Ein kurzer Prozess

Der Datendieb Hervé Falciani verfolgt sein Verfahren aus der Ferne.

«Verschwinden in ein normales Leben»: Hervé Falciani. Foto: Reuters

«Verschwinden in ein normales Leben»: Hervé Falciani. Foto: Reuters

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Man hätte die beiden Männer heute Montag um acht Uhr gerne gemeinsam in einem Raum ­gesehen: den Datendieb Hervé Falciani und sein Häscher, Bundesanwalt Michael Lauber. Doch dazu kommt es nicht. Der französisch-italienische Ex-Mitarbeiter bei der Genfer Niederlassung der britischen Grossbank HSBC zieht es vor, den heutigen Tag im sicheren Ausland zu verbringen statt im Gerichtssaal des Bundesstrafgerichts in Bellinzona, wo ihm der Prozess gemacht werden soll. Auch Lauber kann ungestört seiner Arbeit in Bern nachgehen. Auf seine Anwesenheit im Zeugenstand hatte Falcianis Genfer Anwalt Marc Henzelin gepocht. Der Gerichtspräsident lehnte jedoch ab. Die Arbeit der Richter beschränkt sich heute auf die Festlegung eines neuen Gerichts­termins. Erst dann darf Falciani im ordentlichen Abwesenheitsverfahren verurteilt werden.

Dass er verurteilt werden wird, das zweifelt nicht einmal er an. Er werde dann einfach «ein neues Kapitel aufschlagen, eine Namensänderung beantragen und verschwinden, in ein normales Leben mit meiner Familie», erklärte er vor einiger Zeit der Zeitung «Le Monde».

Verschwinden, wenn der Boden zu heiss wird, daran hat sich der 43-Jährige gewöhnt. Nachdem er als Informatiker die Daten von drei Vierteln aller Kunden bei der HSBC Genf entwendet hatte – bis heute der grösste Datendiebstahl in der Bankenwelt –, schlüpfte er in eine andere Identität: Als Ruben al-Chidiack wollte er seine wertvolle Ware mithilfe seiner damaligen ­Geliebten anderen Banken verkaufen, zuerst im Libanon. Die Schweizer Justiz kam ihm 2008 zwar auf die Spur, doch Falciani gelang die Flucht nach Frankreich. 2012 setzte er sich nach Spanien ab, wurde verhaftet und dann wieder freigesetzt.

Es war der Hunger der Steuerfahnder nach den HSBC-Daten, der ihn schützte und ihn in eine neue Rolle rutschen liess. In die des modernen Robin Hood, des edlen Rächers des kleinen, steuerehrlichen Mannes. An diesem Bild arbeitet er selber kräftig mit in zahlreichen Interviews. Obwohl es stets auch widersprüchliche und gar unglaubwürdige Aussagen von ihm gibt, verfestigte sich das Bild mit jedem prominenten Steuerhinterzieher, der dank Falcianis Daten zu Fall gebracht wurde.

Es gibt nur noch wenige, die in ihm keinen Helden sehen. Für seine ehemalige Geliebte ist er «ein Dieb, der Daten stahl, um sie zu verkaufen», wie sie einer spanischen Zeitschrift sagte. So sehen es auch die Schweizer Ermittler, die HSBC und einige italienische Bankkunden, die als Nebenkläger auftauchen.

Falcianis nächster Auftritt wird quasi in Sichtweite seiner früheren Wirkungsstätte stattfinden: Am 28. Oktober lädt er im französischen Divonne, 20 Kilometer von Genf entfernt, zu einer Medienveranstaltung ein. Dann wird er sein Buch vorstellen, worin er erzählt, wie es wirklich war mit dem Datendiebstahl.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2015, 22:59 Uhr

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