Schweiz

Matthias Chapman
Ressortleiter Wirtschaft


Wie die Andermatter ihr Dorf vor Stausee-Fluten retteten

Aktualisiert am 18.06.2011 34 Kommentare

Mehr Wasserkraft statt AKW, propagiert Bundesrätin Leuthard. Dazu braucht es einen neuen, grossen Stausee. Solche Projekte können allerdings dramatisch enden – wie das Jahrhundert-Werk am Gotthard.

1/5 Ein gigantisches Projekt
Hätte mit einer 208 Meter hohen Staumauer geflutet werden sollen: Das Urserntal zwischen Oberalp, Gotthard und Furka.
Bild: Reuters

   

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Es war die Nacht des 19. Februar 1946, als die Andermatter das für damalige – und selbst noch für heutige – Verhältnisse gigantische Stauseeprojekt der Schweiz zum Teufel schickten. Jahrelang hatten sie den Planern in Luzern und Bundesbern zugeschaut, wie am grössten je in der Schweiz gebauten Kraftwerkprojekt gearbeitet wurde. Bereits 1920 begann für die Menschen im Urserntal das «Martyrium», die Angst, dereinst ihr Zuhause in den Fluten verschwinden zu sehen. Eine rund 100 Meter hohe Mauer am Talausgang bei der Schöllenenschlucht hätte dafür gesorgt, dass das Hochtal unter Wasser gesetzt worden wäre. Das erste Projekt kam nicht zustande, verschwand aber nicht mehr aus den Köpfen der Ingenieure, Investoren, Beamten und Politiker, die in der Schweizer Strombranche etwas ganz Grosses machen wollten.

Noch als der Zweite Weltkrieg in Europa tobte, begann man in der Schweiz, sich Gedanken über die künftige Stromversorgung zu machen. Wieder schauten einschlägige Kreise Richtung Gotthardmassiv. Dort, am Fusse des wichtigsten Alpenübergangs, sollte nun definitiv die Energiezukunft der Schweiz in Angriff genommen werden.

Dreimal Grande Dixence

Ein neues Projekt, das alle Masse sprengen sollte, fand weitherum Gefallen. Eine 208 Meter hohe Staumauer sollte dafür sorgen, dass knapp 1,3 Milliarden Kubikmeter Wasser hätten zurückgehalten werden können. Das ist dreimal so viel Inhalt wie der heute grösste Stausee der Schweiz, der Lac de Dix mit seiner bekannten, weil mit 285 Meter eine der höchsten Staumauern der Welt, Grande Dixence. Geplant war eine Stromproduktion von 3 Terawattstunden pro Jahr. Damit wäre auf einen Schlag ein Drittel des damaligen Schweizer Strombedarfs gedeckt gewesen. Treibende Kraft hinter dem Projekt war eine Arbeitsgruppe, das sogenannte Studiensyndikat, zu der neben den Zentralschweizerischen Kraftwerken (CKW) auch die SBB und die damalige Kreditanstalt gehörten.

2000 Menschen lebten zu dieser Zeit im Urserntal, in dem nebst Andermatt auch die Ortschaften Hospental und Realp liegen. Von Bergwirtschaft und Tourismus lebten die Menschen. Und von der Armee, die dort oben Festungstruppen marschieren liess. Die Schönheit des Hochtals erlebten nicht nur die Einheimischen. Auch den Nordschweizern, die über Gotthard, Oberalp oder Furka in den Süden und ins Bündnerland reisten, muss das tiefe Grün der Wiesen und der kräftige Kontrast zu den umliegenden Felsmassiven aufgefallen sein.

Den fremden Haus-Käufer bei Nacht und Nebel aus dem Tal gejagt

Kein Wunder, erhob sich Aufstand gegen das Staudamm-Projekt. Zu spüren bekam dies der Abgesandte der Projekt-Verantwortlichen aus dem Unterland, Ingenieur Karl J. Fetz. Ihm wurde die undankbare Aufgabe übertragen, im Urserntal den Menschen die Immobilien abzukaufen oder ihnen ein neues Zuhause an anderer Stelle anzubieten. Neu-Andermatt war schon geplant und wurde in einer Broschüre verewigt. Als Anfang 1946 bekannt wurde, dass die Hotels Sonne und Monopol an das Syndikat verkauft wurden, «wurde die Stimmung explosiv». So beschrieb der Historiker Erich Haag in einer Dissertation von 2004 die Lage im Hochtal. Haag war in die Archive gestiegen und hatte sich über fast 300 Seiten mit den Ereignissen von damals im Urserntal befasst.

