Der Jihadist, der nicht kämpfen will

Ein Koranverteiler aus Lausanne ist mit seiner Frau zum IS gereist. Dort gehörte er einer berüchtigten Einheit an, die auch für Terroranschläge in Europa verantwortlich sein könnte.

Personalakte von Ajdin B., ausgestellt durch seine IS-Brigade.  Foto: Twitter

Personalakte von Ajdin B., ausgestellt durch seine IS-Brigade. Foto: Twitter

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Ajdin B. war einst ein gut aussehender junger Mann, der in der Lausanner Rue Haldimand Korane verteilte. Auf dem Porträt von ihm, das kürzlich in einem Dokument des Islamischen Staats (IS) auftauchte, wirkt der Kroate bosnischer Herkunft um zehn Jahre gealtert. Er ist kaum noch zu erkennen, und doch handelt es sich um dieselbe Person. Nicht nur der Klarname stimmt mit jenem Koranverteiler aus Lausanne überein, sondern auch das Geburtsdatum.

Bei ihrem Vormarsch in der nordirakischen IS-Hochburg Mosul haben die irakischen Streitkräfte zwei Dokumente erbeutet, in denen Ajdin B. namentlich erwähnt wird. Auf einer Liste sind mehrere Kämpfer des Bataillons Tarik Ibn Ziad aufgeführt, bei denen es sich offenbar um Problemfälle handelt. Unter ihnen befindet sich neben Franzosen, einem Belgier und Kosovaren auch der Lausanner mit dem Kampfnamen Abu Wael al-Swissri, was so viel wie «Waels Vater, der Schweizer» heisst. Der Mann besitzt in Wirklichkeit aber die kroatische Staatsbürgerschaft, wobei seine Familie ursprünglich aus Bosnien stammt.

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In einem zweiten Papier, quasi die Personalakte von Ajdin B., wird erwähnt, dass der Jihadist unter Problemen mit seinem Knie, möglicherweise einer schmerzhaften Nervenentzündung, leide. Dann folgt die Anmerkung: «Will nicht kämpfen.» Ob Ajdin B. einfach kriegsmüde oder sein Knieleiden Grund für die Verweigerungshaltung war, bleibt ebenso unklar wie die Frage, ob er selbst im Irak gekämpft hat. Eine Empfehlung, damit er vom IS aufgenommen wurde, erhielt der Lausanner von einem anderen Bosnier in der syrischen Stadt Menbij, einem Durchgangszentrum für europäische Jihadisten, unter ihnen auch Schweizer.

Jean-Paul Rouiller, Terrorismus­experte am Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik (GCSP) hält das Dokument für echt, wie er der SRF-Sendung «10 vor 10» sagte. Ein Indiz dafür sind die Waffen, an denen der Lausanner Jihadist laut Personalakte trainiert wurde. Aufgeführt sind nicht nur schwere Maschinengewehre zur Luftabwehr und Panzerfäuste, sondern auch ein ex-sowjetisches Maschinengewehr des Typs PKM. Dieser Typ wird in Syrien und im Irak fälschlicherweise als PKC bezeichnet, und dieser Fehler ist ein Hinweis, dass das Papier tatsächlich echt sein könnte.

Schweizer Ehefrau

Zuunterst in der Personalakte ist die Zahl der Ehefrauen, Kinder oder Sexsklavinnen aufgeführt. Bei Ajdin B. findet sich nur der Hinweis auf eine Ehefrau. Bei ihr handelt es sich um Selma S. aus Lausanne, ebenfalls mit balkanischen Wurzeln. Über sie ist wenig bekannt, ausser dass sie über einen Schweizer Pass verfügt und in Lausanne die Schule abgeschlossen hat. Das letzte Lebenszeichen des Jihadisten-Paars kam offenbar Anfang Februar aus der ­syrischen IS-Hauptstadt Raqqa, wo Selma S. und Ajdin B. auf die Geburt ihres Kindes warteten.

Das Paar reiste im August 2015 zum IS, wobei Ajdin B. wohl die treibende Kraft war. Auf den Fall aufmerksam wurden die Behörden durch eine Vermisstmeldung der Eltern. Als klar war, dass die beiden tatsächlich beim IS gelandet waren, nahm der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) Ajdin B. und Selma S. in seine Datenbank der Jihad-Reisenden auf. Doch erst als die Personalakte auf Twitter veröffentlicht wurde, liess die Schweiz den Jihadisten international zur Fahndung ausschreiben. Das ist ein klarer Hinweis, dass man den Mann für gefährlich hält.

Dafür gibt es einigen Grund: Die ­Einheit, in der Ajdin B. eingeteilt war, das Bataillon Tarik Ibn Ziad, ist berüchtigt. Kommandiert wurde es von Ab­delilah Himich. Der Marokkaner hatte lange in Frankreich gelebt und in der Fremdenlegion in Afghanistan gekämpft. Laut dem amerikanischen Aussenministerium gründete Himich alias Abu Suleiman al-Faransi die ursprünglich rund 300 Mann starke Einheit Tarik Ibn Ziad im Jahr 2015. Ausserdem verdächtigen die USA den 27-­jährigen Marokkaner, die Terrorattentate in Paris vom November 2015 und in Brüssel vom März 2016 geplant zu haben. Allerdings gibt es Gerüchte, dass der Mann beim IS inzwischen in Ungnade gefallen sei.

Jihadisten-Nest

An der Koranverteilaktion «Lies!» in Lausanne beteiligten sich neben Ajdin B. fast ausschliesslich Männer mit Wurzeln auf dem Balkan, unter ihnen auch zwei Deutschschweizer. Bei einem von ihnen handelte es sich um ein Gründungsmitglied des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS).

Radikalisiert und vermutlich für den IS rekrutiert wurde Ajdin B. vom Lausanner Mersad H. Dieser folgte seinem Vater Mensur H. 2014 in den syrisch-irakischen Jihad. In Lausanne und Umgebung gab es also ein regelrechtes Nest von Jihadisten und IS-Sympathisanten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2017, 21:40 Uhr

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