Schweiz

«Zum Betteln gezwungen»: Roma-Netzwerk zerschlagen

Von Fabiano Citroni, «Tribune de Genève». Aktualisiert am 09.01.2013

Vom grenznahen Frankreich aus operierte ein Netzwerk, welches seine Mitglieder jeden Tag zum Betteln in die Schweiz schickte. 50 Personen wurden festgenommen.

1/2 50 Angehörige der Roma-Minderheit wurden im Grenzgebiet um den Genfersee festgenommen.
Bild: Tribune de Genève

   

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Laut Polizeiangaben stammen alle festgenommenen Personen aus Rumänien und gehören der Roma-Minderheit an. Die Drahtzieher des Netzwerks beschäftigten ihre Landsleute mehrheitlich in den Strassen von Genf.

Philippe Guffon, Polizeihauptkommissar der nahe am Genfersee gelegenen französischen Stadt Annemasse, erklärte gestern: «Als Teil eines sehr organisierten und gut strukturierten Netzwerks wurden in Genf mehrere rumänische Staatsbürger zum Betteln gezwungen und mussten das verdiente Geld an ein circa zehnköpfiges Drahtzieherteam übergeben.» Anschliessend wurden Überweisungen nach Rumänien getätigt. Der Fall wirft die Frage des Bettelverbots in der Romandie erneut auf. In der Westschweizer Fernsehsendung «Forum» diskutierten gestern Verfechter des Verbots mit Vertretern von Roma-Organisationen über die möglichen Lösungen des Problems. Bereits im April war in Genf eine mögliche Aufhebung des Bettelverbots diskutiert worden.

Ermittlungen hatten bereits 2011 begonnen

Die französische Polizei hatte mit Unterstützung der Genfer Behörden bereits Ende 2011 Ermittlungen aufgenommen, nachdem Einwohner und Behörden der französischen Grenzstadt Gaillard regelmässig über die Anwesenheit von rund 50 Roma in ihren Strassen klagten. «Sie wurden uns als ziemlich aggressiv beschrieben», erklärt Guffon.

Die Ermittlungen verliefen aufwendig. Mittels Fotoaufnahmen und Beschattungsaktionen wurde die Struktur und der Beschäftigungsablauf der Gruppe beobachtet. «Jeden Morgen versammelten sich die Personen in Gaillard und unterhielten sich. Dann gingen alle arbeiten, die Anführer blieben zurück», schildert Philippe Guffon. Laut Polizeiangaben waren 80 Prozent der Roma in Genf aktiv, der Rest in Annemasse, Lausanne, Neuchâtel und Aigle sowie in den französischen Städten Thonon und Annecy. Abends wurde die Grenze wieder überquert, die Gruppe traf sich erneut im französischen Gaillard, wo die Geldübergabe stattfand. «Wir mussten feststellen, dass die Roma ihr verdientes Geld nicht mit sich trugen. Die Anführer der Gruppe, welche ihre Tage stets tatenlos in Annemasse verbrachten, überwiesen in einem Zeitraum von 14 Monaten rund 110'000 Euro nach Rumänien. Davon wurde eine Überweisung in Höhe von 60'000 von einer einzigen Person getätigt», sagt Guffon.

Gehörte auch Prostitution zu den Aktivitäten des Netzwerks?

Für die Polizei besteht kein Zweifel: Das angehäufte Geld stammt von Betteltätigkeiten und dubiosen Geschäften. Einbrüche und Prostitution schliessen die Behörden aus. Auch von einer mafiösen Struktur will man bei der Polizei nicht sprechen. Philippe Guffon benutzt stattdessen die Bezeichnung «sehr strukturiertes und gut organisiertes Netzwerk». Neun Personen sitzen momentan in Gewahrsam. «Es herrscht das Gesetz des Schweigens», erklärt Guffon. «Alle erzählen das Gleiche: ‹Ich bin Bettler, ich gebe mein Geld niemandem ab, ich wohne in einem Wohnwagen›, während sich die Anführer der Gruppe den Ursprung ihres Geldes nicht erklären können. Einige hatten immerhin 2000 Franken lose in der Tasche.»

«Kein mafiöses Netzwerk in Genf»

Gemäss dem Polizeikommissariat von Annemasse stammen alle befragten Personen aus der rumänischen Stadt Barbulesti. «Unsere rumänischen Kollegen sagten uns, dass sie in der Schweiz betteln, um Schulden abzubezahlen. Sie wissen, dass sie hier ausgebeutet werden, aber für sie ist dies die einzige Möglichkeit, ihre Schulden zurückzuzahlen. Solche Situationen sind inakzeptabel. Wir sind sehr zufrieden über die Zerschlagung dieses Netzwerks.»

Werden die französischen Ermittlungen die Anzahl Bettler in Genfs Strassen verringern? Patrick Pulh, Sprecher der Kantonspolizei, schätzt die Zahl der im Kanton Genf aktiven Bettler auf rund 100. «Betteln ist in Genf illegal. Dementsprechend müssen wir weitermachen wie bisher. Wir führen Befragungen durch und sind in den Strassen sehr präsent. Bis jetzt lässt uns nichts vermuten, dass es mafiöse Organisationen gibt, die von Genf aus operieren.»

(Übersetzung und Bearbeitung: cor) (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.06.2012, 10:30 Uhr

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