«So werden die Städte zum Sanatorium»

Mit Thomas Kessler verlässt einer der profiliertesten Stadtentwickler die Basler Verwaltung. Er warnt vor der Entwicklung in der Agglomeration.

«Wenn die Konkurrenzfrage ins Spiel kommt, sinkt die Toleranz enorm»: Stadtentwickler Thomas Kessler (57). Foto: Raisa Durandi

«Wenn die Konkurrenzfrage ins Spiel kommt, sinkt die Toleranz enorm»: Stadtentwickler Thomas Kessler (57). Foto: Raisa Durandi

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Wenn Sie auf Ihre Karriere in der Stadtentwicklung zurückschauen: Was ist die prägendste Entwicklung der vergangenen 20 Jahre?
Unser Land ist sehr, sehr klein: Von aussen sind wir eine einzige Stadt mit grosszügigen Grünräumen und Brachen. Das hat seine Entsprechung in der Entwicklung der Städte gefunden. Das alte ländliche Ideal hat Einzug in die Städte gehalten: Man will hohe Lebensqualität, saubere Luft, ruhigen Verkehr. Das urbane Element von früher wandert in die Agglomeration ab – dazu gehört auch Hässliches und Widersprüchliches. Gleichzeitig steigen die Ansprüche der Stadtbewohner. Es gibt Leute, die während der Pause in die Schulhäuser anrufen, weil sie das Lachen der Kinder nicht mehr ertragen. Wir reden heute in Basel über zeitige Nachtruhe in der Rheingasse – ein Ort, der vor 20 Jahren eine Räubergasse war. Das sind die gleichen Diskussionen, die man vor einer Generation auf dem Land geführt hat.

Wohnt der wahre Bünzli heute in der Stadt?
Den jungen Nutzern des öffentlichen Raums kommt es so vor. Sie sind Verursacher von fröhlichen Emissionen, die man mit dem neuen Bedürfnis nach Ruhe von vielen Städtern in Einklang bringen muss. Das treibt komische Blüten: Weil wir in Basel jetzt eine verkehrsberuhigte Innenstadt haben, mussten wir neue Putzfahrzeuge anschaffen. Die alten waren benzinbetrieben, und die hörte man nun plötzlich. Wenn der Lärmpegel sinkt, steigen die Empfindlichkeiten. Irgendwann werden wir auch noch die Kirchenglocken abstellen müssen. So wie früher auf dem Land, als die von der Stadt Hinzugezogenen nach zwei Wochen wegen eines krähenden Hahns zum Friedensrichter rannten. Das zeigt, dass die Menschen im Kern die gleichen sind. Ländliche und städtische Probleme werden austauschbar.

Ist der Graben zwischen Stadt und Land gar nicht so gross, wie allgemein angenommen wird?
Nein. Es ist nicht so, dass die Menschen auf dem Land generell konservativer wären. Es kommt immer auf die Frage an. Wenn wir etwa über neue Technologien abstimmen, sind es die Deutschschweizer Städte, die eine romantische Sicht vertreten, und die Ländler, die offen und pragmatisch stimmen. In gewissen Fragen entscheiden diese Menschen rationaler und damit offener.

«Viele links-grüne Wähler sind im Grunde ihres Wesens konservativ.»

Also sind die vermeintlich Progressiven heute konservativ?
Viele links-grüne Wähler wollen einen gewissen Zeitgeist bewahren und sind im Grund ihres Wesens konservativ. Das ist an sich nicht tragisch, beinhaltet aber heikle Tendenzen. Wir stehen am Beginn einer neuen Gründerzeit, Stichworte Industrie 4.0, Digitalisierung und schnelle Globalisierung. Das sind die Fragen, mit denen sich die Schweiz befassen muss. Das Land lebt von den drei Metropolitanräumen Zürich, Genfersee und Basel. Hauptsächlich sie finanzieren die Schweiz, sie zahlen die 558 Millionen Franken für den Duro der Armee und die Subventionen für die Milch der Bauern. Wenn wir den Wohlstand erhalten und auf dem globalen Markt mithalten wollen, ist die Lebensqualität in den Metropolitanräumen entscheidend. Und hier komme ich zur heiklen Tendenz: Die Städte können auch zu ruhig werden – zu einer Art Sanatorium.

