«Wir müssen zu einer global bekannten Uni werden»
Von Rita Flubacher. Aktualisiert am 28.12.2010 8 Kommentare
Artikel zum Thema
- «Mit diesem Geld könnte man alle Kapazitätsprobleme der Unis lösen»
- Kantonsrat bittet ausländische Studenten stärker zur Kasse
Zur Person
Thomas Bieger (50) ist ab 1. Februar neuer Rektor der Universität St. Gallen (HSG). Der gebürtige Basler ist derzeit Prorektor und geschäftsführender Direktor des Instituts für öffentliche Dienstleistungen und Tourismus. Vor kurzem wurde er überdies zum Präsidenten von CEMS gewählt, einer globalen Allianz im Bereich der Managementausbildung, der 26 führende Wirtschaftsuniversitäten aus vier Kontinenten angehören. Dazu zählen etwa die HEC Paris und die London School of Economics.(rf)
Der Staatssekretär für Bildung und Forschung, Mauro Dell’Ambrogio, hat im «Tages-Anzeiger» für eine Verdoppelung der Studiengebühren an den Schweizer Universitäten plädiert. Sehen Sie das auch so?
Wenn man bedenkt, dass die Studiengebühren nur einen kleinen Teil dessen decken, was ein Studium wirklich kostet, und welchen Preis es im internationalen Vergleich hat, kann man sich sicher Gedanken darüber machen. Warum sollen Studierende für die hohe Qualität der Ausbildung in der Schweiz nicht bereitsein, etwas mehr als heute zu bezahlen?
Wie hoch sind die Gebühren in St. Gallen?
Wir bewegen uns mit 1020 Franken für inländische und 1170 Franken für ausländische Studierende pro Semester auf dem Niveau der grossen Universitäten in der Schweiz.
Sollte die Schweiz ihre Hochschulen nicht vermehrt als Dienstleistungsexportmöglichkeit begreifen?
Aus meiner Sicht hat die Schweiz wie viele europäische Länder eine Tradition tiefer Studiengebühren. Dies hat bildungspolitische Gründe; die Zugänglichkeit zu einer Hochschulausbildung soll finanziell erleichtert werden. Entscheide über die Studiengebühren liegen in der Schweiz in der Hand der Politik.
Wie halten es andere Länder damit?
International ist festzustellen, dass einzelne Länder vor allem ausserhalb Europas für Studierende aus dem Ausland massiv höhere Studiengebühren verlangen. Die Einnahmen dieser Studenten und auch die Ausgaben der Studierenden für den Konsum vor Ort während des Studiums werden als eine Art Exporterlös betrachtet.
Welche Länder sind das?
In Australien ist der Bildungsbereich mittlerweile zu einem signifikanten Exportfaktor geworden. Dort muss ein Student Weltmarktpreise fürs Studium entrichten. Das sind pro Semester gegen 15'000 Franken. Der Bildungsbereich ist damit ähnlich wie der Gesundheitsbereich dabei, sich an einzelnen Standorten zu einem Wirtschafts- und Exportfaktor zu entwickeln.
Viele Schweizer Universitäten werden von ausländischen Studierenden überrannt. Nur bei der HSG herrscht Ruhe. Warum?
St. Gallen hat bereits in den Neunzigerjahren eine Quote von 25 Prozent eingeführt. Hintergrund war die schon damals grosse Nachfrage aus dem Ausland. Ziel war die Sicherstellung der Ausbildungsqualität bei beschränkten Ressourcen. Inzwischen ist die Quote zu einer eigentlichen Stärke geworden. Durch die Selektionsverfahren können sehr gute ausländische Studierende gewonnen werden, es macht uns für ausgezeichnete Studierende zusätzlich attraktiv. Seit einigen Jahren wird im Rahmen der Zulassungsverfahren auch die Diversität der Studierenden gesteuert.
Solche Erfahrungen müssten andere Schweizer Universitäten zur raschen Nachahmung anregen.
