Heil dich, Helvetia!
Jürg Schärer, 3. Preis
Der 67 Jahre alte pensionierte Logopäde ist Vater von zwei erwachsenen Töchtern. Seit 12 Jahren ist er in zweiter Ehe mit der Rechtsanwältin Leliane Schärer-Nguiamba verheiratet. Schärer bezeichnet sich als Vielleser, Vielreiser, Vielpolitisierer, Vielgeniesser und neu auch Vielklavierspieler. Es sei deshalb leicht zu erraten, dass er angesichts seiner vielen Interessen – ähnlich wie die Lenker des Schweizer Staatswesens – manchmal ein Zuwenig- oder Zuspätnachdenker sei, der allzu oft in alte Fehler verfalle. (klb
Auf der andern Strassenseite, schräg gegenüber seinem Haus, stand eine abstrakte Skulptur aus drei vierkantigen, aneinandergefügten und leicht gedrehten Säulen – etwa vier Meter hoch. Sie gefielen Erich nicht sonderlich gut, aber er hatte sich im Laufe der Jahre an sie gewöhnt. Sie gehörten nun zum Bild des Städtchens. Ihn störte aber, dass das Weiss nun schmutziggrau geworden war. Die Gemeindebetriebe hatten auf seine mehrmaligen Hinweise nicht reagiert, was er nur schwer begreifen konnte.
Der bevorstehende Nationalfeiertag brachte ihn dann zum Entschluss, die Reinigung selber an die Hand zu nehmen. Er putzte gut drei Stunden lang, denn Staub und Schmutz klebten hartnäckig. Mehrmals musste er die Leiter hinuntersteigen, um in der Küche das Wasser zu wechseln, dann aber sahen die Säulen wieder leidlich sauber aus.
Jemand musste Erichs Tätigkeit aufgefallen sein, denn nach dem Besuch eines Journalisten erschien ein lobender Artikel mit Bild im Gemeindeblatt, und ein Dankesschreiben des Stadtpräsidenten lag kurz danach in seinem Briefkasten. Der Vertreter des Gemeindeblattes machte nicht nur einen Kurzbesuch bei Erich, sondern es entwickelte sich ein angeregtes Gespräch, unterstützt von zwei Flaschen gutem Merlot, sodass sich der Journalist erst gegen Ende des Nachmittags leicht allegro verabschiedete.
Noch am gleichen Abend schrieb er einen ausführlichen Bericht über ihr Gespräch, so angetan war er von Erich, aber der Vorgesetzte befand, der Text sei viel zu lang und passe nicht in ein Gemeindeblatt, und so blieb es bei dem Artikel, welcher die vaterländische Putzerei herausstrich.
Helvetia für das Gefühl
Durch einen Zufall geriet der unveröffentlichte Bericht in meine Hände. Tatsächlich war er sehr lang, und so kürzte ich ihn fast um die Hälfte, beliess aber die meist indirekte Rede, weil mich das authentischer dünkte als eine Zusammenfassung in meinen Worten.
Das Gespräch der beiden setzt natürlich ein beim Thema Denkmal und Nationalfeiertag. Eigentlich weiss niemand so genau, was es ist und woher es kommt, dieses Nationalbewusstsein. Vielleicht einfach deshalb, weil man die einfachste Erklärung, die man bereit hat, für zu einfach hält. Erich meinte: Man ist nicht national aufgewachsen, sondern lokal. Natürlich habe er auch ein Nationalbewusstsein. Er sage stets, die Helvetia sei für das Gefühl da, die Bundesverfassung für den Verstand.
Er habe letzthin eine Kabarettnummer im Fernsehen gesehen über das statistische Jahrbuch der Schweiz. Danach sei die vierte Landessprache, das Rumantsch, erst die neunthäufigste gesprochene Sprache in der Schweiz. Irgendwie sei das typisch für unsere Zeit. Früher seien die Länder fast eine Art kleine Welten für sich gewesen, heute hingen sie viel stärker zusammen.
Ein Geheimnis, das keines ist
Es gebe Leute, die befürchteten, ihr National- oder Heimatgefühl gehe dabei verloren. Das könne er nicht verstehen. Sei etwa das Heimatgefühl der Appenzeller, der Genfer oder der Walliser verloren gegangen, nachdem sie der Eidgenossenschaft beigetreten seien?
