«Es ist eine Gruppenstrafe wie im Militär»

Im Kanton Thurgau sollen fehlbare Schüler mit Sitzstreiks zur Einsicht gebracht werden. Jürg Brühlmann vom Schweizer Lehrerverband sieht die Gefahr von Mobbing.

Sitzstreiks als Erziehungsmethode? Der Experte warnt vor Ausgrenzung fehlbarer Schüler (Symbolbild: Keystone).

Sitzstreiks als Erziehungsmethode? Der Experte warnt vor Ausgrenzung fehlbarer Schüler (Symbolbild: Keystone).

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Was halten Sie vom Sitzstreik als Erziehungsmethode?
Aus meiner Sicht handelt es sich nicht wirklich um eine Unterrichtsmethode, sondern um eine Art Gruppenstrafe, wie man sie zum Beispiel vom Militär kennt. Dort wird teilweise auch die ganze Truppe bestraft, wenn ein Soldat sich danebenbenimmt. Zudem kommt die Methode des Sit-in aus dem politischen Bereich als eine friedliche Form, Druck auszuüben. Ich bin deshalb nicht sicher, ob sie sich in Schulklassen anwenden lässt.

Welche Probleme könnten entstehen?
Durch die Gruppendynamik wird der Druck auf die fehlbare Schülerin oder den fehlbaren Schüler gross. Es kann zu Spannungen innerhalb der Klasse kommen, und es besteht die Gefahr von Mobbing. Die Kinder, die nicht selbst für das Problem im Klassenzimmer verantwortlich sind, könnten die fehlbaren Schüler noch stärker als Schuldige wahrnehmen.

Handelt es sich bei den Sitzstreiks um eine Kollektivbestrafung?
Ja, denn alle Schüler müssen bei den Sit-ins mitmachen. Auch solche, die keine Probleme bereiten und eigentlich lernen wollen. Davon werden sie durch das Warten im Kreis abgehalten.

Wie können Problemschüler sonst zur Einsicht gebracht werden?
Es gibt zum Beispiel die Idee des schulinternen Time-out. Dazu stellt die Schule ein Zimmer zur Verfügung, wo fehlbare Kinder hingeschickt werden können, zeitlich beschränkt natürlich. Es handelt sich um einen stillen Ort, wo die Schüler die Möglichkeit haben, mit einem Heilpädagogen zu reden oder Aufgaben zu lösen. Die Methode hat sich sehr bewährt.

Welche Möglichkeiten hat eine Lehrperson, wenn sie fehlbare Schüler nicht aus der Klasse verbannen will?
Das Umplatzieren von Kindern ist beliebt. Man setzt einen Störenfried beispielsweise ganz nach vorne, um ihn besser im Blick zu haben. Es gibt auch Versuche, Klassen durch zwei Lehrpersonen oder in Grossgruppen zu führen. Damit wurden teilweise gute Erfahrungen gemacht. Ebenfalls bekannt ist, dass Körperkontakt gerade bei verhaltensauffälligen Schülern sehr beruhigend wirken kann. Es würde oft reichen, vorbeizugehen und ihnen die Hand auf die Schulter zu legen. Doch das trauen sich die meisten Lehrpersonen nicht mehr. Früher war es akzeptiert, jetzt ist es ein Tabu. Heute wird man schnell der Pädophilie verdächtigt, wenn man Schüler anfasst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2017, 12:44 Uhr

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