An der Weggabelung seiner Karriere
Von Fabian Ruch. Aktualisiert am 05.11.2011 1 Kommentar
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David Degen überrascht immer mal wieder. Am letzten Sonntag, als YB zu Hause gegen Lausanne 4:1 siegte, stellte sich der gesperrte YB-Offensivspieler in der ersten Halbzeit in den Fanblock. Degen löste damit ein Versprechen ein, und er genoss den Aufenthalt bei den Fans. «Die Klassiker unter den Liedern kannte ich und sang ich mit», sagt Degen. Er würde aber nie bei «Scheiss-FC-Basel»-Rufen mitmachen, und das sagt er in seiner wunderbar ehrlichen, direkten, offenen Art nicht nur als Basler, er erklärt seine Haltung auch wortreich: «Das hat mit Respekt zu tun. Man muss sich mit dem Gegner hart duellieren und ihn bezwingen, aber dabei stets den Anstand bewahren.»
So ist Degen, unverfälscht und ein Gerechtigkeitsfanatiker. Er eckt mit seiner forschen Art zuweilen schmerzhaft an. Mit bald 29 Jahren Lebenserfahrung sagt er: «Ich bin gut damit gefahren, meine Meinung zu vertreten. Auch wenn ich es mir manchmal leichter hätte machen können, wenn ich geschwiegen hätte.»
Polarisierend
Degen polarisiert, und vielleicht sollte man mit einigen Vorurteilen aufräumen. Sonnyboy Degen, stets adrett und stylish gekleidet, steht im Ruf, ein oberflächlicher Fussballer zu sein, dabei erweist das Gegenteil der Wahrheit die Ehre. Degen ist eher selbstbewusst als arrogant, er ist liebenswürdig und nicht abgehoben, er ist keinesfalls dumm, sondern laut langjährigen Wegbegleitern intellektuell in der Lage, stundenlange Diskussionen über politische Parteien, Finanzkrise und den Lauf der Welt zu führen. Und weil David Degen zusammen mit Zwillingsbruder Philipp («Er wird bald wieder einen guten Verein finden») bereits am Standbein für die Zeit nach der Spielerkarriere arbeitet, kennt er sich in Bereichen (wie Unternehmensführung) aus, welche die Mehrzahl seiner aktuellen Berufskollegen kaum interessiert. Was Degen in seiner Freizeit beruflich aufbaut, soll jedoch nicht in der Öffentlichkeit breitgeschlagen werden. Das passt nicht zu seinem lockeren Wesen, stört ihn aber nicht. «Es ist nicht schlecht, wenn man manchmal geheimnisvoll erscheint.»
Geheimnisvoll
Zwischen geheimnisvoll und unverständlich ists ein schmaler Grat. Und zu oft stand sich Degen als Fussballer selber im Weg. In der Bundesliga schickte ihn Gladbach-Trainer Jos Luhukay, heute bei Augsburg, im Mai 2007 in die zweite Mannschaft und begründete diese Massnahme mit scharfen Worten: «Solch einen Charakter kann ich nicht dulden.»
Degen ist kein einfacher Typ – nicht für seine Trainer, nicht für Mitspieler, nicht für eigene und gegnerische Fans und schon gar nicht für Gegenspieler. Der rechte YB-Flügel ist mit einem athletischen Körper gesegnet, er ist schnell, dribbelstark, torgefährlich, kann hart schiessen und fein flanken, aber er hat sein Potenzial nicht annähernd ausgeschöpft – sonst würde er nicht bei YB, sondern in grossen Ligen brillieren. «David Degen ist ein wunderbarer Spieler», sagt YB-Trainer Christian Gross. «Aber er vergisst manchmal, dass es mehr braucht, als nur offensiv zu denken.»
Ambitioniert
Degen streitet nicht ab, dass er Steigerungsbedarf in der Rückwärtsbewegung besitzt. Er analysiert seine Schwäche, die für Teamkollegen teilweise schwierig zu akzeptieren ist, mit erfrischender Selbstverständlichkeit: «Ich denke halt immer nur daran, wie wir am schnellsten vors gegnerische Tor kommen.» Er arbeite daran, seine defensiven Pflichten besser zu erfüllen: «Wir können nur als Team Erfolg haben.»
Und schon redet sich Degen in grosse Form. Es geht um die hohen Ziele mit YB, Degen spricht jetzt schnell, Punkte und Kommas sind in seinem Vortrag keine vorgesehen. «Es ist an der Zeit, dass wir einen Titel holen», sagt er. Und: «Wir haben zu oft zugesehen, wie andere feierten.» Oder: «Ich bin seit drei Jahren in Bern. In den nächsten drei Saisons werden wir Titel gewinnen.»
Unterhaltend
Bis Sommer 2014 ist Degens Arbeitspapier in Bern noch datiert, dann ist er 31 Jahre alt. Man hört in der Branche, dass er ans Rheinknie zum FCB zurückkehren oder nach dem Reinfall in Gladbach noch einmal einen Versuch im Ausland wagen möchte. «Das ist blödes Geschwätz», sagt Degen, die Stimme ist nun noch ein bisschen lauter, die Sprechweise gar schnell, und dann sagt er: «Alles, was ich will, ist mit YB die Leute gut zu unterhalten und den treuen Fans endlich, endlich einen Titel zu schenken.» Wobei, schränkt er ein, das mit der Unterhaltung sei ihm heute nicht mehr so wichtig wie mit 20 Jahren. «Wenn wir bis Saisonende jedes Spiel 1:0 durch ein Penaltytor gewinnen, unterschreibe ich sofort.» Trainer Christian Gross kennt er aus Basel-Hochzeiten bestens. «Gross ist ein Gewinner. Er weiss ganz genau, was es braucht, um Meister zu werden.»
Geduldig
Mit 28 Jahren ist Degen einer der routinierten Fachkräfte beim schier ewigen Zweiten YB. Es ist gar nicht so lange her, da galt er als jung und wild und als Gesicht für die Zukunft der Schweizer Auswahl. Heute sagt er: «Das Nationalteam ist im Umbruch, es sind viele talentierte Spieler dazugestossen. Ich warte auf meine Chance. Trainer Ottmar Hitzfeld weiss, was er an mir hat.»
15 Länderspiele, oft als Einwechselspieler, hat Degen bestritten, auf ein Tor für die Schweiz wartet er. Es sind enttäuschende Werte für einen, der prächtige Fähigkeiten besitzt und Leader und Skorer des Nationalteams sein müsste. In den nächsten Jahren wird sich entscheiden, ob Degen sein riesiges Potenzial ausreizen kann – oder am Ende auf eine schöne, aber irgendwie unvollendete Spielerkarriere zurückblicken muss.Fabian Ruch
Servette - YB am Sonntag (Berner Zeitung)
Erstellt: 05.11.2011, 15:00 Uhr
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1 Kommentar
Was Degen am Sonntag gezeigt hat, leider nicht zum 1. Mal, ist eine Frechheit! Herr Gross, setzen sie endlich junge Spieler ein! Ich wünsche mir Fussballer die stolz sind das YB-Dress zu tragen! Nicht Spieler die nur ans grosse Geld denken! Habe fertig! Antworten
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