Aber nun, und es huschte ein verschmitztes Lächeln über sein Gesicht, sei ihm doch einiges durch den Kopf gegangen. Es sei ihm da erst richtig bewusst geworden, dass ihn mancherlei beschäftige in letzter Zeit. Und so sprudelte es so richtig aus ihm heraus. Wie man sehen wird, verfiel er keineswegs in eine Stammtisch-Schimpftirade, welche sich normalerweise darin erschöpft, jede Menge inkompetenter Dummköpfe auszumachen. Vielmehr verwahrte er sich dagegen und meinte, je mehr Dummköpfe jemand um sich herum sehe, desto wahrscheinlicher sei dieser selber einer.
Das Bankgeheimnis sei ihm schon seit längerer Zeit aufgestossen. Letztes Jahr habe er sogar die Bundesverfassung kommen lassen, um nachzuschauen, ob sie etwas dazu sage. Er habe nichts gefunden, höchstens etwas über gleiche Rechte und gleiche Pflichten. Steuern müssten wir alle bezahlen, und zwar dort, wo wir leben und arbeiten, und die Betriebe an ihren Standorten. Wenn nun die Banken den Leuten im Ausland hülfen, Steuern zu hinterziehen, dann würden sie erstens den andern Staat betrügen und zweitens auch noch die dortigen Staatsbürger, die ihre Steuern ehrlich bezahlten, für dumm verkaufen.
Das Geheimnis mit dem Bankgeheimnis habe er schon lange durchschaut. Es gehe nämlich nur darum, das, was zu versteuern wäre, vor den Steuerbehörden geheim zu halten. Was ihn betreffe, gehöre das auf jeden Fall nicht zum Nationalbewusstsein. Dass sich dann auch noch der Bundesrat hinter oder sogar vor das Bankgeheimnis gestellt habe, hätte den Banken nichts genützt und dem Ansehen der Schweiz geschadet. In der Bundesverfassung stehe nichts davon, eher das Gegenteil.
Der Satz eines Lehrers
Erich lachte und meinte, in der Schule habe er im Geschichtsunterricht ja nicht so oft aufgepasst, aber ein Satz sei ihm in den Sinn gekommen, den der Lehrer immer wieder betont habe: Wer nichts von der Vergangenheit weiss, der bekommt Probleme mit der Zukunft.
Die Eidgenossenschaft sei ja entstanden, weil man gemeinsam besser selbstständig bleiben konnte. Dabei sei es nicht einmal so wichtig gewesen, ob alle die gleiche Sprache gesprochen hätten. Natürlich habe dann Napoleon noch die Verfassung gebracht, aber die Hauptsache sei schon von den Ständen geleistet worden, und aus dem allem sei dann unsere Demokratie entstanden, was eine grosse Leistung sei. Ihn dünke aber, das sei nun schon ordentlich lange her, und unsere Demokratie sei unterdessen, trotz einigen Verbesserungen, schaurig kompliziert und ziemlich schwerfällig geworden. Dank dem, dass unser Bankgewerbe gut aufgebaut worden sei und dass die beiden Weltkriege an uns vorbeigegangen seien, aber auch, weil wir halt fleissig gewesen seien, gehe es den meisten von uns gut.
Ein Verdacht
Bevor er auf die Zukunft komme, müsse er aber noch etwas anderes loswerden. Was ihn immer und immer mehr gestört habe sei, dass Bank- und Geschäftsleute die amerikanische Art und Weise nachgeäfft hätten. Verantwortung und Glaubwürdigkeit seien immer mehr verloren gegangen und der kurzfristige Erfolg gelte mehr als alles andere. Unsere eigene solide Art habe man darob vergessen. Die Finanzkrise sei das Resultat davon.
Und etwas müsse er halt auch noch sagen: Früher habe die Jugendbewegung gebrüllt: «Macht aus dem Staat Gurkensalat!» Heute sagten viele Wirtschaftsleute und ihre Papageien dasselbe, nur in anderen Worten. Das finde er absolut unverantwortlich und dumm. Er jedenfalls kenne keinen Staat auf der Welt, dem es einigermassen gut gehe, ohne dass dort das Staatswesen und die Demokratie funktionierten. Das müsse ja nicht überall gleich aussehen. Er hege halt den Verdacht, dass, wer den Staat verhunze, eigentlich am liebsten sich und seinesgleichen an seine Stelle setzen und dessen Macht haben wolle. Die Wirtschaftskrise zeige, was wir davon erwarten könnten.