Jede Universität hat besondere Gegebenheiten und darauf aufbauend eigene strategische Ziele. Es gibt deshalb nicht die Optimallösung für alle. Auch aus internationaler Erfahrung ist festzustellen, dass es schwierig ist, ein Quotensystem einzuführen, wenn es dafür keine Tradition gibt. Ein Selektionssystem bedingt auch Investitionen. Man muss beispielsweise Eignungstests entwickeln. Das kann man nicht von heute auf morgen durchziehen. Wir entwickeln unser System laufend weiter und haben uns von einem führenden Institut in Deutschland beraten lassen.
Wichtig für das Renommee einer Universität sind die Platzierungen in den internationalen Rankings. Die HSG ist im deutschsprachigen Raum im «Financial Times»-Ranking der Business Schools in diesem Jahr vom 30. auf den 16. Platz gestürmt. Das könnte man doch bei den Studiengebühren einpreisen.
Den Zusammenhang zwischen Rangliste und Studiengebühr gibt es im internationalen Bereich durchaus. Universitäten auf Spitzenplätzen sind teurer. Das ist ein Grund, weshalb US-Universitäten, aber auch asiatische oder lateinamerikanische derart auf Rankings fixiert sind.
Sie haben Vorbehalte?
Ja, denn das ist ein gefährliches Geschäftsmodell. Wenn man nur das macht, was Studierende und die Wirtschaft verlangen, leiden gesellschaftlich relevante Forschungsbereiche darunter. Amerikanischen Business Schools wird heute vielfach vorgeworfen, dass ihre Forschungsergebnisse gesellschaftlich immer weniger relevant werden. Instrumentelle, auf Funktionen und Optimierungsmodelle ausgerichtete Inhalte werden sehr stark gewichtet, oft fehlt eine integrative Sicht. Und man sollte auch nicht vergessen: Ein Ranking muss man über mehrere Jahre halten können, sonst könnten die Studierenden bei jeder Rankingverschlechterung einen Rabatt verlangen.
Was hat die HSG im FT-Ranking nach vorne katapultiert?
Die Rangliste berücksichtigt verschiedene Angebote der HSG. Zum ersten Mal konnte der im Rahmen der Bologna-Reform geschaffene Master of Arts in Strategy and International Management mitgewertet werden. Wir erreichten damit Platz vier, was uns gesamthaft nach vorne gebracht hat.
Welchen Rang peilen Sie als neuer Rektor der HSG an?
Wir erarbeiten derzeit die Vision 2020. Der Prozess ist erst gestartet worden. Für mich ist jedoch klar, dass wir die erreichte Position der HSG als eine der führenden Universitäten Europas festigen müssen. Weil Europa global zu einer immer weniger relevanten Grösse wird, müssen wir mindestens in einzelnen Bereichen zu einer global bekannten Uni werden. Zu diesem Zweck haben wir Hubs in Singapur und Brasilien errichtet. Demnächst kommt ein Hub in Peking dazu. Dies ist auch eine Antwort auf die Globalisierung der Universitätslandschaft. Unsere wichtigsten Peer-Universitäten verfolgen globale Strategien, um ihre Absolventinnen und Absolventen auf internationale Karrieren vorbereiten zu können und den Bedarf an interkontinental erfahrenen Nachwuchskräften befriedigen zu können.
Seit Jahren dominieren Frankreich mit der HEC Paris und Insead (mit einer Niederlassung in Singapur) sowie die Schweiz mit dem IMD in Lausanne die Spitzenplätze. Was machen die besser als St. Gallen?
Wir werden diese Spitzenpositionen nie erreichen. HEC Paris ist eine private Uni und kann mit ihrem Leistungsangebot auf einzelne Bereiche fokussieren, was für die Wirtschaft und einzelne Studierende durchaus attraktiv ist. Vor allem kann sie ihre Studenten auch im Bologna-Teil auswählen. Interessenten müssen an einem Wettbewerb teilnehmen, bevor sie überhaupt zugelassen werden. IMD ist ebenfalls privat und ist nur im Weiterbildungsbereich tätig. Beides sind eigentliche «Boutiquebetriebe», während wir eine öffentliche Uni sind. Wir wollen Antworten liefern auf aktuelle gesellschaftlich und wirtschaftlich relevante Fragen. Deshalb braucht es eine bestimmte Breite des Angebots. So hat die HSG auch eine kulturwissenschaftliche Abteilung, und an die volkswirtschaftliche Abteilung ist die Politologie angegliedert.