Sanatorien?
Zu gewissen Zeiten gibt es bereits «tote Strassen». Und in der Inflation unserer Ansprüche gibt es problematische Tendenzen. Alle wollen alles gleichzeitig haben – einfach ohne die Nachteile. Flughafennähe ohne Fluglärm beispielsweise. Solche Widersprüche nehmen zu. Wenn man es nicht mehr erträgt, wenn in einer Stadt auch nach 22 Uhr noch fröhliche Stimmen zu hören sind, droht unser Wohlstand ins Schrullige zu kippen. Wir sind kurz vor diesem Punkt. Auf jedes Problem im öffentlichen Raum folgt der Ruf nach Regeln. Es ist nicht die böse Verwaltung, die solche neue Regeln verlangt, es sind die Parteien und Parlamente. Wir müssen als Zivilgesellschaft wieder lernen, Interessenkonflikte auszuhalten und auszudiskutieren.

Und nicht gleich die Polizei rufen ...
Ja, die hat genügend anderes zu tun. Teil unseres Erfolgs ist unser urliberales Staatsverständnis: Der Staat regelt das Grundsätzliche, den Rest übernehmen wir als Zivilgesellschaft. Doch dieses Modell müssen wir auch leben und pflegen. Die Probleme dieser Welt kann man nicht mit einer Vollkaskomentalität lösen, dazu braucht es Neugierde, Engagement und etwas Freude am Risiko.

Ist das Unverständnis zwischen den Menschen grösser geworden?
Das ist eine Realität, ja. Und das Gegenteil einer «Eid-Genossenschaft» – einer Gemeinschaft, die sich per Eid darauf verständigt, sich genossenschaftlich zu organisieren. Wir brauchen mehr Dialog und müssen aufhören, Schabernack mit unserer Demokratie zu treiben. Wir brauchen weniger grenzwertige Initiativen, die die Bundesverfassung entwürdigen. Und dafür mehr Sorgfalt im Umgang zwischen den Menschen in den Städten, im Verhältnis zwischen Stadt und Land und vor allem in der Agglomeration. Dort ist momentan am meisten Dampf. Die meisten sozialen Probleme des Kantons Zürich spürt man heute rund um den Flughafen Kloten und im Limmattal – und nicht im Stadtzentrum. Für die Kohäsion des ganzen Landes ist es entscheidend, dass man sich der Probleme in der Agglomeration annimmt.

Weil dort die meisten «Globalisierungsskeptiker» wohnen?
Es gibt in der Stadt ein Fünftel, das den Anschluss zu verlieren droht, und auf dem Land genauso. In der Stadt kann man diese Menschen mitnehmen, weil man genügend Geld und Hilfsstrukturen hat. Auf dem Land, weil man sich kennt. Die Agglomeration hat städtische Probleme, die man mit dörflichen Strukturen zu lösen versucht. Und das kann nicht aufgehen. In der Agglomeration wohnen heute Menschen, die in der Stadt arbeiten, sich aber das Leben in der Stadt nicht mehr leisten können. Es ist der mittlere und untere Mittelstand, der in den vergangenen Jahren am meisten unter Druck geraten ist.

Mit welchen Folgen?
Wenn man das Vertrauen verliert, sucht man den Schutz von geschlossenen Grenzen – das ist eine historische Konstante. Sobald die Konkurrenzfrage ins Spiel kommt, sinkt die Toleranz enorm. In den 70er-Jahren stimmten der Kreis 4 und 5, die beiden am meisten links stehenden Quartiere von Zürich, regelmässig für die fremdenfeindlichsten Vorlagen. Das waren Arbeiter, die links wählten, aber sich von den Gastarbeitern aus Italien bedrängt sahen. Das lässt sich bis heute nachweisen: In Basel erhalten Ausländervorlagen immer rund 10 Prozent mehr Stimmen als etwa in Bern. Basel ist eine Industriestadt und trägt die Konkurrenzfrage in sich, das ist in Bern mit seiner Verwaltungsmentalität viel weniger ausgeprägt.

Und wie nimmt man nun die Leute in der Agglomeration mit?
Es braucht entlang der Verkehrsachsen in der Agglomeration spannende Arbeitsplätze. Dabei wird die Digitalisierung helfen. Die meisten Jobs der Zukunft werden Wissensstellen sein, bei denen es egal ist, wo man am Computer sitzt. Zeit ist entscheidend für die Lebensqualität. Das ist der Grund, warum wir in Basel den Standortwettbewerb gegen Boston oder Shanghai gewinnen. Wir haben gute Schulen, sind die Stadt der kurzen Wege – alles ist zu Fuss erreichbar, und jeder, der aus dem Ausland nach Basel zügelt, gewinnt jeden Tag wertvolle Stunden Lebenszeit. Das ist entscheidend! Dieses Modell müssen wir auch für die Agglomeration denken.