Nun, setzte er an, sage man, die Schweiz sei eine Willensnation, also eine Nation, die nicht einfach so von der Sprache oder der Geografie vorgespurt sei. Die Tradition und der Wohlstand hätten sie bisher zusammengehalten und das sei auch gut so gewesen. Unsere nächste und wichtigste Nachbarschaft sei Europa, und das seien früher auch einzelne Länder gewesen. Das seien sie zwar immer noch, aber die allermeisten von ihnen in der EU, etwa so wie die Stände in der Schweiz. Nun fänden viele, darunter auch viele vernünftige Leute, die EU sei abzulehnen und ein Beitritt noch viel mehr. Hätten früher Kantone so gedacht und auch gehandelt, so gäbe es sie heute nicht mehr. Er wage es ganz deutlich zu sagen: An der EU werde sich die Zukunft unseres Landes entscheiden.
Wenn wir nur daran dächten, dass heute bei uns ein Mann Bundespräsident sei, der aus dem Halbkanton eines der kleinsten Kantone stamme, könne man sich doch vorstellen, was eine starke Schweiz in Europa ausrichten könne. Er wolle halt, so wie er es vor Kurzem gelesen habe, lieber mitvollziehen als nachvollziehen.
Ein Land schliesst sich ab
Mit einer eigenartigen Mischung von Verstimmtheit und Traurigkeit sagte er mehr zu sich selbst, je länger er darüber nachdenke, desto weniger verstehe er die Schweiz. Sie habe globale Banken, Weltkonzerne, eine Einwanderung, ohne die es nicht mehr gehe, umliegende Länder, die ihre Landessprachen sprächen, und trotzdem habe er das Gefühl, sie schliesse sich gegen aussen ab – unbeweglich, wie wenn man im Zug sitze und darauf warte, dass die Landschaft vor dem Fenster vorbeigetragen werde.
Natürlich spürten wir die Wirtschaftskrise weniger als andere, aber der Absturz der Swissair, die kostspielige Rettung der einen Grossbank, das Taumeln der Schweizer Rückversicherung – allesamt Riesen – sollten uns zu denken gegen. Die Schlaumeier, die dächten, dass wir, wenn die andern die Wirtschaftskrise mit grossen Anstrengungen einigermassen überwunden hätten, wieder locker aufspringen, würden sich gewaltig täuschen. Wir könnten in diesen rauen Zeiten nicht länger von einem Schonklima profitieren.
Alarmzeichen
Es gebe auch Alarmzeichen in der Politik. Seit einiger Zeit rumple es im Bundesrat kräftig, und die Parteien hätten den Willen zu Kompromissen in ganz wichtigen Fragen längst verloren, falls sie sich diese überhaupt stellten. Trotz Finanzkrise habe wohl noch immer die Zürcher Bahnhofstrasse das Sagen und nicht die Politik. Von wo solle die Erneuerung kommen, wenn nicht von den demokratisch gewählten Gremien. Irgendwie nähmen die aber gar nicht richtig am Weltgeschehen teil und würden auf Veränderungen reagieren. Wenn er daran denke, dass wir das Frauenstimmrecht als eines der letzten Länder eingeführt hätten, so stimme ihn das nicht gerade heiter für die Zukunft. Er hoffe nur, dass sich die Schweiz rechtzeitig dazu aufraffen könne, ihre Zukunft selber – aber nicht allein – zu gestalten.
Hier hielt Erich inne und ich sah ihm an, dass er müde war und, wie ich auch, den Merlot zu spüren begann. Auf dem Nachhauseweg liess ich mir das Gespräch durch den Kopf gehen und schämte mich fast, denn eigentlich hatte ich mit Erich jemand erwartet, der am Vortag des 1. August in patriotischer Hochstimmung seiner kleinbürgerlichen Putzneurose erlegen war. (Der Bund)
Erstellt: 17.02.2010, 15:25 Uhr




