Unter Kontrolle

Michel Huissoud ist einer der mächtigsten Männer im Bundeshaus. Mit ihm hat sich die Finanzkontrolle in ein effizientes Führungsinstrument verwandelt.

Hätte die EFK Michel Huissoud überprüfen lassen, hätte sie ihn nicht eingestellt. Foto: Raffael Waldner (13Photo)

Hätte die EFK Michel Huissoud überprüfen lassen, hätte sie ihn nicht eingestellt. Foto: Raffael Waldner (13Photo)

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Sommer 1976. Rekrut Michel Huissoud sitzt im Keller eines Thurgauer Landschulhauses im scharfen Arrest. Es ist der erste von zehn Tagen. Sein Vergehen: Er hat im Wald geschlafen statt in der Kaserne, als seine Freundin ihn besuchte. Und in dieser zum Knast umfunktionierten Schulhausgarderobe, im säuerlichen Geruch angesammelten Jungmännerschweisses, hat der heutige Direktor der eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) seine Erweckung: Rebellion allein genügt nicht im Leben. Man muss genau wissen, wie man sich wehren kann gegen die Mächtigen. Sonst wird man Opfer von Ungerechtigkeit. Seine Mitrekruten, die auch im Wald übernachtet haben, sind mit drei Tagen Arrest davon­gekommen. Nur ihn hat es härter getroffen, weil er die Vorgesetzten mit kritischen Fragen nervte. Da fällt Huissouds Entscheid: Er will Jus studieren. Und nie mehr dumme Befehle befolgen müssen.

Heute ist Michel Huissoud einer der einflussreichsten Männer des Bundes. Er trägt Hemd, Krawatte und einen petrolblauen Anzug. Der 58-Jährige führt die geballte Kompetenz von 110 Wirtschaftsprüfern, Juristen, Architekten und Bauingenieuren und durchleuchtet fast alles im Bund – von der Kavallerie der Armee über Arbeitslosenprogramme bis hin zur Cybersicherheit des Rüstungskonzerns Ruag und des Parlaments. Huissouds Team kontrolliert nicht nur Rechnungen, sondern auch, ob die Verwaltung sparsam handelt und ihre Ziele wirklich erreicht. So ist die Finanzkontrolle heute eine Macht, an der weder Bundesrat noch Parlament vorbeikommen. «Mit Ausnahme von SRG, SNB und Suva können wir jedes Bundesamt überprüfen, selbst Dienststellen wie die ETH oder die Post. Dabei sind wir völlig unabhängig», sagt der Exilgenfer in Hochdeutsch mit nur einem Hauch französischem Akzent.

Der 58-Jährige durchleuchtet fast alles im Bund – von der Kavallerie der Armee über Arbeitslosenprogramme bis hin zur Cybersicherheit des Parlaments. 

1976, als Rekrut Huissoud im Knast seine Erleuchtung hatte, war die eidgenössische Finanzkontrolle eine verschlafene Gruppe von 30 Buchhaltern. Von Hand mit der Stanzmaschine entwerteten sie die Belege der Bundesverwaltung, die sie zuvor stichprobenweise geprüft und für gut befunden hatten. Die Finanzkontrolle war die Revisionsstelle des Bundes und residierte mit ihren 99 Jahren im ehrwürdigen Bernerhof an der Bundesgasse in Bern. Nichts deutete auf ihren Aufstieg zur umfassenden Kontrollinstanz hin. Dieser Wandel war nur möglich, weil ein Mann mit einer Vision auf eine Institution ohne Vision traf. Und der Zufall kräftig mithalf.

