«Am Annapurna war es mir egal, ob ich lebendig zurückkomme»

Ueli Steck hat die höchsten Gipfel der Welt erklommen. Nun steht er vor der schwierigsten Aufgabe seines Lebens.

Der Extrem-Bergsteiger Ueli Steck ist 40 Jahre alt geworden.

Der Extrem-Bergsteiger Ueli Steck ist 40 Jahre alt geworden. Bild: Franziska Rothenbühler

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Sie sind letzten Herbst 40-jährig geworden. Können Sie in diesem Alter Ihre Erfolge noch übertreffen?
Es kommt darauf an, wie man Erfolg definiert. Ich möchte nicht stehen bleiben. Ich muss aber nicht jeden zweiten Tag einen Rekord aufstellen.

Aber Sie leben doch davon, neue Rekorde zu brechen und Schlagzeilen zu produzieren.
Ich mache das nicht der Schlagzeilen wegen, sondern weil ich – wie jeder Spitzensportler – Ziele brauche. Mein nächstes Ziel ist die Everest-Lhotse-Überschreitung in diesem Mai, am liebsten über die Westschulter, wenn die Verhältnisse es zulassen. Bis jetzt ist es noch niemandem gelungen, ohne Flaschensauerstoff vom Everest auf den Lhotse zu kommen. Das ist eine schöne Herausforderung. Ich trainiere sehr intensiv darauf hin, mache viele Höhenmeter, bis zu 15'000 pro Woche.

Beim ersten Versuch 2013 sind Sie nicht an Ihrer körperlichen Verfassung gescheitert, sondern an einigen Dutzend wütenden Sherpas, die Sie mit Steinen attackierten. Haben Sie diese Geschichte verdaut?
Ganz verdauen werde ich das wohl nie, es wird mich immer begleiten. Ich war lange Zeit zu blauäugig, sah nur das Gute in anderen. Dort trafen mich die Wut und die Aggression in einem Ausmass, das für mich unvorstellbar war. Ich war in dieser Geschichte eher der Auslöser als ein Teil des Problems. Aber ich bin auch ein Einzelgänger, der nicht immer merkt, was bei anderen passiert. Deshalb realisierte ich nicht rechtzeitig, dass der führende Sherpa dort ein wenig sein Gesicht verlor, als ich an der Gruppe vorbeikletterte.

Warum tun Sie sich die Schinderei eigentlich noch an? Sie könnten auch sagen: Ich habe genug geleistet.
Nein, das kann ich nicht. Ich brauche Ziele, denen ich alles unterordnen kann. Die Kunst ist, sich emotional nicht davon abhängig zu machen, ob man sein Ziel erreicht. Auch wenn du den Gipfel nicht erreichst, findest du positive Dinge. Man lernt sogar mehr, weil man die Leistung genauer analysiert und sich weiter verbessern will. Jede Niederlage bringt dich einen Schritt weiter.

Aber die körperliche Leistungsfähigkeit nimmt ab. Haben Sie Ihren 40. Geburtstag Anfang Oktober gefeiert oder verdrängt?
Ein Riesenfest gab es! Nein, im Ernst, meine Frau Nicole und ich waren im Zelt an diesem Tag, am Shivling im nordindischen Teil des Himalajas. Immerhin gab es nicht gefriergetrocknetes Essen, sondern frische Kartoffeln, ein Festessen.

Also verdrängt, den Geburtstag.
In den letzten Jahren hat sich schon etwas verändert. Ich habe mich öfter gefragt, ob Bergsteigen und Klettern wirklich alles ist in meinem Leben oder worauf es sonst noch ankommt. Vor allem merkst du mit der Zeit, wie gefährlich es ist, sich selber nur über die Leistung zu definieren. Irgendwann bekommst du damit massive Probleme. Rein physisch baut der Mensch ab dem 20. Lebensjahr ab. Mit geschicktem Training kann man das hinauszögern. Aber ich kann heute unmöglich die gleichen Umfänge trainieren wie mit 30. Was noch möglich ist: bei guter Planung einzelne Spitzenleistungen zu erzielen, die so gut sind wie mit 30. Oder noch ein wenig besser. (lächelt)

