Schweizer Armee denkt über Militär-Imam nach

Brauchen wir muslimische Feldprediger? Der neue Armeechef Philippe Rebord nimmt dazu Stellung.

Im Dienstreglement ist der Fall klar, in der Realität weniger: Welchen religiösen Beistand brauchen die Schweizer Rekruten? Foto: Urs Jaudas

Im Dienstreglement ist der Fall klar, in der Realität weniger: Welchen religiösen Beistand brauchen die Schweizer Rekruten? Foto: Urs Jaudas

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Im Grunde gibt es keinen Raum für Diskussionen. Das Dienstreglement der Schweizer Armee hält klipp und klar fest: Zuständig für den religiösen Beistand der Soldaten sind evangelisch-reformierte und römisch-katholische Armeeseelsorger.

Doch wie so oft klafft zwischen Gesetz und gelebter Realität eine gewisse Lücke. Bei spezifischen Problemen einzelner Soldaten zieht die Armee schon heute islamische Seelsorger bei. Und hinter verschlossenen Türen diskutieren Armeekader über die Frage, ob und wie Imame als Feldprediger aufgenommen werden könnten.

34 Prozent sind eingebürgert

Gestern hat sich in dieser brisanten Frage auch der neue Armeechef Philippe Rebord positioniert. Im Rahmen einer Pressekonferenz zu seinen ersten hundert Tagen im Amt erklärte Rebord: «Ich hätte nichts gegen einen Militär-Imam einzuwenden.» Voraussetzung sei aber, dass muslimische Feldprediger wie alle anderen Armeeseelsorger bereit seien, ökumenisch tätig zu sein, also auch Christen und Andersgläubige betreuen würden. «In der Schweizer Armee sind wir es gewohnt, auf Minderheiten Rücksicht zu nehmen», so der Nachfolger von André Blattmann.

Natürlich ist es kein Zufall, dass sich die Armee mit einer Öffnung gegenüber dem Islam beschäftigt. Zwar ist nicht bekannt, wie viele Muslime der Schweizer Armee angehören, da diese Zahl nicht erfasst wird. Gemäss jüngsten Angaben sind aber bereits 34 Prozent der Rekruten eingebürgerte Schweizer – ein Anzeichen für eine wachsende religiöse Vielfalt. Hinzu kommt, dass andere westliche Streitkräfte in puncto «Diversity» bereits vorgelegt haben. Seit 2015 beschäftigt etwa das österreichische Bundesheer einen Imam für die islamische Militärseelsorge.

«Welche Werte?»

In der Schweiz stehen dem ersten Armee-Imam aber noch verschiedene Hürden im Weg. Erstens geht es um die öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islam als Religion. Während in einzelnen Kantonen entsprechende Bestrebungen laufen, gibt es beim Bund keine konkreten Pläne. Zweitens stellt sich die Frage nach der Qualifikation der Seelsorger. Bei christlichen Feldpredigern setzt die Armee eine fundierte theologische Ausbildung voraus. Für Muslime fehlt bislang ein äquivalentes Studium. Eine mögliche Alternative bietet ein Seelsorge-Lehrgang der Universität Bern, der im Sommer anläuft und sich explizit auch an Nichtchristen richtet. Isabelle Noth, Leiterin des Pilotprojekts, warnt indes vor einem überstürzten Einsatz von muslimischen Seelsorgern bei der Armee. «Ein gründliches Assessment ist hier sicher notwendig. Es geht um ganz unterschiedliche Fragen: Welche Werte vertritt ein Imam? Gibt es eine Radikalisierungsgefahr? Und bringt ein Imam die richtige Ausbildung mit, um nicht nur als Vorbeter, sondern auch als Seelsorger tätig zu sein?»

Eine weitere, nicht unwesentliche Hürde ist schliesslich die politische Akzeptanz. Eine Umfrage unter Sicherheitspolitikern zeigt aber durchaus Offenheit gegenüber muslimischen Seelsorgern. Nur SVP-Sicherheitschef Beat Arnold (UR) lehnt die Idee ab. Die Gruppe muslimischer Soldaten sei derzeit wohl noch zu klein, so der Nationalrat. «Zudem zweifle ich, ob ein Armee-Imam dem ökumenischen Auftrag wirklich gerecht würde.» Sollte doch einmal ein muslimischer Soldat religiösen Beistand von einem Imam wünschen, so erwarte er von der Armee, dass sie individuell eine Lösung finde, sagt Arnold.

Nach dem Essen der Glaube

«Es ist eine Tatsache, dass die Armee vielfältiger wird», sagt hingegen Jakob Büchler (CVP, SG). Er habe bei Truppenbesuchen verschiedentlich erlebt, dass viele Secondos ihren Dienst mit grossem Einsatz leisteten. «Wenn einige von ihnen nun einen Imam wünschen, dann, finde ich, sollte die Armee ihnen hier entgegenkommen.» Ähnlich äussert sich Corinna Eichenberger (FDP, AG), Präsidentin der Sicherheitspolitischen Kommission. Die Armee habe sich auch bei der Ernährung den Bedürfnissen der muslimischen Soldaten geöffnet. «Sofern der Wunsch seitens der Truppe ausgewiesen ist, finde ich es nicht falsch, diesen Schritt auch bei der Seelsorge zu tun.» Carlo Sommaruga möchte die religiöse Öffnung sogar noch weiter treiben. «Die Armee sollte sich überlegen, wie sie Vertreter aller grossen Religionen in ihre Seelsorge aufnehmen kann», sagt der Genfer SP-Nationalrat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2017, 22:56 Uhr

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