Nach der Rekrutenschule engagiert sich Huissoud im Soldatenkomitee, klärt Soldaten über ihre Rechte auf, schmort während WKs weitere zehn Tage im scharfen Arrest und verteilt Flugblätter vor Kasernen. Er bewegt sich in der linken Szene Genfs, wo sich Maoisten, Trotzkisten und Marxisten tummeln, sieht sich aber eher als Anarchist. Autori­täten akzeptiert er nicht. An der Universität Genf studiert er Recht, sitzt immer häufiger in Steuerrechtsvorlesungen. Das gefällt ihm, weil es mit ­Zahlen zu tun hat. Und dort merkt er, dass er sich entscheiden muss, für wen er sein Wissen einsetzt – für die Steueroptimierer, die an Konstrukten feilen, wie sie am besten Geld vor dem Staat verstecken, oder für die Steuerzahler, die wollen, dass der Staat mit ihrem Geld sorgfältig umgeht. Mit 23 Jahren schliesst er sein Jurastudium ab.

Wer Probleme mit Autoritäten hat, wird entweder Revolutionär oder Chef. Huissoud wird 1985 Amtschef der Stadt Genf. Mit 28 Jahren der jüngste seiner Art. Er steht dem Amt für Gewerbesteuern vor. 15'000 Steuerpflichtige, 55 Millionen Franken Steuereinnahmen. Eines Tages klopft ein Orientteppichhändler an seine Bürotür. Er könne die 12'000 Franken Steuern nicht auf einmal zahlen, meint der Mann. Er bittet Huissoud, ihm doch ­Ratenzahlung zu gewähren, denn er müsse jeden Franken umdrehen. Die Not des Teppichhändlers bleibt dem jungen Steuerchef in Erinnerung. Sie treibt seine Leidenschaft an, Verwaltungsabläufe sparsamer und effizienter zu machen.

Vier Tage lang sitzt er von morgens bis abends mit gekreuzten Beinen auf dem Meditationskissen. Vier Tage lang Schweigen, vier Tage lang Schmerzen. 

Im gleichen Jahr sitzt Huissoud im waadtländischen Villars vier Tage lang von morgens bis abends mit gekreuzten Beinen auf dem Meditationskissen. Vier Tage lang Schweigen, vier Tage lang Schmerzen. Doch danach ist sein Geist so klar und fokussiert wie nie zuvor. Der Buddhismus habe ihn gelehrt, Menschen und Situationen genau wahrzunehmen. Mit Zeit, Geduld und Achtsamkeit. Das sei nicht einfach für einen Draufgänger. Derweil stanzen die 30 Beamten der eidgenössischen Finanzkontrolle immer noch Belege und revidieren die Bundesrechnung. Im ehrwürdigen Bernerhof hat sich Mitte der 1980er-Jahre kaum etwas verändert.

1988 sucht Huissoud eine neue Stelle. Er will mit seiner ersten Frau und der gemeinsamen Tochter weg von der Stadt ins ländliche Greyerz im Kanton Freiburg. Doch Bewerbung um Bewerbung kommt zurück. Nur die Finanzkontrolle stellt ihn ein. Die verschlafenen Revisoren im Bernerhof. Den Grund für die harzige Stellensuche erfährt Huissoud zwei Jahre später. Über ihn gibt es eine Fiche bei der Bundespolizei, weil die Waadtländer Polizei Meldung erstattete, als er vor einer Kaserne Flugblätter des Soldatenkomitees verteilte. Den Job bei den Beamten der Finanzkontrolle kriegt Huissoud, weil sie als einzige keine Sicherheitsprüfung beim Armeekritiker durchgeführt haben.

Schleift nun die bürokratische Finanzkontrolle den Ex-Anarchisten zum Beamten? Oder löst der Rebell im verschlafenen Amt eine Revolution aus? Der Zufall greift ein. Kurz nach seinem Stellen­antritt erschüttern Skandale die Bundesverwaltung. Bundesrätin Elisabeth Kopp muss zurücktreten, 900'000 Fichen werden in der Bundespolizei entdeckt und die Geheimarmeen P 26 und P 27 enttarnt.