Was geht heute nicht mehr?
Ein Jahr wie 2009 wäre heute nicht mehr möglich. Da stellte ich in 1:56 Stunden einen neuen Matterhorn-Rekord auf, bestieg zwei Achttausender in einem Jahr und kletterte die Golden-Gate-Route am grossen Granit-Monolith «El Cap» im Yosemite Valley. Diesen Spagat zwischen technisch schwierigem Klettern und Höhenbergsteigen würde ich heute nicht mehr schaffen. Ich brauche heute mehr Fokus und mehr Erholung. Das hat auch sein Gutes – es schafft Freiräume, um sich mit anderem zu beschäftigen.

Gibt es dieses andere schon?
Ich war über viele Jahre ziemlich asozial oder zumindest isoliert – anders schaffst du solche Leistungen nicht. Aber ich habe viele langjährige Freundschaften, die ich nun wieder intensiver pflegen kann.

Ihr Projekt «82 Summits» im Sommer 2015 sollte im Zeichen des Teamworks stehen. Interessanterweise sind aber all Ihre Begleiter früher oder später auf der Strecke geblieben, und am Ende standen Sie alleine auf den Gipfeln.
Ich wollte das mit Michi Wohlleben durchziehen, aber er verletzte sich bei der dritten Gipfelbesteigung und musste aufgeben. Wenn du ein kleines Kind hast, gewichtest du die Dinge anders.

Für Sie ist eine Familie kein Thema?
Als Familienvater könnte ich unmöglich auf dem Niveau klettern. Zum einen wegen der Risiken, die ich eingehe, zum andern wegen der vielen Abwesenheiten. Es ist schon schwierig genug, das Risiko vor sich zu verantworten und vor seiner Frau.

Ihre Mutter hat in einem Zeitungsinterview gesagt, sie sei froh, dass Sie geheiratet hätten – weil sie nun nicht mehr alleine zuständig wäre, wenn Ihnen etwas passieren sollte.
Ich habe dieses Interview nie gelesen. Es ist schwierig, meiner Mutter zu vermitteln, was ich tue, weil sie die Details nicht einschätzen und nachvollziehen kann. Deswegen will sie auch nicht zu genau wissen, was ich tue. Meine Kletterei ist in der Familie kein grosses Thema.

Hat Ihr Vater Sie gefördert?
Er hat selber nie geklettert, er hatte genug damit zu tun, als Kupferschmied die Familie durchzubringen. Meine Brüder und ich spielten alle Eishockey, er kam mit uns auf die Eisbahn, war froh, dass wir nicht ziellos herumhingen. Mein zweitältester Bruder wurde Eishockeyprofi, bei mir zeichnete sich dieser Weg auch ab. Mein Vater hatte keine Freude, als ich ihm nach einer Tour mit einem seiner Kollegen sagte, ich wolle klettern. Das Einzige, was er sagte, war: «Überleg es dir gut. Und wenn du dich dafür entscheidest, dann mach es richtig.» Dieser Satz ist mir geblieben, daran habe ich mich gehalten. Und im Rückblick muss ich sagen: Es hat sich schon früh abgezeichnet. Ich bin schon als Kind über den Dachkännel ins Zimmer geklettert und hatte keinerlei Angst dabei. Darum geht es doch: die Tätigkeit zu finden, bei der du voll in deinem Element bist, bei der dir das Schwierige leichtfällt.

Zurück zu den Risiken. Sie betonen stets, wie Sie das Risiko minimieren. Beim dritten Anlauf, die Annapurna-Südwand zu bezwingen, haben Sie aber Ihr Leben aufs Spiel gesetzt.
Deshalb hat mich diese Geschichte auch so extrem beschäftigt. Das war das erste Mal, dass ich zu weit ging. Da spielte ich auf tutti. Ich war gekleidet wie einer, der im Winter an der Aare joggen geht. So lang du dich bewegst, ist dir warm, aber wenn du dich nicht mehr bewegen kannst, erfrierst du.

