So veränderte sich das Stöckli in 36 Jahren

Die CVP ist traditionell die stärkste Partei im Ständerat. Doch nun könnte sie von der FDP überholt werden.


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Nächstes Wochenende werden in sechs Kantonen (BE, LU, OW, SG, SO, TI) neun Ständeräte gewählt. Das Wochenende darauf werden auch die letzten beiden Sitze (AG, ZH) bestellt. Erst dann stehen die neuen Kräfteverhältnisse in der kleinen Kammer endgültig fest. Doch bereits jetzt muss die CVP bangen, ihre langjährige Dominanz im Stöckli zu verlieren. In den letzten 44 Jahren war sie mit Ausnahme von drei Legislaturen die stärkste Partei im Ständerat.

In der ablaufenden 49. Legislatur hielt die CVP 13 Sitze, seit dem 18. Oktober sind zehn CVPler in die kleine Kammer gewählt worden. Damit ist sie in der Zwischenabrechnung noch die stärkste Partei im Ständerat – einen Sitz vor der FDP. Hart umkämpft sind derzeit die Wahlen in fünf Kantonen, in Obwalden treten Kandidaten der beiden Parteien direkt gegeneinander an. Erich Ettlin (CVP) hatte am 18. Oktober fast eineinhalb mal so viele Stimmen wie sein Herausforderer André Windlin (FDP), doch im zweiten Wahlgang wird die Sache eng. Denn: Windlin erhält Zuspruch von links und rechts. Ein SVP-Kandidat zog sich zugunsten des FDP-Mannes zurück, die SP unterstützt ihn ebenfalls, weil sie seine Unterstützung in Umweltfragen erwartet.

Hart umkämpfte Wahlgänge in Zürich und Aargau

Am interessantesten ist die Ausgangslage im Kanton Aargau, wo am 22. November gewählt wird. FDP-Präsident Philipp Müller, SVP-Nationalrat Hansjörg Kecht und CVP-Nationalrätin Ruth Humbel treten gegeneinander an. Im ersten Wahlgang lag Humbel 37‘000 Stimmen hinter Knecht, 31‘000 Stimmen hinter Müller. Am bekanntesten ist Müller, doch die CVP-Kandidatin wird von der SP unterstützt, dank der bereits Pascale Bruderer im ersten Wahlgang wiedergewählt wurde. Laut der «SonntagsZeitung» reicht es ihr «rein rechnerisch» zum Sieg. Die Stärke der SVP im Kanton spricht jedoch für Knecht. Dieser beerdigte am Montag seine Ambitionen für den Bundesrat und bekräftige, sich voll auf seine Ständeratskandidatur zu konzentrieren.

In Zürich stehen die Chancen für eine Überraschung ebenfalls gut. Bereits gewählt ist der SP-Mann Daniel Jositsch, um den zweiten Sitz kämpfen Ruedi Noser (FDP), Hansueli Vogt (SVP) und Bastien Girod (Grüne). Noser gilt als Favorit und erhielt im ersten Wahlgang 148‘600 Stimmen, Vogt 123‘100, Girod 80‘700. Girod konnte inzwischen aber aufholen. Laut der Tages-Anzeiger-Wahlbörse würde er derzeit knapp hinter Noser am zweitmeisten Stimmen erhalten. Für seinen Wahlerfolg spricht, dass Girod der einzige Linke Kandidat ist, wogegen sich die bürgerlichen Stimmen auf Noser und Vogt aufteilen werden.

Bisherige in der Favoritenrolle

In den Kantonen Solothurn, St. Gallen und Tessin treten am kommenden Sonntag zwei Bisherige gegen Herausforderer an, die nicht unterschätzt werden sollten. In Solothurn will der SVP-Nationalrat Walter Wobmann (29‘700 Stimmen im ersten Wahlgang) den Sitz von Roberto Zanetti (SP; 42‘400 Stimmen). Ähnlich die Situation in St. Gallen: Der bisherige SP-Ständerat Paul Rechsteiner (62‘900 Stimmen) wird von Thomas Müller (SVP, 50‘600 Stimmen) herausgefordert. Laut einem Beitrag des Politologen Claude Longchamp lautet die «bewährteste Prognoseregel»: Im zweiten Wahlgang werden Bisherige bevorzugt. Doch letztlich werde die Mitte entscheiden, wer das Rennen macht.

Im Tessin wird um zwei Sitze gekämpft. Die Bisherigen Filippo Lombardi (CVP) und Fabio Abate (FDP) stehen in der erste Reihe. Während Lombardi die besten Chancen hat, wird der FDP-Mann durch den Lega-Kandidaten Battista Ghiggia bedrängt. Dass dessen Parteikollege Norman Gobbi nun als Anwärter für den Bundesrat gehandelt wird, macht den Ausgang der Wahl am kommenden Wochenende noch etwas spannender.

Sicherer Wahlausgang in Bern

Im Kanton Luzern sind ebenfalls zwei Sitze zu bestellen. Trotz zweier Favoriten (Konrad Graber, CVP, bisher; Damian Müller, FDP) muss sich die Herausforderin der SP, Prisca Birrer-Heimo, noch nicht geschlagen geben – dank der unfreiwilligen Wahlhilfe der SVP-Kandidatin Yvette Estermann. Sie tritt wieder an und wird bürgerliche Stimmen erhalten, die den Favoriten verloren gehen. Dagegen kann Birrer-Heimo zwei Mitte-Links-Kandidaten beerben, die sich nach dem ersten Wahlgang zurückgezogen haben.

So gut wie sicher ist der Ausgang der Wahl einzig im Kanton Bern. Gegen die beiden bisherigen Werner Luginbühl (BDP) und Hans Stöckli (SP) tritt der chancenlose Aussenseiter Bruno Moser an (im ersten Wahlgang landete er auf Platz 10).

Unter dem Strich heisst das:

  • Die Grünen müssen ihre Hoffnungen auf Bastien Girod setzen, das verlorene Mandat von Luc Recordon zurückzugewinnen. Sollte er scheitern, ist Robert Cramer (GE) der einzige Grüne im Stöckli.
  • Die SP steht in aussichtsreicher Position, künftig 12 statt wie bisher 11 Ständeräte zu stellen. Alle Bisherigen traten an, Daniel Jositsch hat die Wahl im Kanton Zürich bereits geschafft.
  • Gar nicht mehr vertreten ist die Grünliberale Partei. Durch die Rücktritte von Verena Diener (ZH) und Markus Stadler (UR) gingen beide Sitze verloren.
  • Die BDP werden aller Voraussicht nach wie bis anhin einzig durch Werner Luginbühl (BE) vertreten sein.
  • Wenn im Aargau der Favorit Hansjörg Knecht gewinnt, erhält die SVP sechs statt wie bisher fünf Sitze im Ständerat. Sollten auch ihre Aussenseiterkandidaturen in St. Gallen und Solothurn erfolgreich sein, wären es gar acht.
  • Die FDP kann noch in fünf Kantonen Sitze holen – und überall starten sie in aussichtsreicher Position, 13 bis 14 Sitze wären möglich.
  • Für die CVP sind vier zusätzliche Sitze in Reichweite, ein Sieg im Kanton Aargau wäre allerdings eine Überraschung. So hat die FDP realistische Chancen, am 22. November mindestens gleichviele oder mehr Ständeräte nach Bern zu schicken wie die CVP.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.11.2015, 12:51 Uhr)

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