Schweiz

«Wir bieten Hand zu Lösungen»

Von Christoph Aebischer. Aktualisiert am 04.04.2012

Der frühere Direktor des Bundesamts für Umwelt und Vertreter des Initiativkomitees Philippe Roch signalisiert Kompromissbereitschaft bei der Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative. Sie sei eine grosse Chance für den Tourismus.

Engagierte sich bereits im Abstimmungskampf für die Zweitwohnungsinitiative: Philippe Roch (2. von links).

Engagierte sich bereits im Abstimmungskampf für die Zweitwohnungsinitiative: Philippe Roch (2. von links).
Bild: Keystone

Philippe Roch

Der 63-jährige Philippe Roch war 13 Jahre Direktor des Bundesamts für Umwelt. Seit 2006 ist er als selbstständiger Umweltberater tätig. Er lebt im Kanton Genf und vertritt nun das Komitee der Zweitwohnungsinitiative in der vom Bund eingesetzten Arbeitsgruppe. Diese soll bis nach den Sommerferien die drängendsten offenen Fragen klären und insbesondere den Begriff Zweitwohnung definieren.

Noch keine Resultate

Die vom Bund eingesetzte Arbeitsgruppe zur Klärung offener Fragen der Zweitwohnungsinitiative traf sich gestern zum ersten Mal in Bern. Mit dabei war auch der Berner Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP). Die Sitzung habe in einer «konstruktiven Atmosphäre» stattgefunden. Noch gebe es keine konkreten Ergebnisse.

Ob also der Baustopp ab sofort oder erst ab 2013 gilt, ist weiterhin offen. Ziel ist, diese und andere offene Fragen bis nach den Sommerferien zu klären und damit für Rechtssicherheit zu sorgen. Zur Arbeitstagung trafen sich gegen dreissig Personen aus der Verwaltung, von den betroffenen Kantonen, aus dem Tourismus, der Wissenschaft und vom Initiativkomitee. Nicht vertreten waren die Umweltorganisationen. Geleitet wird die Arbeitsgruppe von Stephan Scheidegger aus dem Bundesamt für Raumentwicklung.

Im Berner Oberland herrscht immer noch Verunsicherung, wie mit Baugesuchen für Zweitwohnungen umgegangen werden soll, einer Flut sehen sich die Gemeinden aber nicht gegenüber, wie eine kurze Umfrage zeigte. Die Anzahl bewege sich im Rahmen des Vorjahres.

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Philippe Roch, welchen Eindruck hinterliess die erste Sitzung der Arbeitsgruppe zur Klärung offener Fragen der Zweitwohnungsinitiative bei Ihnen?
Bundesrätin Doris Leuthard hat eine gute Einleitung gemacht. Sie will ungeklärte Fragen schnell beantworten und die Stimme des Volkes respektieren. So herrschte von Beginn weg eine gute Stimmung. Ich gehe mit einem guten Eindruck nach Hause.

Sie sind einer von zwei Vertretern des Initiativkomitees und sehen sich zehnmal so vielen aus Verwaltung, Kantonen, Tourismus und Wissenschaft gegenüber. Haben Sie da überhaupt eine Chance?
Das ist tatsächlich nicht ganz einfach. Doch wir sind kein politisches Gremium, in dem wir überstimmt werden können. Darum geht es gar nicht. Von uns zweien erfordert es aber viel Aufmerksamkeit, damit wir zum Beispiel nicht vorschnell einem Vorschlag zustimmen.

Um was ging es heute?
Wir haben die strittigen Punkte herausgearbeitet, die einer Klärung bedürfen. Die Verwaltung erarbeitet nun Vorschläge.

Im Vorfeld wehte ein rauer Wind. Nachdem die Kantone ihre Position bezogen haben, verschärfte auch das Initiativkomitee den Tonfall.
Das ist Teil des politischen Spiels. Innerhalb der Arbeitsgruppe gibt es zwar auch harte Meinungen, aber sie hat die Aufgabe, Lösungen zu finden.

Halten Sie tatsächlich fest an einer strikten Definition von Zweitwohnungen, wie dies jüngst Ihr Kollege Pierre Chiffelle antönte?
Solange der Verfassungstext respektiert wird, sind wir kompromissbereit und bieten Hand zu Lösungen von Spezialfällen.

Können Sie ein Beispiel machen?
Wohnungen für saisonale Arbeitskräfte fallen für uns nicht darunter. Es soll auch möglich sein, dass die Wohnung einer verstorbenen Grossmutter in der Familie bleibt, auch wenn die Angehörigen nicht in der Gemeinde leben. Die Regeln müssen aber so deutlich ausformuliert sein, dass sie nicht dem Missbrauch Tür und Tor öffnen.

Sie gehen also einig mit der CVP, dass der touristische Zweitwohnungsbau dort eingeschränkt werden soll, wo es um kalte Betten geht?
Franz Weber betonte stets, dass es ihm um die Landschaft und die Natur geht, nicht um das Zerstören der ökonomischen Grundlage.

Ein Projekt wie das Resort in Andermatt bleibt möglich?
Nein. Das ist Vergangenheit.

Ein Reka-Dorf mit einer Belegung von 80 Prozent?
Das ist kein Problem.

Verstehen Sie die Beunruhigung der betroffenen Bevölkerung in den Berggebieten?
Die verstehe ich schon. Es kommen Veränderungen auf die Menschen zu. Doch es muss sich etwas ändern in der Tourismuspolitik. Die bisherige Entwicklung war alles andere als nachhaltig.

Sind Sie erstaunt, dass die Opposition vor dem 11. März mässig ausfiel und erst jetzt zu einem Sturm anschwillt?
Nicht ganz. In der Westschweiz machte das Wallis schon vor der Abstimmung ziemlich Wind. Nun sind halt auch die anderen Berggebiete erwacht. Der Gegensatz Flachland - Berggebiet ist aber konstruiert und wurde gezielt ausgenutzt. Die Initiative genoss auch in vielen Berggebieten eine hohe Zustimmung. Die Leute wollen die Landschaft schützen. Etwas milder formuliert, wäre die Initiative auch in diesen Gebieten angenommen worden.

Vor der Abstimmung sagten Sie einmal, Bundesrätin Doris Leuthard träume, wenn sie an eine Verbesserung der Situation glaube, ohne strikte Massnahmen einzuleiten. Jetzt ist die 20-Prozent-Grenze da, und der Tourismus wird leiden darunter.
Stimmt nicht. Das ist die grösste Chance für den Tourismus. Klar, wird es eine Verlagerung geben, die vorerst schwierig ist für die Betroffenen. Dank der Initiative kann sich der Tourismus aber von der Abhängigkeit vom Baugewerbe lösen und sich vermehrt auf die Nutzung der landschaftlichen Schönheit ausrichten. Nur das ist langfristig überlebensfähig. Diese Chance eröffnet die Initiative nun den Berggebieten. Ohne sie hätte der Tourismus diesen Schritt nie gemacht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.04.2012, 12:00 Uhr

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