Sie sagten, bei dieser Expedition sei zum einzigen Mal die Wahrscheinlichkeit grösser als 50 Prozent gewesen, den Tod zu finden.
Ja, das ist so. Das war die Summe aus vielen kleinen Entscheidungen: Es betraf nicht nur die Ausrüstung, sondern auch die Seilsicherung, die Sorgfalt bei jedem Schritt, die Absicherung durch solide Griffe und den Pickel, das Tempo. Ich bewegte mich in jeder dieser Kategorien absolut am Anschlag. Beim einen Spindrift-Schneeniedergang hing mein Leben an einem sehr dünnen Faden. Wenn der Schneedruck erst 20 Sekunden später nachgelassen hätte, wäre ich aus der Wand gefallen. Da merkte ich im Nachhinein: So warst du noch nie unterwegs und willst du nie wieder unterwegs sein.

Warum ist das passiert?
Es war mein dritter Anlauf in dieser Wand, das war ein Stück weit eine Obsession geworden. Dazu kam dieser Zwischenfall mit den Sherpas am Everest im Frühling, der an mir nagte. Ich kenne die genauen Gründe bis heute nicht, und das macht es so bedrohlich. Da wurde in einem bestimmten Moment ein Schalter umgelegt. Danach war es mir egal, ob ich lebendig zurückkomme – ich musste einfach weitergehen, koste es, was es wolle.

Ist diese Radikalität nicht in all Ihren Projekten zu finden?
Es gab diesen Druck, immer noch extremere Dinge zu tun. Diese Rekorde, das war ein einziger Steigerungslauf. Ich war zu sehr in diesem Film, fühlte mich verpflichtet, meine eigenen Rekorde immer noch zu toppen.

Was war stärker: die Erwartung der Medien und Sponsoren oder der innere Drang?
Das war eindeutig mein innerer Drang. Druck von aussen bringt dich nie an den Punkt, wo du dein Leben aufs Spiel setzt. Vor dem äusseren Druck kann ich mich schützen. Ich lese beispielsweise praktisch nichts über mich, weil mich das sonst beeinflussen würde.

Bei Ihren Vorträgen hat man das Gefühl: Anerkennung und Bewunderung sind Ihnen eher peinlich.
Ja, Bewunderung ist mir unangenehm. Ich bin nicht besser als alle anderen, ich betreibe nur mehr Aufwand. Für mich ist es deshalb normal, von Grindelwald auf den Eiger zu rennen oder in 5:30 Stunden drei Mal nacheinander auf den Niesen. Sobald du selber das Gefühl hast, du seist gut, hast du verloren. Von dem Moment an bist du auf dem absteigenden Ast, trainierst nicht mehr richtig, wirst überheblich. Du musst extrem selbstkritisch sein und dich quälen, um besser zu werden.

Es hat etwas Zwanghaftes, wenn man endlos den nächsten Rekord brechen muss.
Daran versuche ich zu arbeiten, seit meinem 40. Geburtstag noch intensiver als vorher. Ich möchte nicht in diesem Teufelskreis bleiben, sonst bezahle ich meinen Ehrgeiz in den nächsten Jahren mit dem Tod.

Das Umdenken dürfte schwierig sein, wenn man sich 25 Jahre über messbare Leistung definiert hat.
Ja, aber die messbaren Trainingswerte helfen mir auch, es zu akzeptieren. Die Ausdauerwerte sind nach wie vor sehr gut, aber klettertechnisch bin ich nicht mehr auf dem höchsten Level.

Und doch mussten Sie sich den Speed-Rekord an der Eigernordwand umgehend zurückholen.
Klar, den ehrgeizigen Rekordjäger gibt es immer noch, der verschwindet nicht von einem Tag auf den anderen. Aber ich bin heute deutlich weniger verbissen als vor 10 Jahren. Früher hat es mich enorm gestresst, über die Weihnachtstage drei Tage still zu sitzen.

