Schweiz

«Wir müssen uns ja nicht um die Toten kümmern»

Interview: Denise Jeitziner. Aktualisiert am 14.08.2010

Die Betroffenheit für die Lage Pakistan wächst erst langsam. Dass die Spenden noch nicht in Massen fliessen, hat jedoch andere Gründe, sagt Glückskette-Sprecherin Priska Spörri.

1/45 Noch immer sind zahlreiche Felder in Pakistan überflutet, und bald beginnt der Winter. Hier Shah Jamal, 5. September 2010.
Bild: Keystone

   

Gemäss UNO ist die Flutkatastrophe in Pakistan die grösste Naturkatastrophe der vergangenen Jahre. Warum läuft es mit den Spenden denn so schleppend?
Das ist eine These, die von den Medien aufgestellt wurde. Für uns ist der Spendenverlauf normal und wir haben die Spendefreudigkeit weder in Frage gestellt, geschweige denn behauptet, die Schweiz sei spendefaul, wie das im «Blick am Abend» geschrieben wurde. Wir haben am 3. August ein Konto eröffnet und vor drei Tagen einen verstärkten Spendenaufruf gestartet. Seither ist die Spendenbereitschaft sprunghaft gestiegen.

Warum kam der Aufruf denn so spät?
Am Anfang war die Schwere der Katastrophe noch nicht absehbar und die UNO hat auch erst vor vier Tagen das riesige Ausmass bestätigt. Zudem sammeln wir nur, wenn wir wissen, dass Partnerhilfswerke der Glückskette vor Ort sind, die wir unterstützen können. Das mussten wir in Pakistan zuerst abklären.

Dafür waren zehn Tage nötig?
Zehn Tage sind nicht lange. Ausserdem fängt die Katastrophe in Pakistan jetzt auch erst richtig an. Deshalb haben wir uns nun entschieden, einen nationalen Sammeltag zu veranstalten und vermehrt zu Spenden aufzurufen. Seitdem hat die Spendenbereitschaft zugenommen. Wenn wir am 3. August entschieden hätten, in einer Woche einen nationalen Spendetag zu veranstalten, dann hätten wir nun bestimmt mehr Gelder beisammen. Das Spendeverhalten richtet sich also auch nach dem Verhalten der Glückskette.

Viele Spender sind skeptisch wegen des Konflikts zwischen der Regierung und den Extremisten in Pakistan und haben Angst, ihr Geld könnte in die Hände der Taliban geraten.
Das ist ein Argument, das wir auch bei anderen Katastrophen immer wieder zu hören bekommen. In Haiti befürchtete man etwa, das Geld würde in der Bürokratie versanden. In Pakistan gab es aber schon nach dem Erdbeben 2005 verschiedene Hilfswerke, die mit der politischen Lage zwischen Regierung und Taliban vertraut sind. Die sind nicht einfach naiv und haben Erfahrung, wie man gegen die Einmischungen der Taliban angehen kann. Schliesslich sind es jedoch andere Faktoren, die die Spendenbereitschaft beeinflussen.

Welche sind das?
Für die Opfer einer Naturkatastrophe etwa wird viel eher gespendet, als für Kriegsopfer. Die Spendenden finden dann, die Leute seien selber schuld am Krieg und sollten einfach damit aufhören. Bei der Sammlung für den Kosovokrieg war die Situation jedoch wieder anders, weil er geografisch nahe lag. Das Dritte ist der emotionale Faktor. Der Tsunami war ein Touristengebiet betroffen. Damit war der höchstmögliche Stand an Emotionalität erreicht, entsprechend hoch war die Spendenbereitschaft. Allein die Glückskette hat 227 Millionen Franken gesammelt. 15 Länder waren betroffen mit sehr vielen Toten. In Pakistan gab es bislang wenige Tote. Auch das hat eine verringerte Spendenbereitschaft zur Folge. Aber wir müssen uns ja nicht um die Toten kümmern, sondern um die Überlebenden. Die Hilfe, die wir jetzt leisten müssen, ist für 15 Millionen Menschen.

Gibt es eine Strategie, wie man am besten zu Spendengeldern kommt?
Nein, das ist von Katastrophe zu Katastrophe verschieden. Was sicher hilft, sind Bilder. Als wir im vergangenen Herbst für das Erdbeben auf Sumatra und die Unwetter in Asien gesammelt haben, kam es dem Spendentag zugute, dass es genau an jenem Tag wieder stark geregnet hat und es auf den Philippinen neue Überschwemmungen und Erdrutsche gab. Das hat nochmals etwas ausgelöst. Auch wenn man tagelang bombardiert wird mit leidenden Menschen, hat man oft den Drang zu helfen. Die Leute wollen etwas tun und sind dann froh, dass sie spenden können. Spenden wirkt dann wie ein Ventil. Es ist wie eine gegenseitige Abhängigkeit.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.08.2010, 06:15 Uhr

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