Heilung für das gebrochene Herz

Die Uni Bern hat ein Selbsthilfeprogramm gegen den Trennungsschmerz entwickelt. Ob es tatsächlich funktioniert, können Betroffene nun testen.

Hilfe bei Trennungsschmerz. Foto: Shutterstock

Hilfe bei Trennungsschmerz. Foto: Shutterstock

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Was ist schwieriger: wenn der geliebte Partner stirbt oder wenn er sich getrennt hat? Und was genau läuft in der Phase nach dem Beziehungsende ab? Das versucht das Institut für Psychologie an der Uni Bern gerade herauszufinden. «Bislang hat sich die Forschung fast ausschliesslich mit Trennungen durch Tod befasst. Wir möchten aber auch wissen, was bei Trauer nach Trennungen hilft», sagt der Projektleiter und Professor für klinische Psychologie Hansjörg Znoj. Die Studie «Selbsthilfe für Getrennte» rückt nun also erstmals die Trauer von Verlassenen in den Fokus, deren Trennung mindestens sechs Monate zurückliegt. «Wir Trauerforscher gehen davon aus, dass intensive Zustände mit Kummer und schlaflosen Nächten in den ersten Monaten nach einer Trennung völlig normal sind», sagt Hansjörg Znoj. Davor müsse man gar nicht erst eine Besserung erwarten. Wenn es aber nach sechs Monaten nicht langsam leichter werde, könne es sinnvoll sein, sich Hilfe zu holen.

Erkenntnisse aus der Trauerforschung

Das Problem ist, dass der Freundeskreis die Leier dann oft schon lange nicht mehr hören kann und dass die wenigsten wegen ihres Trennungsschmerzes einen Therapeuten aufsuchen. Dazu hat das Forschungsteam zusammen mit dem Psychologen Thomas Berger, der auf Onlineselbsthilfe spezialisiert ist, ein Programm entwickelt, das Betroffene, die mit der Trennung nicht zurechtkommen, bis Frühjahr 2017 kostenlos testen können. Die Uni Bern treibt die Forschung im Bereich Onlinetherapie an. Die Erfolgsquote internetbasierter Selbsthilfe ist laut Znoj recht gut und kann praktisch mit der Face-to-Face-Therapie in einer Praxis mithalten.

Inhaltlich stützt sich das Programm der Uni Bern auf die Erkenntnisse der Trauerforschung, Znoj hat mehrere Bücher darüber geschrieben. «Wir gehen davon aus, dass bei Trennungen durch Beziehungsende und Trennungen durch Tod ähnliche Prozesse ablaufen. Deswegen glauben wir, dass unser Programm funktioniert», so Znoj. Es besteht aus insgesamt zehn Modulen, die nacheinander absolviert werden können.

Im ersten geht es darum, zu verstehen, was bei einer Bindung genau passiert und weswegen sich die Trennung so schmerzhaft anfühlt. «Wenn man sich verliebt, wird der Partner verkörperlicht, sozusagen in die eigene Welt einverleibt, es findet eine Art physiologischer Umbauprozess statt», erklärt Znoj. Der Körper erwarte dann bestimmte Bestätigungssignale, die nach der Trennung plötzlich ausbleiben. Das löse letztlich den Schmerz aus. Zwar ist die Trauerreaktion intensiver, je näher uns eine Person stand. «Der Trennungsschmerz sagt aber nichts über die Qualität der Beziehung aus. Es spielt auch keine Rolle, wie lange man zusammen war.» In den nächsten Modulen geht es mit verschiedenen Übungen hauptsächlich darum, seine eigenen Ressourcen zu aktivieren, damit man selber wieder aus der Trauerschleife herausfindet. «Man braucht sich nicht etwas im Sinne von ‹positiv denken› einzureden», sagt Hansjörg Znoj. Es könne hilfreich sein, Dinge zu unternehmen, die einem Spass bereiten. Freunde treffen zum Beispiel, an ein Konzert oder ins Kino, gut essen gehen. Die Idee ist, über schöne Erlebnisse zu optimistischeren Gedanken zu finden.

Zu viele Selbsthilfe­angebote sind kontraproduktiv

In den Modulen geht es aber nicht nur darum, sich selber Gutes zu tun und den Fokus auf andere soziale Bindungen zu richten. Man muss sich auch schmerzhaften Gefühlen stellen oder Ungeklärtes aufarbeiten. Pro Modul haben die Forscher eine Woche vorgesehen, nach etwa drei Monaten sollte man die Trennung oder Scheidung emotional so weit verarbeitet haben, dass man in der Lage ist, sich mit der neuen Lebenssituation zu arrangieren. Allerdings haben einige der ersten Testpersonen laut Znoj mehr Zeit benötigt.

Im Sinne der Selbsthilfe ist man bei der Onlinetherapie auf sich allein gestellt. Zwar erhält man beispielsweise Schreibaufgaben oder muss Fragebögen ausfüllen, und die Studie wird von den Forschern überwacht, vieles ist jedoch automatisiert. «Für akute Krisen ist das Selbsthilfeprogramm nicht geeignet», betont Hansjörg Znoj. Es handelt sich sozusagen um ein interaktives Selbsthilfebuch in elektronischer Form. Die Forscher erhoffen sich von der Studie, Erkenntnisse zur Trauerbewältigung bei Trennungen zu gewinnen. Gleichzeitig wollen sie den Betroffenen dabei helfen, mit eigener Kraft aus der verfahrenen Situation herauszufinden. Dem wachsenden Geschäft mit den Selbsthilfeangeboten steht Hansjörg Znoj aber kritisch gegenüber. Den Leuten werde damit einerseits suggeriert, immer sofort Gegensteuer geben zu müssen, und andererseits, dass mit ihnen etwas nicht stimme. «Es ist aber völlig normal, dass es einem auch mal nicht gut geht.»


Das Selbsthilfeprogramm ist kostenlos: www.online-therapy.ch. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.10.2016, 15:09 Uhr

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