Sport
«Blatter hat schon vieles versprochen und nicht eingehalten»
Aktualisiert am 18.07.2012 27 Kommentare
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Theo Zwanziger, deutsches Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees, stärkt Sepp Blatter den Rücken. (Video: Jan Derrer)
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«Es ist ein historischer Tag für den Reformprozess der Fifa», frohlockte Fifa-Präsident Sepp Blatter nach dem Entscheid des Exekutivkomitees, eine Ethik-Kommission mit Ermittler und Richter zu bilden. Damit sei der Weg frei für den Kampf gegen die Korruption und für mehr Transparenz in der Fifa. Laut Blatter hat die Ethik-Kommission alle Kompetenzen, die Vergangenheit auszuleuchten. So könne sie den rechtlich abgeschlossenen ISL-Skandal, bei dem Schmiergelder in Millionenhöhe an Funktionäre flossen, nach ethischen und moralischen Gesichtspunkten untersuchen.
Für die Ethik-Kommission sehe er «keine Grenzen». Die Fifa werde alle ihre Entscheide akzeptieren, erklärte Blatter. Der Entscheid für diese Reformen sei im Exekutivkomitee einstimmig gefallen, sagte der 76-jährige Fifa-Präsident am Dienstag vor den Medien. «Heute sehen Sie einen glücklichen Präsidenten.»
«Das tönt toll und ‹lässig›, lässt aber viele Fragen»
Jean-François Tanda, Journalist der «Handelszeitung» und Kenner der Fifa, reagiert mit Skepsis auf Ethik-Offensive des Exekutivkomitees der Fifa. «Das tönt zwar alles toll und ‹lässig›, lässt aber auch viele Fragen offen», sagte Tanda im Videointerview mit DerBund.ch/Newsnet. Blatter habe in letzter Zeit so oft nicht die ganze Wahrheit oder sogar die Unwahrheit gesagt. «Er hat schon vieles versprochen und dann doch nicht eingehalten. Ich weiss nicht, ob das stimmt, was er jetzt sagt.» Es sei schon interessant, dass sich Blatter nicht als Teil des Problems, sondern als Teil der Lösung sehe.
Die neue Ethik-Kommission werde sicherlich gut sein für die Zukunft, meinte Tanda. Ob sie auch die Vergangenheit gründlich aufarbeiten könne, sei fraglich. Entscheidend werde sein, ob Blatter mit der Ethik-Anklagekammer kooperieren werde. Wenn Blatter nur die letzte Woche veröffentlichten, anonymisierten Gerichtsakten zur Verfügung stelle, könne die Ethik-Kommission nicht viel damit anfangen, gab Tanda zu bedenken. Der «Handelszeitung»-Journalist gehörte zu den treibenden Kräften, die beim Bundesgericht die Veröffentlichung der Einstellungsverfügung im ISL-Fall erwirkten.
Die Rolle von Blatter im ISL-Fall bleibt unklar
Tanda kritisierte, dass sich Blatter immer noch nicht klar zu seiner Rolle im ISL-Fall geäussert habe. Zudem habe er auch an der Medienkonferenz nach der Tagung des Fifa-Exekutivkomitees in Zürich nicht die ganze Wahrheit gesagt. Blatter wisse nicht nur, dass sein Vorgänger im Präsidentenamt, João Havelange, und der brasilianische Ex-Topfunktionär Ricardo Teixeira Schmiergelder von der im Jahr 2001 konkurs gegangenen Sportvermarktungsagentur ISL erhalten habe. Blatter kenne die Namen von mindestens zwei weiteren Schmiergeldempfängern.
Dabei handelt es sich um die Funktionäre Issa Hayatou (Kamerun) und Nicolas Leoz (Paraguay) – beide gehören dem Exekutivkomitee des Weltfussballverbands an. Zur Erinnerung: Beim ISL-Skandal haben rund ein Dutzend Fifa-Funktionäre profitiert. Dabei sollen sie insgesamt 130 Millionen Franken erhalten haben.
Theo Zwanziger: Keine Reformen ohne Blatter
Obwohl der ISL-Fall viele offene Fragen hinterlässt und einige Vergaben von Weltmeisterschaften unter Korruptionsverdacht stehen, bleibt Blatter der starke Mann in der Fifa. Offensichtlich kann er auch auf die volle Unterstützung des Exekutivkomitees zählen. «Aus Sicht der Fifa-Exekutive ist er absolut tragbar», sagte Theo Zwanziger, Mitglied des Exekutivkomitees und früherer DFB-Präsident, am Rande der Medienkonferenz in Zürich. «Der Reformprozess wäre ohne Blatter gar nicht weitergegangen.» Ein Rücktritt Blatters, wie ihn unter anderem der deutsche Ligapräsident Reinhard Rauball gefordert hatte, sei an der Sitzung des Exekutivkomitees kein Thema gewesen. «Ich hatte keinen Auftrag, ihn zu fordern.»
Wie Blatter vor den Medien bekräftigte, kommt für ihn ein Rücktritt nicht in Frage. Über die Position des Fifa-Präsidenten könne ohnhin nur der Kongress entscheiden. Blatter machte klar, dass er den Reformprozess als Präsident der Fifa begleiten will. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.07.2012, 19:11 Uhr
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