Im Untertitel Ihres neuen Buchs heisst es: «Nach jedem Berg bin ich ein anderer.» Sind Sie nicht vielmehr immer der Gleiche geblieben, der sich und anderen immer neu beweisen muss, was er leisten kann?
Klar ist, dass ich mich enorm stark über meine Leistung definiere. Mich macht es kaputt, wenn Leute mich für mittelmässige Leistungen bewundern. Das muss ich noch akzeptieren lernen. Zum Glück gibt es nebst der objektiven Leistung noch die Erlebnisebene. Die 82 Viertausender waren bergsteigerisch keine Glanzleistung. Aber ich war mit Freunden unterwegs und erlebte die Zufriedenheit, am Abend mit müden Beinen einzuschlafen.

Sind all die Strapazen auch Ausdruck einer Unsicherheit?
Ja, das ist so. Wer so viele Rekorde brechen muss, kämpft nicht nur gegen den Berg, sondern auch gegen seine Zweifel. Und die Unsicherheit lässt sich mit Rekorden nicht aus der Welt schaffen.

Haben Sie einen guten Zugang zu Ihren Emotionen? In Fachmagazinen hat man Ihnen den Übernamen «Swiss Machine» gegeben.
Ich bin keine Maschine. Wenn ich ein schlechtes Gefühl habe, gehe ich nicht weiter. Aber unterwegs bin ich ohne jede Emotion, da gibt es nur das Ziel und den Plan. Da reduzieren sich die gefährlichsten Situationen auf rationelle Fragen wie die nach dem nächsten Griff. Und doch klettert die Intuition mit. Gewisse Entscheidungen kannst du nicht erklären.

Erleben Sie Glücksgefühle während einer Tour, auf dem Gipfel zum Beispiel?
Nein, auf dem Gipfel bin ich sehr nüchtern; wenn du da emotional wirst, verlierst du den Fokus. Es ist ein kurzer Moment der Freude, der Erleichterung, mehr nicht. Das Glücksgefühl stellt sich bei mir meist erst ein paar Tage später ein, mit etwas Distanz.

Was kommt nach den Rekorden?
Eine Möglichkeit ist, noch vermehrt bei Scarpa in der Schuhentwicklung mitzuwirken. Das mache ich heute schon mit Freude. Das bewahrt mich hoffentlich davor, wie zahlreiche grosse Bergsteiger zwischen 40 und 45 am Berg den Tod zu finden. Ich habe das ein wenig analysiert und bin erschrocken, wie viele nach dem 40. Geburtstag verunglückt sind. Vielleicht ist es mein Glück, dass ich meine Midlife-Crisis schon mit 37 Jahren am Annapurna ausgelebt habe. Ich glaube, ich werde nicht mit 50 Jahren noch Rekorden in den Bergen nachjagen. Da verbeisse ich mich lieber in die Aufgabe, den besten Schuh zu entwickeln.

Kann das ähnlich spannend sein wie Gipfel zu erklimmen?
Ich hoffe es. Ich muss etwas finden, das ich mit Hingabe machen kann. Wenn ich irgendwo ein- und ausstempeln müsste, würde ich das nicht aushalten. Ich habe nie verstanden, wie man etwas tun kann, bei dem man immer den Feierabend, das Wochenende, die Ferien herbeisehnt. (Der Bund)

Erstellt: 11.02.2017, 08:17 Uhr

Infobox

Ueli Steck

Der Extrembergsteiger, geboren 1976 in Langnau, begann als 12-Jähriger mit dem Klettern und durchstieg bereits mit 18 Jahren die Eigernordwand. 2015 stellte er dort einen neuen Temporekord auf: 2:22:50 Stunden auf der Heckmair-Route. Im gleichen Jahr bestieg Steck in 62 Tagen alle 82 Viertausender der Alpen, wobei er die Strecken dazwischen zu Fuss, mit dem Rad oder Gleitschirm zurücklegte. 2013 durchstieg er in 28 Stunden solo die Annapurna-Südwand. Steck lebt mit seiner Frau Nicole in Ringgenberg. (mmw)

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