Hau den Zivi

Sieg für die Militärfraktion im Nationalrat: Sie bestraft die Zivildienstleistenden.

Wahrscheinlich will er rasch in den Feierabend: Zivildienstleistender in einem Pflegeheim.

Wahrscheinlich will er rasch in den Feierabend: Zivildienstleistender in einem Pflegeheim. Bild: Keystone

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Vielleicht haben sie gestern Abend eine gute Flasche aufgemacht, die bürgerlichen Armeefreunde im Nationalrat. Zu feiern hatten sie ja: Endlich mal wieder ein Sieg über den Zivildienst! Mit grosser Mehrheit drückte der Nationalrat eine Verschärfung durch, die den Zivildienst deutlich unattraktiver machen soll. Wer noch einen Beweis dafür brauchte, wie lebendig die Denkmuster aus dem Kalten Krieg auch dreissig Jahre nach dem Fall der Mauer noch sind: Er fand ihn gestern im Bundeshaus.

Kurz gesagt hat der Nationalrat beschlossen, dass Soldaten, die ab Beginn der Rekrutenschule in den Zivildienst wechseln, nur noch die Hälfte der geleisteten Diensttage anrechnen können. So weit, so technisch. Um die ganze Absurdität dieses Prinzips zu erfassen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Der Zivildienst dauert heute 1½-mal so lange wie der Dienst in der Armee. Einem Soldaten, der drei Wiederholungskurse hinter sich hat, bleiben 77 Militärdiensttage. Will er zum Zivildienst wechseln, muss er also 116 Diensttage leisten.

Herrliches Lotterleben

Mit der neuen Verschärfung wären es 252 Tage: Das sind 3,3-mal mehr als die 77 Restdiensttage, die er in der Armee leisten müsste. Im Extremfall heisst das: Ein Soldat, der nur noch einen einzigen Tag im Militär offen hat, soll 195 Tage in den Zivildienst. Wer so auf Zivis einhaut, muss das erst einmal begründen. Den bürgerlichen Sicherheitspolitikern fiel es nicht schwer. Eine kurze Zusammenfassung ihrer Voten aus der gestrigen Debatte:

  • Der durchschnittliche Zivi schleicht sich aus der Armee ab, damit er um 16 Uhr Feierabend machen kann, weil er nebenbei ein Haus baut. – Walter Müller (FDP)
  • Es mag ja gut und recht sein, dass Zivis Alte pflegen oder Bergwiesen mähen, aber die Dienstpflicht wurde geschaffen zur Landesverteidigung – und nicht dazu, «das Sozialsystem über Wasser zu halten». – Raymond Clottu (SVP)
  • Der Zivi verlässt heute das Militär, «weil seine Frau sagt, hör doch auf damit, du hast es im Zivildienst besser». – nochmals Walter Müller (FDP)

Oh, du herrliches Lotterleben: Mit der Realität der meisten Zivis hat all dies natürlich nichts zu tun. Aber darum geht es den Stahlhelmen auch gar nicht. Lieber pflegen sie die alte Erzählung, die heisst: Wer Zivildienst macht, ist immer noch ein halber Schweizer, ein halber Mann natürlich auch, einer, der die Wehrkraft zersetzt, für die doch die Dienstpflicht erfunden wurde.

Bloss nicht die Sinnfrage

So kann man das sehen. Die Rekrutierungsprobleme der Armee, die man so zu bekämpfen vorgibt, löst das allerdings nicht. Weder auf der persönlichen Ebene jener Soldaten, die sich nach Wochen endlosen Wartens und zermürbender Langeweile die Sinnfrage stellen. Noch auf der politischen: Was nützen Panzerdivisionen und Kampfjets gegen die Bedrohungen von heute, gegen Hackerangriffe und Terroranschläge?

Aber das sind lästige Fragen. Wie viel einfacher ist es da doch, sich dem Zivildienst zuzuwenden, der auch 20 Jahre nach seiner Einführung keine echte Lobby hat, den auch 20 Jahre nach seiner Einführung noch alle mit dem Zivilschutz verwechseln. Ihre Antipathie unterstrichen die bürgerlichen Armeefreunde gestern, indem sie dann für Zivis auch noch eine Uniformpflicht beschlossen. Endlich ein Feind, den selbst die Schweizer Armee besiegen kann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2017, 12:09 Uhr

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