Das verändert auch die Finanzkontrolle mit ihrer Stanzmaschine. Sie erhält das Recht, nicht nur die Rechnungen der Verwaltungsstellen zu kontrollieren, sondern auch Alarm zu schlagen, wenn die Verwaltung Dinge tut, die sie nicht tun darf, oder Massnahmen ergreift, die nicht zum Ziel führen. Sie kann «Mängel von grundsätzlicher oder erheblicher finanzieller Bedeutung», wie es im Gesetz heisst, fortan direkt dem zuständigen Bundesrat melden und nicht mehr bloss der betroffenen Dienststelle. Das beflügelt Huissoud. Denn es hilft, Steuergelder sinnvoller einzusetzen, und es gibt der Behörde mehr Macht.

Die Finanzkontrolle kann «Mängel von grundsätzlicher oder erheblicher finanzieller Bedeutung», wie es im Gesetz heisst, direkt dem Bundesrat melden.

Doch die neuen Kompetenzen genügen nicht, um den nächsten Skandal zu verhindern. Mitte der 90er-Jahre wird das Chaos bei der Pensionskasse des Bundes bekannt. Zehntausende von Dossiers sind falsch erfasst, die EDV ist überfordert, die Rechnung der Pensionskasse ist nicht korrekt geführt, die Unterdeckung dramatisch. Es droht ein Milliardenloch. All dies bringt 1996 ein parlamentarischer Untersuchungsbericht zutage.

Michel Huissoud ist mittendrin. In einem Interview sagt er: Die EFK habe schon seit Jahren auf die ­Mängel aufmerksam gemacht, Bundesrat Otto Stich habe die Berichte aber schubladisiert. Für diese öffentliche Kritik kassiert der Sektionsleiter von seinem Chef die erste und bisher einzige Verwarnung.

Erneut werden die Kompetenzen der Finanzkontrolle ausgebaut – wie nach jedem Skandal in der Bundesverwaltung. Der Direktor kann nun das ganze Personal selbst anstellen, der Bundesrat muss das Budget gemäss Gesetz «unverändert» ans Parlament weiterleiten, und die Finanzkontrolle erhält das Recht, Mängel nicht nur dem zuständigen Bundesrat, sondern sogar dem Gesamtbundesrat zu melden. Eine starke, unabhängige Position. Doch die Finanzkontrolleure nutzen sie noch immer nicht voll. So melden sie dem Bundesrat zum Beispiel doch nie Mängel.


Seit Huissoud Direktor ist, haben er und seine zwei Vizedirektoren dem Bundesrat jedes Jahr fünf Fälle gemeldet – etwa weil dem Stilllegungsfonds der AKW viel Geld fehlte.

Bis Huissoud Anfang 2014 Direktor wird. Seither haben er und seine zwei Vizedirektoren dem Bundesrat jedes Jahr fünf Fälle gemeldet – etwa weil dem Stilllegungsfonds der AKW viel Geld fehlte oder die ETH Lausanne einen Baukredit um 24 Millionen überzog. Seit Huissoud Direktor ist, hat er das Personal um 15 Fachleute aufgestockt und einen Investigativjournalisten als Kontrolleur eingestellt. Das Team wird von sich aus aktiv, im Auftrag von Bundesrat oder Parlament oder wegen eines Hinweises von jährlich zwischen 60 und 80 Whistleblowern, die exklusiv und bestens abgesichert der EFK Meldung erstatten können. Es ist die Erfüllung des Traumes des Studenten und Steuerchefs Michel Huissoud. Im Wochentakt werden Berichte publiziert. Waren es 16 per Ende 2013, werden es 2016 ganze 70 sein. Und dabei geht es um die Unternehmenssteuerreform III oder Kompensationsgeschäfte bei Rüstungsbeschaffungen.

Die neue Strategie erhöht den Druck auf die Verwaltung, stösst aber auch auf Widerstand. FDP-Nationalrat Fathi Derder und der damalige SVP-Nationalrat Guy Parmelin verlangten vor einem Jahr in zwei gleich lautenden Motionen, dass der Bundesrat für die Kommunikation der Finanzkontrolle «einen rechtlichen Rahmen ausarbeitet». Sie störten sich unter anderem an den «politischen Stellungnahmen» Huissouds, die die Glaubwürdigkeit der Finanzkontrolle gefährden würden.