Zum Eklat kam es dann an besagtem 19. Februar 1946. Ingenieur Fetz war zu einer weiteren Kauf-Reise nach Andermatt aufgebrochen und abends in der Sonne abgestiegen, als sich vor dem Hotel 200 Männer versammelten. Was dann geschah, kann niemand mehr genau sagen. Historiker Haag zitierte aus verschiedenen Medienberichten. Allesamt stimmen sie darin überein, dass Fetz bei Nacht und Nebel über Schöllenenschlucht und Teufelsbrücke hinunter nach Göschenen getrieben wurde. Je nach Lesart wurde er getreten und gestossen und bedroht. In Göschenen soll er von einem Kantonspolizisten in Obhut genommen worden sein und von einem Arzt erste Hilfe bekommen haben. Den Zorn der Andermatter bekamen sodann auch weitere Promotoren des gigantischen Projekts zu spüren. Darunter der Architekt Fred Ramseyer, der die Umsiedlung Andermatts planen sollte. «Die Menge drang gewaltsam in das Büro ein und hauste dort vandalisch», zitiert Haag aus einem historischen Dokument.

Leuthards Pläne nur mit einem neuen Stausee

Der Aufstand der Urschner war das brutale Ende für die damaligen grossen Träume der Schweizer Stromwirtschaft, im Herzen der Schweiz den grössten Stausee des Landes zu realisieren. Zwar reichte das Syndikat noch im Sommer 1946 das Konzessionsgesuch ein. Es schien einzig, als hätten sie die Bedeutung der dramatischen Ereignisse noch nicht erkannt. Jahre später zog man auch das Konzessionsgesuch wieder zurück und beerdigte die Pläne definitiv.

Wenn heute wieder die Rede vom Andermatter Aufstand die Rede ist, dann hat das mit den Plänen von Bundesrätin Doris Leuthard zu tun, die Wasserkraft in der Schweiz nochmals auszubauen. Respektive, den letztmöglichen Rest des noch vorhandenen Potenzials auszuschöpfen. Vier Terawattstunden zusätzlichen Strom jährlich soll durch das blaue Nass generiert werden. Laut dem Wasserkraftspezialisten Anton Schleiss von der ETH Lausanne ist das ein äusserst ambitioniertes Vorhaben. 35 Terawattstunden Strom liefert die Schweizer Wasserkraft bereits. Seine Studien haben ergeben, dass in der Schweiz das Potenzial bei höchstens 42 Terawattstunden liegt. Eine 100-prozentige Ausschöpfung sei aber weder möglich noch sinnvoll. Nur schon für das Erreichen des 4-TWh-Ziels «braucht es einen neuen, grossen Stausee», so der Professor.

Jetzt sitzt Samih Sawiris im Urserntal

Schleiss selber hält das politisch für kaum realisierbar. Das letzte Grossprojekt, das beerdigt wurde, waren die Stauseepläne für die Greina-Ebene zwischen dem hinteren Rheintal und dem Tessin. Und dort war nicht einmal eine Umsiedlung von Menschen das Hauptproblem. Obwohl pessimistisch für einen Stausee, nannte Schleiss eine Stelle unweit des Urserntals, wo zumindest aus geologischer Sicht Platz für eine Talsperre wäre. In der Hochebene bei Gletsch unterhalb der Furka und des Rhonegletschers, «da besteht die Möglichkeit eines grossen Stausees», sagte der Fachmann jüngst gegenüber DerBund.ch/Newsnet. Um im gleichen Atemzug nachzuschicken: «Ich rede da nur von der technischen Machbarkeit.» Auch dieses Projekt war schon einmal angedacht, dann aber wieder in der Schublade verschwunden.

Heute erobert das Urserntal zwar wieder ein Fremder. Der Ägypter Samih Sawiris hat sich zwischen Furka, Gotthard und Oberalp niedergelassen und dem Gebiet Entwicklungspotenzial versprochen. Er wird von den Schicksalen der Ingenieure Fetz und Ramseyer gehört haben und froh sein, dass er nun dort oben nicht ein Marine-Land, sondern sein Tourismus-Projekt vorantreiben kann. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.06.2011, 09:59 Uhr

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34 Kommentare

Aldo Rossi

18.06.2011, 10:43 Uhr
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Tja üble Zeiten waren das früher.
Zum Glück kommt heute der Strom aus der Steckdose.
Weiss eigentlich jemand, warum die AKW noch laufen?
Nur wegen geldgierigen Managern, nehme ich mal an. ;-)
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Felix Bringer

18.06.2011, 13:22 Uhr
Melden 37 Empfehlung 0

Es ist eine simple Tatsache, dass mit Effizienzmassnahmen und erneuerbaren Energien (ohne grosse Wasserkraft) wesentlich mehr und schneller Strom gewonnen werden kann, als mit dem Fluten von neuen Tälern.
Wäre es möglich, dass das Newsnetz ausnahmsweise berichten würde, wer denn im Parlament andauernd die Vorlagen für Effizienz und neue erneuerbare Energien mit Schweizer Arbeitsplätzen blockiert?
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