«Bund» im Gespräch

«Niemand hilft uns, weil wir blaue Augen und das Matterhorn haben»

Am «Bund im Gespräch» äusserte sich Verteidigungsminister Ueli Maurer, über den Gripen, Auslandseinsätze und Fussschweiss von Rekruten.

Video: Mike Wyniger/Crosscam

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Die SVP ist im Hoch. Seit die Partei am 9. Februar die Initiative «gegen Massen- einwanderung» gewonnen hat, dominiert sie die Schlagzeilen. Verteidigungsminister Ueli Maurer, der SVP-Vertreter im Bundesrat, konnte von dieser Aufmerksamkeit nicht profitieren. Mehrere seiner Projekte sind mit Gegenwind konfrontiert. Am schwersten wiegt aber nach wie vor das Gripen-Nein vom 18. Mai. Auch im Rahmen des Podiums «Bund im Gespräch» im Berner Hotel Bellvue Palace wurde der Verteidigungsminister wieder an die Abstimmungsschlappe erinnert.

«Ich komme nicht darum herum, in einer Wunde zu stochern», sagte Gesprächsleiter Patrick Feuz, designierter «Bund»-Chefredaktor und aktueller Leiter der Bundeshausredaktion und konfrontierte ihn gleich zu Beginn mit der Niederlage. Maurer reagierte gelassen: «Wir werden es einfach nochmals probieren», sagte er. Voraussichtlich 2020 gebe es wieder eine Evaluation für neue Militärflugzeuge. Er könne sich vorstellen, dass Gripen dann wieder eine Offerte einreichen werde. «Jetzt steht aber zuerst die Boden-Luft-Abwehr im Vordergrund.»

Für welche Bedrohung die Armee überhaupt gerüstet sein müsse, konnte der Bundesrat hingegen nicht so genau sagen. «Wir wissen nicht, wer uns bedrohen wird, aber wir können fast niemanden ausschliessen», antwortete er. Zudem kenne man die Waffen, gegen die man sich schützen können müsse. Sowieso plane man bei der Anschaffung von neuen Waffensystemen mit einem Zeithorizont von 30 Jahren.

Sensortechnik statt Brieftauben

Ueli Maurer, das wurde auch gestern wieder sichtbar, versteht es, die Leute für sich einzunehmen. Er ist schlagfertig, argumentiert mit leicht verständlichen Beispielen und geht auf die Lebensrealität der (älteren) Zuhörer ein. Wieso dass die Armee immer teurer werde, obwohl sie immer weniger Leute umfasse, wollte Feuz wissen. «Wir arbeiten heute mit modernster Sensortechnik und nicht mehr mit Brieftauben», antwortete Maurer. «Jeder weiss, einen Computer zu ersetzen ist teurer, als ein neues Farbband für die Schreibmaschine zu kaufen.»

Will man, dass sich der Bundesrat entrüstet, stellt man Fragen wie: «Ist die autonome Verteidigung der Schweiz nicht ein Mythos?» Oder: «Drängt sich nicht ein Beitritt zur Nato auf?» «So etwas kann auch nur einem Journalisten einfallen», sagte Maurer. Ein Beitritt zur Nato käme die Schweiz massiv teurer, als der Alleingang. «Niemand hilft uns, weil wir schöne blaue Augen und das Matterhorn haben».

Die Nato bestünde auf Gegenleistungen. Und da gehörten wohl auch Auslandeinsätze dazu. Solche seien aber nicht mehrheitsfähig. «Nicht wegen dem Maurer oder der SVP, sondern wegen dem Volk.» Eine Ausnahme diesbezüglich sei der Swisscoy-Einsatz im Kosovo. Er gehe davon aus, dass man diesen 2017 verlängeren werde. «Vor allem der Norden vom Kosovo ist nach wie vor ein Pulverfass.» Entlastung könne allenfalls ein Beitritt Serbiens zur EU bringen.

«Aus der Seele gesprochen»

Wenn Maurer auftritt, kommen vor allem seine Gesinnungsgenossen. «Er hat mir wieder aus der Seele gesprochen», sagte ein Mann nach dem Podium zu seinem Sitznachbarn. Mehrmals erntete der Verteidigungsminister Lacher und wurde schliesslich mit Applaus verabschiedet. Bei der Fragerunde musste er sich aber auch kritische Fragen anhören. «Wie weit sind Sie mit Ihrem grossspurig angekündeten Projekt, die beste Armee der Welt zu schaffen?», fragte ein älterer Mann. «Etwa bei 75 Prozent», entgegnete Maurer. Bei Infrastruktur, Ausbildung und Auftreten seien Verbesserungen eingetreten.

Nachholbedarf bestehe noch bei der Identifikation der Bevölkerung mit der Armee. «Dort sind wir erst bei 50 Prozent.» Eine junge Frau hakte nach: «Viele meiner Freunde klagen über die veraltete Ausbildung», sagte sie. An der Ausbildung könne es nicht liegen, erwiderte Maurer. «Die ist top modern.» Das negative Image komme eher davon, dass viele Rekruten noch nie das Zimmer mit anderen Männern geteilt hätten. «Einige schnarchen, andere haben Fussschweiss und wieder andere gehen mitten in der Nacht aufs Klo – das sind die Probleme, mit denen wir uns herumschlagen.»

Gesprächsleiter Feuz nahm den Steilpass dankend an. Ob die Schweiz die beste Armee der Welt habe, bleibe wohl umstritten, sagte er. «Aber sicher haben wir den lustigsten Verteidigungsminister der Welt.»

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.08.2014, 10:48 Uhr

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