Halten Sie meine Idee für «nett»?

Von Franziska Merz. Aktualisiert am 17.02.2010

«Das Kreuz mit der Schweiz» lautete der Titel des «Bund»-Essay-Wettbewerbs 2009. Die Frage nach der Zukunft des Landes verhallte nicht ungehört. Franziska Merz gewann mit ihrem Beitrag den zweiten Preis.

Auf das diesem Land viele Lichtchen aufgehen: Aktion «1 Million Kerzen» von Caritas am 19.12.2009.

Auf das diesem Land viele Lichtchen aufgehen: Aktion «1 Million Kerzen» von Caritas am 19.12.2009.

Franziska Merz, 2. Preis

Franziska Merz wurde 1984 in Langenthal geboren. «Diese Kleinstadt ist aufgrund ihrer Durchschnittlichkeit beliebt bei der Marktforschung. In Langenthal gibt es einerseits eine Moschee und einen Sikh-Tempel, andererseits ist eine ultrarechte Geisteshaltung mehrheitsfähig – und ja, die Gelateria ist unübertroffen.» Aufgewachsen als «Prinzessin im Wohn- und Pflegeheim meiner Eltern», hat sie einen Bachelor in Zeitgeschichte und Englischer Literatur. Im Blog www.dieganzeweltinbern.ch berichtet sie über ihre Expeditionen in die multikulturelle Schweizer Hauptstadt. (klb)

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, stellen Sie sich ein Gremium vor, welches beauftragt wird, neue Ideen für die Stellung der Schweiz in Europa und in der Welt zu entwickeln, damit diese weiterhin ihre Interessen wahren kann und sich nicht ins aussenpolitische Abseits manövriert.

Stellen Sie sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer genau vor, wie sie um den runden Tisch sitzen und diskutieren. Wie viele Frauen sehen Sie? Wie viele Jugendliche? Wie viele Schwarze? Wie viele «Büezer»? Oder glauben Sie etwa, eine Runde Staatsmänner irgendwo zwischen ihren Vierzigern und sich anbahnender Senilität könnte der Schweiz im Alleingang eine neue Richtung geben?

Ich will den Wert ihrer Erfahrungen nicht missen. Sie wissen, wie der Karren läuft und wie sie ihn wieder aus dem Dreck ziehen. Ihn bunt anzumalen, käme den Herren jedoch nicht in den Sinn.

Ich lese keine Nachrichten

Mit dieser kleinen Einleitung möchte ich rechtfertigen, weshalb gerade ich mir anmasse, etwas zu diesem Thema zu sagen zu haben, bin ich doch nach gebräuchlichen Massstäben zu jung, zu unerfahren, zu verträumt, zu naiv, zu ahnungslos.

Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt und lese keine Nachrichten, weil die unglücklich machen. Ich weiss noch nicht, was ich machen werde, wenn ich einmal gross bin. «All you need is love» ist mein Lieblingslied. Gut, immerhin habe ich an der Uni gelernt, wie man überzeugend, das heisst, wissenschaftlich argumentiert. Jedoch sollten Sie sich als Leserin oder Leser bewusst sein, dass hinter jeder sogenannten Objektivität ein Subjekt mit seinen Unsicherheiten steckt.

Die Vermeidung der ersten Person und des Konjunktivs (der «ich denke» und «ich glaube», der «es wäre möglich» und «es könnte sein, dass») ist nicht selten ein Täuschungsmanöver. Zudem würde man so manches Mal sowieso besser auf seine Gefühle hören, anstatt sich von logisch begründeten Ableitungen überzeugen zu lassen. Fühlen Sie sich also ermuntert, meine Argumentation in diesem Sinne zu beurteilen, nämlich ob sie vom Gefühl her richtig ist.

