Die SBB spielen mal kurz Tarifchaos

Ein Klassenwechsel für 5 Franken, offeriert vom Kondi? Wer für die Erstklassfahrt von Zürich nach Bern den regulären Zuschlag von 19.50 Franken zahlt, nervt sich zu Recht.

Ist sie gut gelaunt, gibts vielleicht ein Upgrade: SBB-Kondukteurin im ICN nach Genf. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Ist sie gut gelaunt, gibts vielleicht ein Upgrade: SBB-Kondukteurin im ICN nach Genf. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Der Kondukteur ist in den letzten Jahren ein volatiles Wesen geworden. In manchen Zügen sieht man ihn (oder sie) gar nicht mehr. In anderen hastet er vorbei und interessiert sich nicht für das Billett des Passagiers. Aber okay, wenn er innehält und kontrolliert, ist er in der Regel nett und sachkundig. Klagt der Passagier dann zum Beispiel über das wieder einmal gesperrte WC, kann es sein, dass ihm der Kondukteur einen Gutschein für ein alkoholfreies Getränk spendiert.

In den nächsten Monaten darf der Kondukteur noch ein wenig mehr seiner Laune folgen und Halbgott spielen. Denn wie eben zu lesen stand, kann er im Rahmen eines befristeten Versuchs Fahrgästen der zweiten Klasse spontan ein Upgrade für die erste anbieten. Für nur fünf Franken, auf den Besitzer eines Zweitklass-GA oder eines Halbtax-Abos bezogen. Ein Schnäppchenpreis, wenn man bedenkt, dass der entsprechende reguläre Klassenwechsel zum Beispiel für die Strecke Zürich–Bern 19 Franken 50 beträgt.

Ohne Not das Konzept aufgeweicht

Doch was ist, wenn der Kondukteur jemandem den Wechsel offeriert, und die im nächsten Abteil wollen auch – wird der Kondukteur dann die mentale Kraft haben, der erwachten Begehrlichkeit zu widerstehen? Und werden die, die leer ausgehen, ihn nicht lynchen wollen?

Und was ist mit den Leuten in der ersten Klasse? Um einem Klischee zu begegnen: Sie sind in der Regel keine Snobs oder menschenverachtenden Aristokraten, genauso wie in der zweiten Klasse in der Regel nicht die Verarmten dieser Erde fahren. Was beide Gruppen auf Zeit trennt, ist eine rationale Gewichtung: Die in der zweiten wählen den günstigsten Preis, während die in der ersten es sich etwas kosten lassen, mehr Ruhe und Platz zu haben. Wobei das relativiert gehört: Die Stadler-Kompositionen sind punkto Komfort von spartanischer Machart und schwächen die Premium-Idee.

Jedenfalls aber zahlen die Passagiere in der ersten Klasse signifikant mehr. Und fühlen sich zu Recht, man entschuldige den Ausdruck, verarscht vom neusten SBB-Gag. Der wolle auch gar nicht das Problem chronisch überfüllter Zweitklass-Waggons lösen, sagen die Lancierer der Idee. Anders gesagt: Ohne Not und grossen Zweck weichen die SBB ein einigermassen klares Konzept auf. Ein Tarifdurcheinander richten sie mal kurz an. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2017, 12:01 Uhr

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