Die Steuern haben Sie nicht erwähnt.
Das kommt weit nachher! Für die junge Frau, die in 90 Prozent der Fälle bestimmt, wo die Familie lebt, sind andere Dinge wichtig.

90 Prozent?
Ja. Wir haben das erforscht, als es um Syngenta und Basel ging. Für diese Frauen sind nicht die Steuern entscheidend, sondern Wohnqualität, Sicherheit, Sauberkeit, der Schulweg, die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten, das Kultur- und Freizeitangebot und das Lebensgefühl in einer Stadt.

«Migranten wollen sozial aufsteigen. Dem entspricht unsere Grundmentalität.»

Sie waren früher ja auch Migrationsbeauftragter. Ist die Schweiz für die aktuelle Flüchtlingskrise gerüstet?
Auf jeden Fall ist sie viel besser vorbereitet als vor 20 Jahren. Wir haben im früher fast kafkaesk anmutenden Asylwesen enorme Fortschritte gemacht. Es ist die gleiche Frage, die mich in allen meinen Jobs beschäftigt hat: Antizipiert man, oder reagiert man? Investiert man, oder flickt man? Im 20. Jahrhundert glaubte die Schweiz, durch möglichst lange Fristen – beim Einbürgerungsprozess, im Asylverfahren – die Probleme lösen zu können. Dabei ist genau das Gegenteil wahr: schnell entscheiden, schnell helfen, schnell wieder zurückschaffen, wenn es nicht geht. Und wenn jemand bleibt, dann muss man ihn sofort integrieren. Und ihn ja nicht jahrelang in Hilfsstrukturen lassen. Das macht die Menschen krank.

Also sind Sie auch dafür, Flüchtlinge und Asylsuchende möglichst schnell in den Arbeitsmarkt zu integrieren?
Selbstverständlich! Ab Tag 1! Die Schweiz definiert sich calvinistisch – unabhängig von der persönlichen Weltanschauung. Der Schweizer fragt zuerst: Was machst du? Und nicht: Was hörst du für Musik, wie viele Kinder hast du? Man wird gemessen an dem, was man tut. Darum ist die Schweiz ein einfaches Land für Mi­granten, darum haben wir im Vergleich mit den anderen europäischen Ländern den grössten Integrationserfolg. Diesen misst man effektiv am sozialen Aufstieg. Und da haben wir bei den Leuten der zweiten und dritten Generation zum Teil fantastische Werte. Am Anfang davon steht die Beschäftigung. Die meisten Migranten wollen sozial aufsteigen. Unsere Grundmentalität entspricht dem – und darum muss man das zusammenbringen, ab dem ersten Tag.

Sagen Sie uns zum Schluss noch, was bei Ihrem Abgang geschehen ist: Führten Differenzen mit Regierungspräsident Morin dazu?
(Zuckt mit den Schultern.) Das offizielle Statement ist eindeutig: Wir beenden die Legislatur einvernehmlich und gemeinsam, und über die Vereinbarung gilt Stillschweigen. Ich lese nun mit Interesse, was alles über meinen Abgang spekuliert wird. Selbstverständlich kommentiere ich das nicht. Bald bin ich nicht mehr Teil des Theaters, sondern sitze als Zuschauer im Publikum.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2017, 20:48 Uhr

Thomas Kessler

Stadtentwickler

Der Entscheid versetzte das politische Basel vergangene Woche in Aufruhr: Wenn Regierungspräsident Guy Morin am 8. Februar sein Amt niederlegt, endet auch die Zeit von Stadtentwickler Thomas Kessler. Im «gegenseitigen Einvernehmen», wie es heisst. Kessler war einer der profiliertesten und schillerndsten Verwaltungsangestellten und legte sich in seiner Funktion immer wieder mit seinem Chef und der Regierung an. Der studierte Agronom war zuvor Kantonsrat für die Grünen in Zürich (1987–91) und danach Drogendelegierter und Migrationsbeauftragter für den Kanton Basel-Stadt. Die Kantons- und Stadtentwicklung leitete er seit 2009. (TA)

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