Das grosse Ausruhen

Ebenso wie Sie inzwischen vermutlich Ihre Erwartungen an mich heruntergeschraubt haben (was durchaus meine Absicht war, ich kann mit Erwartungsdruck nämlich nur schlecht umgehen), sollten Sie es auch mit den Erwartungen tun, welche Sie bezüglich der möglichen Rollen der Schweiz im internationalen Umfeld hegen.

Die Schweiz hat als Kleinstaat kaum Druckmittel, weshalb sie nicht durchsetzen und bestimmen kann, sondern sich auf das Impulse senden und Vorschläge machen beschränken muss. Darum führt der Weg der Schweiz über gute Beziehungen und über das Ansehen, welches sie zum Beispiel aufgrund ihrer aussergewöhnlichen politischen Form, als Mutterland des internationalen Roten Kreuzes oder als zweiter Hauptsitz der Uno geniesst.

Inzwischen dient die direkte Demokratie jedoch nicht zuletzt als Entschuldigung für die fehlende aussenpolitische Dynamik, und die erfolgreiche Integration von vier Landessprachen ins Staatswesen verblasst vor den Anforderungen, welche eine moderne vielsprachige Gesellschaft stellt. Ausserdem wollen wir uns doch wohl nicht auf Erfolgen ausruhen, welche über ein halbes Jahrhundert zurückliegen (Dunant gründete das SRK 1863, die Uno ist seit 1946 in Genf).

Die Dynamik fehlt

Deshalb schlage ich vor, dass wir eine Herausforderung anpacken, mit welcher sich alle westlichen Länder konfrontiert sehen: die sich durch die globale Mobilität kulturell pluralisierende Gesellschaft.

Die Schweiz soll aktiv und mit Nachdruck eine schweizerische Gemeinschaft fördern, welche den sich seit Jahrzehnten verändernden gesellschaftlichen Gegebenheiten Rechnung trägt. Statt verbissen am Leitsatz festzuhalten, dass alles gut ist, wie es ist, und wesentlich besser war, wie es war, soll die Schweiz für einmal offensiv den Anforderungen der Zeit begegnen.

Indem sie Konzepte entwickelt, wie die vielfältigen kulturellen Hintergründe in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens integriert werden können, wird sie internationale Aufmerksamkeit erregen. Viel wichtiger aber scheint mir, dass die schweizerische Gesellschaft die Dynamik gewinnen wird, die ihr momentan fehlt, weil sie sich gegenüber dem Potenzial der Vielfalt verschliesst.

Veraltete Prinzipien

Wen nennen Sie Schweizer oder Schweizerin? Wer in der Schweiz von Eltern geboren wird, welche ebenfalls in der Schweiz aufgewachsen sind? Auch wenn die Grosseltern allesamt aus der Türkei stammen? Oder ist Schweizer, wer den Schweizer Pass besitzt? Wieso ist dann von Arijeta und Natascha, beide sind in der Schweiz aufgewachsen, nur eine der beiden Schweizerin?

Ich bin der Überzeugung, dass wir uns von solchen Einordnungen lösen müssen, es handelt sich um veraltete Prinzipien. In Zukunft wird Schweizerin und Schweizer sein, wer in der Schweiz lebt, arbeitet, Steuern zahlt, das soziale, wirtschaftliche oder politische Leben mitgestaltet.

Die Identitäten werden ohnehin zu komplex sein, um sie in alte Schemata einzuordnen. Mit jeder neuen Generation werden mehr Kinder über ihre Eltern oder Grosseltern im Rahmen von mindestens zwei Kulturen aufwachsen. Multiethnische Verbindungen liegen bereits heute im Trend.

Über den Gartenzaun hinaus

Wichtig wäre folglich die Förderung einer Gesellschaft, in der die Vielfalt nicht zu einer Auflösung führt. Wir wollen selbstverständlich keine aus isolierten Gemeinschaften bestehende Schweiz. Dafür brauchen wir jedoch neben dem Raum für die Pflege der eigenen Traditionen auch die Begegnung und den Austausch mit anderen Lebenswelten.