Kritiker monieren, die HSG sei schwach in der Forschung.
Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Die Forschung hat sich in den letzten Jahren in St. Gallen stark entwickelt. Nehmen wir das Forschungsranking des «Handelsblatts» für den deutschsprachigen Raum in Europa. Im aktuellsten Ranking sind wir bei der Betriebswirtschaftslehre auf Platz 2, bei Volkswirtschaft auf Platz 8. Das zeigt, dass wir eine sehr gute Forschung haben. Bei uns gilt der Grundsatz «teach what you research».
Tatsache ist, dass im Bereich Volkswirtschaft die Uni Zürich und die ETH deutlich vor St. Gallen liegen und mit Ernst Fehr, Professor für experimentelle Wirtschaftsforschung, ein Wissenschaftler von Weltruf in Zürich tätig ist.
Gemessen an ihrer Grösse ist unsere Volkswirtschaftliche Abteilung sehr forschungsstark. Die Zahl der Volkswirtschaftsprofessoren ist in Zürich zudem höher als bei uns. In der Betriebswirtschaft dagegen präsentiert sich die Situation umgekehrt. Hier haben wir auch Professoren, die im deutschsprachigen Bereich zu den forschungsstärksten gehören.
Die Forschung scheint vor allem unter den Master-Absolventen der HSG nicht sonderlich attraktiv zu sein. Nur 15 Prozent wählen eine akademische Laufbahn, der grosse Rest will sofort in den Arbeitsmarkt.
Es stimmt, dass wir bei den Schweizer Absolventen eine kleinere Zahl an Doktoranden haben, als wir uns eigentlich wünschen. Das ist auch das Resultat des ausgezeichneten Arbeitsmarkts in der Schweiz. Unsere Master-Absolventen verdienen an ihrer ersten Stelle im Durchschnitt 99 000 Franken, ein Assistent verdient wesentlich weniger, auch, weil er noch in der Ausbildung ist und Kurse besuchen respektive an seiner Dissertation arbeiten muss. Eine Dissertation zu erarbeiten, ist ein anstrengender, oft auch emotional aufreibender Prozess, bei dem ein Teil auch in der Freizeit abläuft. Der Entscheid zugunsten einer akademischen Laufbahn ist heute ein Entscheid über den Lebensstil.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.12.2010, 22:07 Uhr
Kommentar schreiben
8 Kommentare
Wir lassen uns von einem Ökonomen nicht vorschreiben, was staatliche Pflichten sind und was zum Lebensstil der Spassgesellschaft gehört. Die Vorherrschaft des ökonomischen Denkens entspricht noch am ehesten einem Lebensstil, aber einem gefährlichen. Der Fetisch «Quantität» nivelliert geistige Inhalte zum Geistessozialismus hin. Tragen wir deshalb Sorge zu den Unis. Die HSG ist eher überflüssig. Antworten
Studiengebühren machen nur einen einsteligen Prozentanteil eines Uni Budget aus. Diese Abgaben zu erhöhen nützt aus finanzieller Sicht wenig und richtet demgenüber einen grossen volkswirtschaftlichen Schaden an. Diese ganze Gebührenerhöhungsfetischisten wollen im Grunde einfach, dass ihre reichen Kinder unter sich bleiben oder sie sind aus der Ecke: "Riecht nicht nach Stall, brauch ich nicht". Antworten











































































