«Wir sehen uns nicht als Helden»
Von Matthias Chapman, Claudia Blumer, Jan Derrer. Aktualisiert am 15.10.2010
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Berichten für Sie aus Sedrun: DerBund.ch/Newsnet-Reporter Claudia Blumer, Matthias Chapman und Jan Derrer (v.l.).
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Ist stolz, Teil dieses Ereignisses zu sein: Tunnelarbeiter Dieter Meyer. (Bild: Matthias Chapman)
Kämpfte für die Porta Alpina: Placi Berther.
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15.15 -- Der grosse Moment ist vorüber, die Freundentränen trocknen, der Applaus ebbt ab. Und die gefeierten Arbeiter fliehen aus der rauchfreien Werkhalle nach draussen, wo sie in Gruppen zusammenstehen und sich austauschen. Wie fühlt es sich an, die Helden des Tages zu sein? Es gebe schon ein gutes Gefühl, sagt Herbert Uridat, der aus dem Ruhrpott stammt. «Man ist fast ein bisschen stolz auf sich selber.» Sulaiman Abdulghani, von seinen Freunden Habibi genannt, ist einerseits glücklich, dass das Werk vollbracht ist, anderseits stimmt ihn traurig, dass die Zeit so schnell vorübergegangen ist. Der Syrer arbeitete als Eisenleger. Ebenfalls Eisenleger ist Sallah Murseri aus dem Kosovo. Er hat nur gute Worte für die Arbeit, das Klima, die Kumpels übrig. Der Deutsche Ingo Schikora, der als Vermesser arbeitet, sieht sich nicht als Held. «Wir haben einfach unsere Arbeit getan.» Der Mineur Manfred Paczik aus Duisburg hingegen findet es okay, als Held gefeiert zu werden. «Das haben wir uns verdient.»
14.20 Uhr -- «Wahnsinn, unglaublich. Das ist Weltrekord und ich war dabei», sagt Dieter Meyer nachdem die Wand im Tunnel gefallen ist. Der Deutsche kam 2002 in die Schweiz und arbeitete jahrelang im Gotthard-Basistunnel. Seit einem Jahr ist er als Elektriker übertag tätig. Die letzten Zentimeter Berg, die auszubrechen waren, verfolgte er am Grossbildschirm in der Sedruner Werkhalle. Er lachte und fieberte. «Bleib nicht stehen Mädchen», meinte er, als die Maschine länger als geplant zu fräsen scheinte. «Ich bin stolz», so Meyer. Was hier abgehe sei wie ein Championsleague-Final. Der Rummel, die vielen Leute und die Nervosität. Beim Fall der letzten Zentimeter Berg toste der Applaus in der Werkhalle Sedrun. Meyer vergoss keine Tränen, nicht so wie Uvek-Chef Moritz Leuenberger. Einen Moment lang war er ganz ruhig. In Deutschland würden seine Kollegen das Ereignis mitverfolgen und die wollten jetzt Fotos von ihm sehen. Seine Mutter habe ihm gestern angerufen. Meyer hat im Tunnel seinen Kollegen Torsten Elsemann verloren. Er war an der Beerdingung in Deutschland. Meyer will hier bleiben in Sedrun, auch nach seiner Pensionierung. Er zog 2002 mit seiner Frau von Sachsen ins Bündner Oberland. Jetzt ist er 61, Frühpensionierung sei mit 62 möglich. «Die Schweiz ist zu schön, um wieder wegzugehen.»
13.00 Uhr -- Plazi Berther war 12 Jahre lang Gemeindepräsident in Sedrun. Er kam extra deswegen von Chur hier hoch ins Bündner Oberland. Ihn faszinierte der Bau des Basis-Gotthardtunnels. Nun werde sich die Gemeinde auf ruhigere Zeiten einstellen müssen meint Berther. In den nächsten zwei Jahren würde die Zahl der Arbeiter von 400 auf 100 reduziert. Das wird sich auf das Leben in Sedrun auswirken. Weniger Beizenbesuche, weniger Einkäufe und allgemein weniger Menschen im Dorf. Berther macht sich aber keine Sorgen, dass das Dorf dies nicht verkraften kann. «Vor dem Tunnelbau ging es ja auch.» Er glaubt aber, dass die Bekanntheit durch die Baustelle gestiegen sei und sich dadurch vielleicht künftig mehr Leute als Gäste nach Sedrun kommen.
Berther hätte es gerne gesehen, wenn die Porta Alpina Realität geworden wäre. «Wir kämpften für die Porta Alpina.» Es hat nicht sollen sein. Er sei schon enttäuscht gewesen, als klar wurde, dass das Projekt nicht kommt. Zwar habe der Bundesrat die Porta Alpina quasi nur auf Eis gelegt, allein, er mag nicht recht daran glauben, dass das Projekt noch je realisiert wird.
11.25 Uhr -- Eine Schlange von Arbeitern und Medienleuten wartet vor dem Lift, der vom Dorfkern Sedrun nach unten zum Werkplatz führt. Eine Securitas-Mitarbeiterin kontrolliert den Einlass in strengem Ton, diee Leute reiben sich in der winterlichen Kälte die Hände, lachen, plaudern, telefonieren und begrüssen einander. Unten passiert Franz Steinegger, der ehemalige FDP-Präsident aus dem Kanton Uri, in Arbeiterbekleidung die Container. Die Arbeiter sind in bester Laune, die Gäste in freudiger Erwartung.
