Heil dir, Helvetia?

Von Alexander Sury. Aktualisiert am 14.10.2009

Die Lage des Landes war schon angenehmer: Die ureidgenössischen Mythen taugen längst nicht mehr, und trendbewusste «Swissness» reicht auch nicht aus. Der 4. «Bund»-Essaypreis fragt deshalb: «Haben Sie eine Idee für die Zukunft der Schweiz?»

Das Kreuz mit der Schweiz. (Montage: Adrian Moser)

Das Kreuz mit der Schweiz. (Montage: Adrian Moser)

«Wer sind wir eigentlich», fragte der Schriftsteller Adolf Muschg ein Jahr nach dem epochalen Umbruch 1989, «wenn die alte Schutz- und Trutzgemeinschaft der Eidgenossen sich nicht mehr durch die einigende Kraft der Abwehr definieren lässt?» Ja, wer sind wir eigentlich? Und was macht den oft beschworenen Sonderfall Schweiz in Abgrenzung zu anderen (noch) aus? Und schliesslich: Wo ist unser Platz in Europa und in der Welt?

Kaspar Villiger weiss das genau. In seinem Buch «Eine Willensnation muss wollen» – das politische Vermächtnis des Alt-Bundesrates erschien diesen Frühling – hält der heutige UBS-Verwaltungsratspräsident stolz fest: «Man kann füglich behaupten, dass die Schweiz das vielfältigste Land Europas mit der grössten Erfahrung im Umgang mit Pluralität ist.» Der Kleinstaat im Herzen Europas habe, wenn er sich auf seine Stärken besinne und die weltweite Verankerung der «Qualitätsmarke Schweiz» auch künftig erfolgreich bewerkstellige, «durch offenen Geist, hohe Lebensqualität und ein leistungsfähiges Bildungssystem» die Chance, in einem «cluster of excellence» – frei übersetzt: dank einer unwiderstehlichen Anhäufung von Vortrefflichkeit – die besten Köpfe anzuziehen.

Auch wenn wir Herrn Villiger nur ungern widersprechen: Der Staat Schweiz und seine führenden Repräsentanten wirken dieser Tage recht kraftlos und brillieren nicht durch strategische Weitsicht. Die helvetische Willensnation ist in Rückzugsgefechte verwickelt: Der Druck auf das Land wächst in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise. Wir spüren es alle: Ein Volk von Rosinenpickern und Bauernschlauen hat im Ausland nicht mehr viele Freunde. «Jetzt in der Krise», sagte kürzlich FDP-Nationalrätin Christa Markwalder, «fehlen uns Allianzen und politische Instrumente, um unsere Interessen zu wahren.»

In unserem heimeligen Gefängnis

Die alten Mythen aus den Zeiten «geistiger Landesverteidigung» taugen nicht mehr, neue sind nicht in Sicht. Die trendige «Swissness» allein reicht auch nicht aus. Alles deutet auf eine schwere Identitätskrise des Landes hin. Diese Identitätskrise brach nach dem Ende der bipolaren Welt, in der sich die neutrale und vom Krieg verschonte Schweiz bequem zwischen den Machtblöcken und gleichsam hinter dem «Ofen der Weltgeschichte» eingerichtet hatte, eher schleichend aus. Die Rahmenbedingungen des neutralen Kleinstaates änderten sich indes fast über Nacht fundamental. Noch heute, 20 Jahre später, sind die Schockwellen dieser von weiten Teilen der Classe politique verdrängten Erkenntnis nicht verebbt. Oder in den Worten von Adolf Muschg, 1990 im Essayband «Die Schweiz am Ende. Am Ende die Schweiz» formuliert: «Mit einem Schlag beginnt auch den Schweizern zu dämmern, dass es im Verein unseres Erdteils keine Passivmitglieder mehr geben kann, die ihre Zugehörigkeit nur mit einem Gönnerbeitrag nachweisen. Der Loskauf von der Geschichte ist auch für die Privilegiertesten unerschwinglich geworden.»

Es war Friedrich Dürrenmatt vorbehalten, wenige Monate vor seinem Tod anlässlich der Verleihung des Gottlieb-Duttweiler-Preises an Vaclav Havel 1990 der Schweiz mit der ihm eigenen Unerbittlichkeit den Spiegel vorzuhalten. Hatte der Dichter einst die Neutralität als List eines kleinen Landes bezeichnet, relativ unbeschadet durch die Irrungen und Wirrungen der Zeitläufte zu kommen, so brachte er die Schweiz nun in Zusammenhang mit seiner liebsten dramatischen und geschichtsphilosophischen Kategorie: der Groteske.

