Essay-Wettbewerb: Diskurs in der Klemme

Von Bernhard Ott. Aktualisiert am 25.01.2010

Mit einem fiktiven Text über das Phänomen des Fraktionstätowierens gewann der 56-jährige Berner Autor Markus Heimlicher den 4. «Bund»-Essay-Wettbewerb zum Thema «Das Kreuz mit der Schweiz».

Sein Held ist ernsthaft in Sorge: Der Autor des Sieger-Essays, Markus Heimlicher. (Adrian Moser)

Sein Held ist ernsthaft in Sorge: Der Autor des Sieger-Essays, Markus Heimlicher. (Adrian Moser)

Stichworte

Es ist eine Ironie im Schicksal des in Bern aufgewachsenen Romanciers Paul Nizon, dass ihn eine breitere Öffentlichkeit bis heute mit einem schmalbrüstigen Essay in Verbindung bringt, den er vor 40 Jahren geschrieben hatte. Unter dem Titel «Diskurs in der Enge» lieferte Nizon das Stichwort für eine Epoche der Schweizer Literaturgeschichte, in der das Leiden an der angeblichen Schicksalslosigkeit und an der Verschontheit des Kleinstaates zelebriert wurde. Seit dem Ende des Kalten Krieges und spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist dieser literarische Topos aber verblasst. «Nie war die Schweiz weniger ein literarisches Thema als jetzt», konstatierte NZZ-Redaktor Roman Bucheli vor acht Jahren. Und Nizon selber sagte vergangenen Herbst in einem der Interviews zu seinem 80. Geburtstag: «Im ,Diskurs ging es mir nicht nur um die Enge, sondern auch um die Verlogenheit und die Profitierhaltung der Schweiz unter der Maske der Unsichtbarkeit. Inzwischen ist das wohlbekannt.»

Wo bleibt der Kampfwille?

Vor diesem Hintergrund durfte man zu Recht gespannt sein, in welcher Form sich Autorinnen und Autoren im Jahr 2010 der Auseinandersetzung mit der Schweiz stellen würden. Mit rund 40 Einsendungen hielt sich das Interesse am 4. «Bund»-Essay-Wettbewerb zum Thema «Das Kreuz mit der Schweiz» gegenüber den Vorjahren in Grenzen, sagte Moderator Simon Chen an der Preisverleihung vor rund 300 Zuschauern in der Berner Dampfzentrale. Die prominent bestückte Jury, bestehend aus dem Schriftsteller Lukas Hartmann, der Politologin Regula Stämpfli und «Bund»-Chefredaktor Artur K. Vogel, stellte dem Publikum schliesslich drei Werke zur Wahl. Stämpfli versuchte die Erwartungen aber gleich zu Beginn etwas zu dämpfen. Sie vermisse in den Texten den Willen, «mit der Schreibmaschine» gegen das Kreuz mit der Schweiz anzukämpfen, sagte Stämpfli unter Anspielung auf ein Diktum des Dichters und Antifaschisten Kurt Tucholsky.

«Ich lese keine Nachrichten»

Im Unterschied zu Nizon, der das Leben einst mit der Auswanderung nach Paris herauszufordern versuchte, holt sich die 25-jährige Franziska Merz die Welt nach Bern. Sie brauche nicht in der Welt herumzureisen, um Erfahrungen zu machen, sagte die Historikerin und Anglistin keck – und benutzte den Auftritt vor Publikum sogleich, um Werbung für ihre Website zu machen, auf der sie ihre Erlebnisse beim Besuch im tamilischen Hindutempel in Ausserholligen oder bei den Termiten im Tierpark verarbeitet. Merz hatte einen überzeugenden Auftritt und zeigte eine belebende Naivität, mit der sie zugleich auch kokettierte. Ob die im Text beschworene Utopie einer Schweiz, die sich der Zukunft stellt, aber ebenso erfrischend dynamisch ist wie der Auftritt der jungen Frau, sei dahingestellt. Merz stellt sich die ideale Schweiz als eine Art grosses Kulturzentrum vor, in welchem der Staat seine Mittel in Begegnungszentren statt in den Kauf von Militärflugzeugen fliessen lässt. «Ich bin fünfundzwanzig und lese keine Nachrichten, weil die unglücklich machen», lautet einer der Kernsätze des Textes. Damit schaffte es Merz in der Urnenabstimmung des Publikums immerhin auf Platz zwei.