10:45 Uhr -- Der Küchenchef der Alptransit AG, Luis Santos, sagt gegenüber DerBund.ch/Newsnet, was die über 1000 Gäste von Verkehrsminister Moritz Leuenberger heute Mittag zu essen bekommen. Als Vorspeise gibt es Risotto, Bündnerfleisch und Lasagne. Als Hauptgang gibt es Kalbsschulter mit Polenta und Gemüse. Als Nachspeise wird Tiramisù gerreicht.
10:38 Uhr -- Gewerkschafter Roland Schiesser von der Unia erklärt, was die Arbeiter in Sedrun alles erlebt haben. Sie hätten gestreikt, aber auch viele schöne Momente erlebt. «Wir haben zusammen gestritten, wir können heute auch zusammen feiern.»
Schenkt den Mineuren ein Buch: «Unia»-Gewerkschafter Roland Schiesser.
Video: Jan Derrer
10:34 Uhr -- Die Pressekonferenz ist zu Ende. Der Hochnebel hat sich inzwischen ein wenig gelichtet. Noch ist nicht klar, ob die Patrouille Suisse Sedrun tatsächlich mit einem Überflug beehren kann.
10.28 Uhr -- Peter Füglistaler vom Bundesamt für Verkehr streicht die Bedeutung der neuen Gotthard-Achse für Europa heraus. «Das ist ein Beitrag für das Zusammenwachsen dieses Kontinents», so Füglistaler. Gleichzeitig spricht er über die harte Arbeit der Mineure und ruft die acht Männer in Erinnerung, die beim Bau des Basistunnels ihr Leben verloren. «Heute ist der Tag der Mineure und Ingenieure», ruft Füglistaler in den Saal hinaus und fordert die Journalisten zum Applaus auf. Der erschallt prompt durch den Raum.
10.20 Uhr -- Renzo Simoni, Geschäftsführer Gotthard AlpTransit, spricht über Rekorde und grosse Leistungen. «Heute Nachmittag besitzen wir einen weiteren Weltrekord», so Simoni stolz. Bis man den Japanern diesen Weltrekord aber habe stehlen können hätte es einiges gebraucht. Nun sei man aber bereits am Planen der näheren Zukunft. Früher als ursprünglich gedacht, sollten die Züge möglicherweise bereits Ende 2016 durch den Gotthard-Basistunnel fahren können. Man sei derzeit daran, entsprechende Pläne mit den SBB anzuschauen.
10.15 Uhr -- «Der heutige Tag ist von grosser Bedeutung für Europa», beginnt Luzi Gruber, Verantwortlicher von Implenia, seine Rede. Immer wieder streicht er die Leistung der Arbeiter unter Tag heraus. Es sei aber auch ein grosser Tag der Ingenieurskunst, so Gruber.
10 Uhr -- Start zur Pressekonferenz. Die Medien werden zuallererst in romanisch begrüsst. Ambros Zgraggen erklärt nochmals, warum es nicht für alle Platz hatte, zusammen mit Uvek-Chef Moritz Leuenberger unter Tag zu gehen. Der Ansturm war offenbar riesengross. Geschafft haben es nur 40 Journalisten, die live dabei sein können.
9.30 Uhr -- Pressekonferenz im Sedruner Schulhaus. Ab 10 Uhr sprechen hier die Verantwortlichen von Alp Transit. In der Turnhalle sind rund 200 Plätze für Medienschaffende bereit. Der Raum füllt sich, es wird englisch, französisch und japanisch gesprochen. Viele internationale Medien sind da.
8.15 Uhr -- Am Tag, an dem in Sedrun der längste Tunnel der Welt durchstochen wird, erwacht das Dorf unter einer dicken Hochnebeldecke. In wenigen Stunden ist es so weit. Um 14 Uhr wird das 400 Meter lange Ungetüm, die Tunnelbohrmaschine Sissi, in der Oströhre nochmals hochgefahren. 30 Minuten soll der Spuk dauern, dann ist der Weltrekord realisiert.
Bundesrat Moritz Leuenberger kommt mit geladenen Gästen das Rheintal hoch. Im Zug, wie wir uns das von unserem Verkehrsminister gewohnt sind. Der abtretende Uvek-Chef hat heute seinen letzten grossen Auftritt.
Welt schaut nach Sedrun
Für die Sedruner ist ein grosses Fest organisiert. Jeder Einwohner ist eingeladen, den grossen Tag im eigens dafür aufgebauten Zelt beim Sportplatz gemeinsam zu begehen. Um 11 Uhr – so der Wettergott will – beglückt die Patrouille Suisse das Bergdorf mit einer Einlage. Derzeit scheint das noch unvorstellbar, zu dick liegt der Hochnebel über dem Dorf.
Und während die Sedruner über Tag feiern, wird 700 Meter unter Tag der Countdown gezählt. Der Durchschlag wird nicht nur nach Luxemburg live ans EU-Verkehrsministertreffen übertragen, weltweit werden Menschen vom längsten Tunnel der Welt erfahren. Die Welt schaut heute nach Sedrun. Das wissen die Menschen hier, und darauf sind sie stolz. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 15.10.2010, 08:24 Uhr
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