Schweizer Armee im Funkloch

Für 700 Millionen Franken hat das Militär hochmoderne Kommunikationsmittel gekauft. Das Problem: Das IT-Projekt FIS Heer funktioniert nur mit einem Festnetzanschluss.

Werden Armeefahrzeuge vom Kabel getrennt, sind sie blind: Ein Puch wird per Helikopter abtransportiert. Foto: Keystone

Werden Armeefahrzeuge vom Kabel getrennt, sind sie blind: Ein Puch wird per Helikopter abtransportiert. Foto: Keystone

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Sie war nicht traktandiert, die neuste schlechte Nachricht aus dem Verteidigungsdepartement (VBS). Er habe, sagte Guy Parmelin gestern in der sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats, noch eine aktuelle Mitteilung zu machen. Das Führungsinformationssystem (FIS) Heer, vor zehn Jahren als Prestigeprojekt der Armee lanciert, werde definitiv nie so funktionieren wie vorgesehen. Deshalb, so der Verteidigungs­minister, müssten von den investierten 700 Millionen Franken schätzungsweise 125 Millionen abgeschrieben werden.

Die Sicherheitspolitiker staunten. Zum einen wegen der schieren Summe: Mit einem Schaden von 125 Millionen Franken übertrifft das Debakel bei FIS Heer den Abschreiber bei Insieme, dem bis dato grössten IT-Pannenprojekt des Bundes, um 10 Millionen Franken. Zum anderen, weil nicht wenige Nationalräte Mühe hatten zu verstehen, welche Auswirkungen Parmelins Ankündigung für die Armee hat.

FIS Heer – dieser Name stand einst für den Sprung ins 21. Jahrhundert. Dank einer neuen Kommunikationsinfrastruktur sollte die Einsatzleitung künftig bessere und präzisere Informationen aus dem Feld erhalten. Nicht wie bis anhin als Durchsage per Feldfunk, sondern in Form von Bildern und GPS-Daten, natürlich in Echtzeit. 650 Fahrzeuge und 90 mobile Führungs-Container, ja sogar kleine Trupps, sollten der Einsatzleitung als «Augen» und «Ohren» im Terrain dienen. So jedenfalls war es vorgesehen, als der Bundesrat 2006 und 2007 den 700-Millionen-Franken-Kredit für FIS Heer durchs Parlament brachte.

Seit gestern allerdings ist klar: FIS Heer funktioniert nur, wenn ein mili­tärischer Festnetzanschluss vorliegt, etwa bei Grossanlässen wie dem WEF. Sobald Aufklärungsfahrzeuge aber vom Kabel getrennt werden, sind sie blind. «Grund dafür ist die fehlende Bandbreite der vorhandenen militärischen Übermittlungsgeräte», teilte das VBS gestern trocken mit.

Das VBS schont die Schuldigen

Insider führen das Debakel darauf zurück, dass die Anforderungen an FIS Heer während der Beschaffung laufend erhöht wurden. Sollten die mobilen Aussenposten zu Beginn nur sehr gezielt Informationen in die Zentrale schicken, habe die Projektleitung bald schon von stehenden Verbindungen und einem fortlaufenden Informationsfluss geträumt. Dabei habe das Bundesamt für Rüstung Armasuisse übersehen, dass die verfügbare Bandbreite dazu gar nicht ausreichte. Dass es sich um hausgemachte Fehler handelt, darauf deutet auch die Tatsache hin, dass das VBS die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft zieht. «Es geht hier um Projektrisiken. Das VBS wird keine rechtlichen Schritte gegen im Projekt involvierte Unternehmen oder Personen einleiten», erklärt eine VBS-Sprecherin auf Anfrage.

Während das VBS die Sache offensichtlich rasch abhaken will, sehen Sicherheitspolitiker aber durchaus noch Diskussionsbedarf. Die Mitglieder der Sicherheitskommission könnten für die nächste Sitzung Fragen an das VBS einreichen, sagt Kommissionspräsidentin Corina Eichenberger (FDP, AG). Dazu gehöre namentlich auch die Frage, ob die finanziellen Verluste nicht noch grösser seien als die von Parmelin genannten 125 Millionen, sagt Eichenberger.

Die zentrale Frage laute, was das «Rumpfsystem» von FIS Heer nun tatsächlich noch könne, sagt Beat Flach (GLP, AG). «Ich fürchte, dass wir einen Maserati bestellt und bezahlt, aber bloss einen Smart erhalten haben.» Eichenberger hält diese Einschätzung für zu pessimistisch. Einen Opel oder einen Ford habe die Armee für ihr Geld schon bekommen, findet die FDP-Nationalrätin, um in Flachs Bildsprache zu bleiben. Denn dort, wo das FIS Heer eingesetzt werden könne, funktioniere es gut.

Nach dem Stopp des Raketenabwehrsystem Bodluv und dem FIS-Heer-Debakel stellen Sicherheitspolitiker verschiedenster Couleur die Beschaffungs­prozesse im VBS grundsätzlich infrage. Beat Flach verweist auf das viel um­fassendere Informatikprojekt Fitania, zu dem auch das FIS Heer gehört. Im Rahmen von Fitania will das VBS total über 3 Milliarden Franken in Führungsin­frastruktur, Informationstechnologie und Netzanbindung investieren. Er fürchte, sagt Flach, dass bei Fitania «etwas Ähnliches passieren könnte» wie bei FIS Heer.

SVP-Nationalrat Thomas Hurter (SH) fordert Konsequenzen für künftige Beschaffungsprojekte. Nach der Erfahrung mit FIS Heer müsse die Armee die Beschaffung komplexer Systeme grundsätzlich überdenken. «Die Schweizer Armee muss vermehrt erprobte Produkte ab Stange kaufen und nicht mehr alles selber machen wollen», so Hurter.

Am weitesten geht der grüne Nationalrat Balthasar Glättli (ZH). Er stellt eine Beziehung her zwischen den Debakeln bei Bodluv, bei FIS Heer und dem ganz grossen Beschaffungsprojekt, das erst noch kommen soll: den neuen Kampfjets. Bis geklärt sei, ob es ein tie­ferliegendes Problem im Beschaffungsprozess gebe, brauche es «einen Marschhalt bei der Beschaffung eines neuen Kampfflugzeugs», fordert Glättli.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2017, 23:30 Uhr

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