Der Staat soll Projekte, in denen solche Begegnungen stattfinden, konsequent und finanziell im grossen Stil unterstützen. Statt seine Mittel für Militärflugzeuge und fragwürdige Beschäftigungstherapien von WK-Soldaten zu verschwenden, Pardon: aufzuwenden, würde er besser Begegnungszentren, Kunstschaffende aller Kulturen, Konzerte, Volksfeste, Auslandaufenthalte, Nachbarschaftshilfen oder Tanz- und Kochkurse fördern.

Denn mit Deutsch- und Integrationskursen für Zugezogene ist die Integrationsarbeit nicht getan, diese muss unbedingt auch die Einheimischen hinter ihren Gartenzäunen hervorholen. Letztere sollen, wenn immer möglich, die Gelegenheit erhalten, allfällige Vorurteile und Ängste durch konkrete positive Erfahrungen abzubauen.

Begegnung heisst das Zauberwort

Die Neugierde soll gegen das Misstrauen ausgespielt werden. Herr und Frau Schweizer sollen unzählige Gelegenheiten erhalten, sich auf SF2 koreanische Filme anzuschauen, sich von den Rhythmen an einem afrikanischen Festival mitreissen zu lassen, an einer Literaturlesung Einblick in den ecuadorianischen Alltag zu erhalten, sich auf Radio DRS in die serbische Musik einführen zu lassen oder ihren Kindern Geschichten aus Kongo erzählen zu können.

Eine entscheidende Rolle dürfte dabei der Informationsabgabe zukommen. Es sollten Informationsplattformen zur Verfügung stehen, welche einem jeden ermöglichen, sich über das kulturell vielfältige Angebot in seiner Umgebung in Kenntnis zu setzen. So viele Menschen wie möglich sollen ebendiese Vielfalt als Bereicherung ihres persönlichen Alltags erleben können.

Begegnung heisst das Zauberwort. Der Staat soll der Schaffung von Orten, wo Menschen verschiedener Herkunft sich persönlich begegnen, Vorschub leisten, wie eben Mittagstischen, Zeittauschprojekten, Chorsingen, Lesezirkeln, Jugendtreffs, Wandergruppen und so weiter.

Frisches Polit-Personal

Ich stelle Sie mir gerade vor, liebe Leserin, lieber Leser. Im besten Fall halten Sie meine Idee für «nett». Vermutlich hätten Sie einen Fünfjahresplan bevorzugt, der als Lösung zum Beispiel die zeitgleiche Verbesserung der internationalen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Kooperation vorgesehen hätte.

Doch meiner Meinung nach brauchen wir für neuen Wind in der helvetischen Aussenpolitik frische, bewegliche Politikerinnen und Politiker und diese werden nicht von einem Volk gewählt, dessen Blick nicht über den eigenen Tellerrand hinausreicht. 1848 haben sich in diesem Land Menschen verschiedener Kulturen, Sprachen und Konfessionen zusammengeschlossen und für 2020 würde ich mir erhoffen, dass uns dieses Kunststück erneut gelingt.

Unsere Fussballer als Vorbild

Genauso wie heute im Fussball Yakin, Fernandes und Vonlanthen für unser Land in der Fussball-Nationalmannschaft Tore schiessen, sollen Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen die Interessen der Schweiz vertreten können.

Neben dem Ansehen, welches die Schweiz für diese eingeschlagene Richtung international erhielte, sowie neben der Dynamik, welche ihr Innenleben durch die Partizipation von Menschen unterschiedlicher Herkunft erfahren würde, sollten nicht zuletzt auch unsere aussenpolitischen Interessen von Schweizer Botschaftern aus anderen Kulturen erfolgreicher vertreten – und manch ein Tritt ins Fettnäpfchen vermieden – werden können. (Der Bund)

Erstellt: 17.02.2010, 15:19 Uhr

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