Die Schweiz sei ein Gefängnis, konstatierte Dürrenmatt, wohin sich die Schweizer geflüchtet hätten: «Weil alles ausserhalb des Gefängnisses übereinander herfiel und weil sie nur im Gefängnis sicher sind, nicht überfallen zu werden, fühlen sich die Schweizer frei, freier als alle anderen Menschen, frei als Gefangene im Gefängnis ihrer Neutralität.» Ein Umstand bleibe aber in diesem Konstrukt eine ständige Herausforderung: zu beweisen, «dass das Gefängnis kein Gefängnis, sondern ein Hort der Freiheit ist». Die ebenso geniale wie letztlich wahnhafte Lösung sieht nach Dürrenmatt so aus: «Jeder Gefangene beweist, indem er sein eigener Wärter ist, seine Freiheit.»

Achtung: «Identitätsverlust» droht!

Der bilaterale «Königsweg», den die Schweiz nach dem EWR-Nein 1992 eingeschlagen hat, entpuppt sich wenn nicht als Gefängnis, so doch als stetig heikler werdende Gratwanderung voller Sonderbestimmungen, flankierender Massnahmen und Übergangsfristen. Der Einfluss des EU-Parlaments auf die Schweiz ist unbestreitbar gross. Kürzlich wurde das Europäische Parlament gewählt, 736 Sitze waren zu besetzen. Proportional zu ihrer Bevölkerungszahl wäre die Schweiz mit knapp 20 Sitzen in diesem Parlament vertreten. Aber wir sind nicht im Club, weil eine Mitgliedschaft – so wird uns von den EU-Gegnern unablässig eingetrichtert – eine Schwächung der direkten Demokratie und eine Beschneidung der Volkssouveränität bedeuten würde. Studien zeigen jedoch überzeugend, dass Volksinitiativen und Referenden bei einer EU-Mitgliedschaft der Schweiz auf Gemeinde- und Kantonsebene kaum tangiert und auf Bundesebene in über 80 Prozent der Fälle noch möglich wären.

Auch Kaspar Villiger optiert in seinem Buch aussenpolitisch für den bilateralen Weg. Der Beitritt zur Europäischen Union ist laut Villiger politisch mit «Identitätsverlusten verbunden und würde die Willensnation Schweiz folgenschwer schwächen». Für den Alt-Bundesrat kann der «steinige bilaterale Weg» nicht Anlass sein, «die Errungenschaften des politischen Kunstwerks Schweiz preiszugeben». Das filigrane Kunstwerk Schweiz versus die monströse EU-Pfuscherei in Brüssel. Rätselhaft und vielleicht ein Fall für auf Länder spezialisierte Psychoanalytiker bleibt es gleichwohl: Geografisch in der Mitte des Kontinents gelegen, durch kulturelle und sprachliche Vielfalt nach 1848 inmitten repressiver Monarchien ein demokratisches, föderalistisches Mini-Europa avant la lettre, tut sich ausgerechnet die Schweiz so schwer mit der Vorstellung, Teil eines supranationalen Gebildes zu sein.

«Die Schweiz ist eine Firma»

Und so stellt sich die bange Frage: Laufen wir, trotzig auf der ebenso paradoxen wie verräterischen Formel «Autonomer Nachvollzug» beharrend, sehenden Auges in eine europapolitische Sackgasse? Verspielt die Schweiz am Ende ihre Zukunft?

Es ist höchste Zeit, wieder eine inspirierende Idee für unser Land zu entwickeln. Der Publizist und Dokumentarfilmer Roman Brodmann (1920–1990) forderte einst die «Rotkreuz-Schweiz»: Das Land schafft das Militär ab, erklärt sich zum Rotkreuzstaat und nimmt in Konfliktfällen die Verletzten auf. Die Realität sieht anders aus: «Momentan ist die Schweiz eine Firma, jetzt müssen wir wieder zu einem Staat werden», diagnostizierte der Schriftsteller Thomas Hürlimann kürzlich in der Wochenzeitung «Die Zeit». Und Adolf Muschg gab schon vor zwei Jahrzehnten zu bedenken: «Ob die Schweiz sein muss, sein darf, hängt davon ab, ob sie ein Teil des Problems bleibt oder sich entwickelt zu einem Teil der Lösung.»

Beenden wir die kursorischen Betrachtungen mit einem optimistischen Akzent und zitieren nochmals Kaspar Villiger: «Die Schweiz ist ein lebendiges Beispiel dafür, dass Verschiedenes erfolgreich zusammenleben kann. Und sie ist offen für alle, die ihre Spielregeln akzeptieren und sich dem Willen der Willensnation anschliessen.» Ist das die Idee für die Zukunft der Schweiz? (Der Bund)

Erstellt: 14.10.2009, 14:01 Uhr

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