«Immer mehr Schwierigkeiten»

Ihre beiden Mitkonkurrenten stammten «vom anderen Ende der biografischen Skala», wie sich der drittplatzierte Jürg Schärer äusserte. Der 67-Jährige ehemalige Logopäde mutete seinen Zuhörern eine längere Abhandlung in indirekter Rede zu, die sich aus der Rahmenhandlung seiner Geschichte unter dem Titel «Heil dich Helvetia» ergab.

Nachdem er die Behörden mehrmals vergeblich auf den vernachlässigten Zustand der Skulptur auf dem Hauptplatz seines Städtchens aufmerksam gemacht hat, legt ein Held namens Erich gleich selber Hand an. Die selbstlose Putzaktion führt zu einer Geschichte im Lokalblatt, deren ursprüngliche Version aber unterdrückt wird. Ein namenloser Ich-Erzähler hat diese aufgefunden, bearbeitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Gedanken Erichs zeugen von einer echten Bekümmernis über die Zukunft der Schweiz. Die Erkenntnisse über den Wandel vom isolierten Nationalstaat zur globalisierten Welt muten aber nicht wirklich aufsehenerregend an. Von Erich erfährt man, dass er «irgendwie spüre», dass die Schweiz «immer mehr Schwierigkeiten» bekommen werde. Die Zukunft des Landes werde sich an der EU entscheiden. Erich hofft, dass sich die Schweiz noch rechtzeitig aufraffen könne, um ihre Zukunft zu gestalten.

Manipulierte Politikerkaste

Ernsthaft in Sorge ist auch Nationalrat Peter Wendschatz, der Held im Siegertext des 56-jährigen Markus Heimlicher. In einem sprachlich brillanten Text bietet Heimlicher Einblick in ein bisher unbekanntes politisches Ritual, das Fraktionstätowieren. Darüber hinaus entwirft Heimlicher das Bild einer Politikerkaste, die von dubiosen Wirtschaftskreisen nicht nur tätowiert, sondern auch via Ohrstöpsel gesteuert wird. Was seine Mitkonkurrenten in ihren Texten bloss behaupten, zeigt Heimlicher anhand einer Geschichte: Die Politik und damit das Land befinden sich in einer grossen Krise. Gefangen in ihrem Mythos und gelähmt von den Herausforderungen der Zukunft, driftet die Schweiz ziel- und führungslos dem Kollaps entgegen. Wendschatzs Utopie einer Herrschaft der Weisen, in der nur mitreden darf, wer sich über fachliche und soziale Kompetenzen ausgewiesen hat, erinnert aber stark an die Visionen französischer Frühsozialisten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Das Ende des Sonderfalls

Allen drei Texten gemeinsam ist die Erkenntnis, dass der Wandel der Schweiz nottut, weil die Welt seit dem Ende des Kalten Krieges und im Zeichen der Globalisierung mächtig in unser Land drängt. Jurymitglied und «Bund»-Chefredaktor Artur Vogel rühmte einen der Texte in seiner Laudatio als «tiefsinnige Analyse des helvetischen Sonderfalls». Vielleicht liegt darin ein Missverständnis in der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit der Schweiz begründet. Die Schweiz ist kein Sonderfall mehr. Die Welt klopft an ihre Tür und schert sich nicht um ihre Eigenheiten. Aus dem «Diskurs in der Enge» von 1970 ist ein Diskurs in der Klemme geworden.

«Der Kleine Bund» wird die drei Essays demnächst publizieren. (Der Bund)

Erstellt: 25.01.2010, 09:37 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare