zugang erlaubt, er ist der Chef.
Gross möchte nicht im Kabinengang reden, das sei ihm «zu stier» zwischen den gelben Wänden, aber er bevorzugt eine ruhige Ecke, bestellt ein Mineralwasser, glättet mit seinen kräftigen Händen das weisse Tischtuch und ist schnell wieder ganz der Beherrschte, der keine Witze macht und nicht mit der Mimik spielt. Jedes Wort will wohl überlegt sein, der Mann ist an einem heiklen Punkt seines Schaffens angelangt. Plötzlich hebt sich seine Stimme: «Ich arbeite gern als YB-Trainer! Jeden Tag!»
Alle Wünsche wurden erfüllt
Seit zehn Monaten ist er also im Amt, dieser Coach, der in Bern allein mit seiner Ankunft Titelträume auslöste, ganz nach dem Motto: Wer, wenn nicht Gross, kann den Young Boys beibringen, wie man Erfolg hat? Wer, wenn nicht einer, der schon elf Titel in der Schweiz geholt hat? Der 57-Jährige hat die Voten wohl registriert, aber sie gefielen ihm nie: «Keiner kann Erfolg garantieren.» Und er kratzt an der Oberfläche, wenn er Ursachen sucht, warum zwischen Basel und YB Welten liegen: «Wir waren viel zu inkonstant.» Oder: «Wir haben kein Duo Frei/Streller.» Er grübelt ständig, aber er betont auch: «Ich habe Lösungen.»
Gross ist in der Defensive. Lediglich 10 Siege in 27 Spielen, Platz 3, 20 Punkte Rückstand auf Basel, das sind alarmierende Zahlen und erhöhen den Druck auf den Trainer, der das Gesicht der Mannschaft selber modellieren durfte und dazu im Stadion einen Naturrasen bekam. 13 Spieler gingen, 13 kamen, YB galt im Sommer als Transfersieger, im Winter gleich noch einmal. Gross’ Wünsche waren dem Vorstand Befehl, Kosten wurden keine gescheut. Die Schneuwly-Brüder wurden abgegeben, blühen aber in Thun auf. Verteidiger Affolter, Reservist in Bern, hat in Bremen seit dem Winter bereits elfmal gespielt.
Dieses YB ist ein einziges Rätsel. Sein Zustand steht im krassen Gegensatz zu den Erwartungen, die Misere verschärft den Ton im Umfeld. «Ich bewege mich in einem Geschäft, in dem die Öffentlichkeit das Recht hat, meine Leistung zu beurteilen», sagt Gross und findet: «Das hat auch etwas Faszinierendes.» Nie käme es ihm in den Sinn, davonzulaufen, obwohl Kritiker nicht mehr von einem Langzeitprojekt, sondern einem Experiment kurz vor dem Scheitern reden. Und viele, die vehement den Zürcher forderten, halten ihn heute für ungeeignet. Gross hält entgegen: «Ich identifiziere mich hundertprozentig mit Bern und YB.»
Die Scham von Ilja Kaenzig
Zweifel verrät er keine. Aber die Situation ist für die Führung besorgniserregend. CEO Ilja Kaenzig war entsetzt darüber, wie sich YB am Ostermontag gegen Lausanne präsentierte. Das 1:3 ging ihm nahe und hatte schlaflose Nächte zur Folge: «Mir tut es für unsere Zuschauer furchtbar leid. Ich schäme mich für diese Niederlage und entschuldige mich.»
Zweiter kann YB noch immer werden, so schlecht seine Saison auch war. Aber Kaenzig könnte mit dieser Ehrenmeldung ziemlich wenig anfangen: «Darauf könnten wir jedenfalls nicht stolz sein.» Er wehrt sich dagegen, dass der Führung die Schuld für die Krise vorgehalten wird: «Wir haben alle Voraussetzungen geschaffen, um Erfolg zu haben. Was wir erwarten, ist endlich Gegenleistung.» Und zielt damit primär auf die teure Mannschaft, die es fertigbringt, sich nicht nur gegen Lausanne stümperhaft anzustellen. Gegen die Grasshoppers morgen zählt für ihn einzig der Sieg. Jedes andere Szenario will er sich lieber nicht vorstellen.
Fordernd – und überfordernd
Intern erhält Gross Rückendeckung. Hansruedi Hasler ist ein Fürsprecher, der sich daran stört, dass einzig der Coach für die Probleme verantwortlich sein soll. «Der Reflex ist oft: Was macht der Trainer falsch?», sagt der Technische Direktor von YB, «mein Reflex aber ist der: Warum verliert der Spieler den Zweikampf? Ist der Trainer schuld, wenn der Spieler Fehler um Fehler macht?»
Gross aber gibt die Richtung vor, er allein. Er ist fordernd, manchmal überfordernd, «mit dieser Art», sagt Hasler, «kommen nicht alle gleich gut zurecht». Und Gross demonstriert Trotz: Lust, die Meisterschaft für gelaufen zu erklären, hat er keine. Das würde seine Verbissenheit so wenig zulassen wie eine vorzeitige Gratulation nach Basel. Eingestehen muss er indes: «Diese Saison wird nicht in die Annalen eingehen.» Er schmunzelt kurz. Immerhin. (Der Bund)
Erstellt: 13.04.2012, 08:24 Uhr
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