Der Excel-Politiker

Zehn Jahre lang war Martin Bäumle der Präsident der Grünliberalen, nun tritt er ab. Er hat die GLP stark gemacht – und war gleichzeitig ihr grösster Schwachpunkt.

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Da ist nichts Sanftes an Martin Bäumle, nichts Stilles oder Zartes. Und wenn, dann soll man es nicht sehen. Als Russland in die Ukraine einmarschierte und die Welt vor einem neuen Krieg stand, war gleichzeitig Session in Bern. Bäumle war kaum im Ratssaal. Stattdessen schlich er in den Gängen des Bundeshauses umher, das Gesicht besorgt, die Stimme sanft, das Telefon näher am Mund als nötig. Seine Frau stammt aus der Ukraine, und plötzlich war anderes wichtig, Grösseres. Der laute Bäumle war still.

Es war jene Ausnahme, die die Regel bestätigt. Im Licht der Öffentlichkeit, in der «Arena» des Fernsehens, im Gespräch mit Journalisten und an Podiumsdiskussionen war Bäumle wie seine Igelfrisur: schmerzfrei. Ein lauter und aufbrausender Mann. Mit der Wut im Herzen und rotem Gesicht kämpfte er für die eine Wahrheit. Seine Wahrheit. Wer ihm widersprach, lag falsch. Er konnte das belegen, immer. Mit einer Excel-Tabelle auf seinem Laptop, mit auswendig ausgespuckten Richtwerten auf die zweite Kommastelle genau. Tacktacktack. «Das ist doch völlig logisch!»

Wer ihm widersprach, lag falsch. Er konnte das belegen, immer.

Bäumle wollte das nie, so präsent und dominant werden. Er wollte kein Gottlieb Duttweiler werden, der sich den Landesring der Unabhängigen auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten hatte. Und zumindest zu Beginn machte Bäumle alles richtig. Vor seiner Person kam bei den Grünliberalen die Idee. Und die Idee war brillant.

Als Bäumle gemeinsam mit der späteren Ständerätin Verena Diener nach einem Zerwürfnis mit den Grünen im Jahr 2004 die Grünliberalen des Kantons Zürich gründete, fragten sich viele: Warum gab es das nicht schon vorher? Die Grünliberalen waren eine Partei wie die Schweiz. Etwas links (aber nicht zu fest), etwas rechts, etwas liberal, etwas grün, etwas urban, etwas ländlich, etwas Agglo (viel Agglo). Und vor allem: Hundert Prozent rational. Eine Partei, die Vernunft lebt und nicht nur von ihr redet.

«Ich bin erleichtert»: Martin Bäumle spricht über seinen Rücktritt als GLP-Präsident. (Video: sda)

Als Bäumle drei Jahre später die nationale Partei gründete, erschloss er damit eine Klientel, die von der Politik bisher vernachlässigt worden war. Er gab Ingenieuren und Technikern und Wissenschaftlern eine politische Heimat. Bäumle, selber ein Atmosphärenwissenschaftler, spricht die Sprache der ETH und der Ingenieure, und er versuchte seine Politik nach denselben Massstäben auszurichten. Mit wem muss ich paktieren, damit eine Listenverbindung wirklich Sinn macht? In welchem Kanton und welcher sozialer Subschicht hat die Partei am meisten Potenzial? Das lässt sich ausrechnen.

Diese Stärke von Bäumle – der absolute Fokus auf Rationalität und Vernunft – war gleichzeitig die grösste Schwäche der Grünliberalen. Bäumle wirkte kühl, die Partei wirkte kühl. Das war nicht politisch, was diese neue Partei tat, das war technokratisch. Zwar öffnete Bäumle das Parteienspektrum für eine neue Klientel, doch gleichzeitig verschloss er es für alle anderen. Wer will in einer Partei sein, in der man studiert haben muss, um ernst genommen zu werden? (Und wir reden hier nicht von einem Phil-I-Studium!)

Je dominanter Bäumle wurde, desto kleiner wurde die Idee der GLP.

Wie weit Bäumle von der politischen Realität dieses Landes zuweilen entfernt war, sah man exemplarisch an der ersten und bislang einzigen Volksinitiative der GLP. 91,96 Prozent der Stimmberechtigten lehnten im März 2015 die Mehrwertsteuervorlage der Grünliberalen ab. Es war die deutlichste Abfuhr in der Geschichte der Schweizer Politik. Vielleicht war die Idee der Initiative ja, rational gesehen, tatsächlich gut. Aber unendlich weit entfernt vom Leben der Schweizerinnen und Schweizer.

Das hatte Bäumle nicht gespürt und es war nicht das einzige Mal, dass ihm fehlendes Gespür Probleme machte. Als er als Finanzvorstand von Dübendorf einem Journalisten heikle Informationen weitergab, wurde er dafür vom Bezirksgericht Uster wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses zu einer bedingten Geldstrafe und der Zahlung an einer Entschädigung verurteilt. Bäumle konnte nie verstehen, was er falsch gemacht haben soll. Er lag doch im Recht! Diesen Juni wird sich das Obergericht mit der Sache befassen, Bäumle will einen Freispruch.

Es war diese Charaktereigenschaft, die aus Bäumle mit der Zeit an der Spitze der Grünliberalen eben doch einen Duttweiler machte. Einen Alleinherrscher. Weil er so laut und präsent war, weil er – und nur er – die Wahrheit wusste, gab es kaum Raum für andere Köpfe innerhalb der GLP. Und je dominanter Bäumle wurde, je häufiger er den Anruf eines Journalisten entgegennahm und im Fernsehen auftrat, desto kleiner wurde die Idee der Partei. Bis die GLP am Schluss nur noch er war.

Alle Kalorien auf einem Excel-Sheet

Bäumle merkte das selber, er musste es merken. Nach seinem Herzinfarkt im Jahr 2014, dessen Symptome er noch schnell googelte, bevor er ins Krankenhaus fuhr (diese Anekdote fehlt in keinem Bäumle-Porträt), nahm er sich zurück und verkündete das auch überall. Er ass für die «Schweizer Illustrierte» mit seiner ukrainischen Frau verliebt Erdbeeren und liess sich von der «SonntagsZeitung» auf seinem Elektrobike begleiten und versprach, künftig alle verbrauchten und zugeführten Kalorien auf einem Excel-Sheet einzutragen.

Bäumle versprach nicht nur, sich zurücknehmen, er machte es auch tatsächlich. Mit Fraktionschefin Tiana Angelina Moser und Nationalrätin Kathrin Bertschy erhielten zwei Frauen ab 2014/2015 jene Aufmerksamkeit, die ihnen zuvor vom omnipräsenten Bäumle verwehrt worden war. Mit dem partiellen Rückzug veränderte sich auch das öffentliche Bild der Partei. Bäumle hatte immer einen starken Drall nach rechts, im Bundeshaus stand ihm der ehemalige SVP-Präsident Toni Brunner sehr nahe. Mit Moser und Bertschy haben die Grünliberalen einen fortschrittlicheren Touch erhalten, einen progressiveren.

Bäumles Leistung bleibt, dass so etwas überhaupt möglich ist. Dass die Partei in sich zu funktionieren scheint, dass sie sich in den zehn Jahren ihres Bestehens tatsächlich etablieren konnte. So etwas ist sehr selten in der trägen Parteienlandschaft der Schweiz, so etwas ist schwierig (fragen Sie mal die BDP). Und dass das funktionierte, ist das Verdienst von nur einem Mann: Martin Bäumle.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 14:21 Uhr

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