Schweiz

Wieso Wenigverdienende gegen ihre Interessen stimmen

Von Claudia Blumer. Aktualisiert am 18.11.2010 84 Kommentare

Sie würde die Steuerinitiative am wenigsten treffen: Trotzdem lehnen die unteren Einkommensschichten die Initiative mehrheitlich ab. Politologen wundert das nicht.

Je weniger Lohn, desto grösser die Ablehnung der Steuerinitiative: Auszug aus der Umfrage des Forschungsinstituts gfs Bern.

Je weniger Lohn, desto grösser die Ablehnung der Steuerinitiative: Auszug aus der Umfrage des Forschungsinstituts gfs Bern.

Nicht nur Superreiche lehnen die Steuergerechtigkeitsinitiative der SP ab, sondern auch auffällig viele Leute mit kleinen Einkommen bis 3000 Franken. Obwohl die Initiative sie mit Sicherheit nicht direkt betreffen würde. Dies hat die zweite Umfrage des Forschungsinstituts GfS Bern ergeben, deren Resultate in dieser Woche veröffentlicht wurden.

Bei Befragten mit einem Monatslohn unter 3000 Franken erhielt die Steuerinitiative Mitte November 40 Prozent Zustimmung, bei jenen mit einem Monatslohn bis zu 5000 Franken 42 Prozent. Bei den Löhnen zwischen 5000 und 7000 Franken steigt die Zustimmung auf 45 Prozent und bei 7000 bis 9000 Franken beträgt die Zustimmung ganze 59 Prozent. Ab einem Einkommen von 11'000 Franken sinkt die Zustimmung wieder.

Angst vor Mehrkosten

Die Erklärung dafür liege in den engen Haushaltsbudgets, sagt Claude Longchamp, der die Umfrage durchgeführt hat. Steuern, Krankenkassenprämien und weitere Abgaben drückten schwer. «Wenn die Gewerkschaften sagen, die Steuerinitiative habe für diese Einkommensschichten keine Auswirkungen, die Finanzdirektoren dies aber bestreiten, löst das grosse Unsicherheit aus, die sich primär auf die unteren Einkommensschichten auswirkt.»

Dass die Angst vor Steuererhöhungen bei Wenigverdienenden am höchsten ist, zeigt auch der Finanzmonitor von GfS Bern. Die aktuelle Erhebung vom Mai 2010 gibt an, dass die gefühlte Belastung durch Steuern und Krankenkassenprämien bei den tiefsten Einkommen am höchsten ist. Bei Löhnen bis 3000 Franken stellt die Steuerbelastung für 21 Prozent der Befragten ein «ganz grosses Problem» dar, bei der Einkommensschicht um 11'000 Franken nur noch für 2 Prozent.

Präventives Nein

Das Phänomen, dass die Bevölkerung gegen ihre eigenen materiellen Interessen stimmt, ist nicht neu. So wurden in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Mieterschutzvorlagen verworfen, obwohl die Schweiz zu 70 Prozent aus Mietern besteht. «Die Hoffnung stirbt zuletzt», sagt der Berner Politikwissenschaftler Adrian Vatter dazu. «Jeder hofft, dass er irgendwann doch noch vermögend wird und stimmt präventiv Nein.» Aus einem ähnlichen Grund seien die Erbschaftssteuern in vielen Kantonen per Volksabstimmung abgeschafft worden, obwohl diese Steuer nur einen kleinen Teil der Bevölkerung betrifft.

Auch ein Grund für das Stimmverhalten sei die starke Links-Rechts-Polarisierung im Abstimmungskampf und die Tatsache, dass die unteren Einkommensschichten heute weniger mit der SP, sondern stärker mit der SVP sympathisieren, deren Argumente sie besser verstehen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.11.2010, 16:45 Uhr

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84 Kommentare

Hansjürg Meier

19.11.2010, 12:35 Uhr
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Ich stelle fest, die Sparmassnahmen der Finanzparteien bei der Bildung schlagen voll durch und kommen so wiederum deren Klientel zu Gute. Antworten


marc michel

19.11.2010, 10:58 Uhr
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das volk konsumiert gerne schweizer produkte, es liegt nicht nur an den heroischen reichen, dass die arbeitsplätze in der schweiz bleiben. dieses verklärte bild man müsse den reichen dankbar sein, dass sie hier bleiben und wir ihre produkte konsumieren dürfen ist doch lächerlich. Antworten



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