Auch bei der Mehrheit des Parlaments und den wichtigen Kommissionen hat Ex-Anarchist Huissoud vollen Rückhalt .

Doch diese Kritik prallt ab. Der Bundesrat bezeichnet die Kommunikation in seiner Antwort als «klar, sachgerecht und ausreichend» und beantragt, die Motionen abzuweisen. Der Mehrwert, den die EFK der Bundesverwaltung bringt, sei «in den meisten Fällen anerkannt, auch wenn die angestrebte Transparenz für einige Betroffene ein Umdenken erfordert». Auch bei der Mehrheit des Parlaments und den wichtigen Kommissionen hat Ex-Anarchist Huissoud vollen Rückhalt – von SVP-Nationalrat und GPK-Präsident Alfred Heer («Die Finanzkontrolleure haben einen drauf») bis zu SP-Ständerätin Anita Fetz, die die Finanzdelegation präsidiert («Es ist richtig, dass Huissoud Druck aufsetzt»). So konnte es sich der Direktor dieses Jahr sogar leisten, die Schweiz mit einem 1.-April-Scherz auf den Arm zu nehmen. Der Bund habe seit 1971 geheime Kunstkäufe getätigt und damit einen Gewinn von rund 17 Milliarden Franken gemacht, vermeldete die Finanzkontrolle in einer Medienmitteilung.

Andere Feinde und Kritiker lassen sich kaum finden. Andreas Frutiger, Mitglied der Geschäftsprüfungskommission des Bundespersonalverbands, attestiert Huissoud eine «gewerkschaftsfeindliche Haltung». So habe Huissoud ein EFK-Mitglied in der paritätischen Kommission der Pensionskasse des Bundes nicht genügend unterstützt. Frutiger, der den EFK-Direktor von seinen rebellischen Genfer Jahren her kennt, bezeichnet Huissoud unterdessen als Freisinnigen mit Hang zum Technokraten.

Michel Huissoud – Marathonläufer, Alpinist und Segler – ist am Ziel. «Ich kämpfe für die Steuerzahler».

Michel Huissoud – Marathonläufer, Alpinist und Segler – ist am Ziel. «Ich kämpfe für die Steuerzahler», sagt er in seinem Büro an der Monbijoustrasse. In diesen Verwaltungsblock ist die Finanzkontrolle umgezogen, als es im Bernerhof zu eng wurde. «Die Steuerzahler haben ein Recht darauf, dass ihr Geld sparsam und effizient verwendet wird.» Er versteht sich nicht als Sheriff («Hebdo») oder Superflic («Tribune de Genève»), sondern als Diagnostiker, wie er sagt. Und seine Äusserungen seien nicht politisch, sondern «finanz- und steuertechnisch»: «Wir halten den Spiegel hin und vertrauen auf die Selbstheilungskraft der Bundesverwaltung.»

Damit verwandelt Huissoud Buddhismus in Verwaltungskontrolle: Die Achtsamkeit schulen und darauf vertrauen, dass sich etwas bereits dann verändert, wenn es wahrgenommen wird. Jedes Jahr zieht er sich für eine Woche zur Schweigemeditation Vipassana zurück. Und in dieser burmesischen Meditationsschule unterrichtet er auch sein Team. In einer internen Weiterbildung sassen auch schon 30 Wirtschaftsprüfer auf dem Meditationskissen.

Aus dem Rebellen ist ein finanz- und steuertechnischer Experte geworden. Er macht mit Compliance, Audit und Buddhismus jenen Staat effizienter, den er als Anarchist abschaffen wollte. Huissoud hat die Finanzkontrolle zurechtgeschliffen. Und sie ihn.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2016, 00:15 Uhr

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