«Weshalb sollen Schleudertrauma-Patienten mehrheitlich Schurken sein?»

Interview: Denise Jeitziner. Aktualisiert am 17.06.2010 19 Kommentare

Schleudertraumapatienten werden oft nicht ernst genommen. Denn die Verletzung ist nicht nachweisbar. Stimmt nicht, sagt der österreichische Neurologe und Psychiater Werner Laubichler.

Schleudertraumas sind kurz nach dem Unfall im MRI nachzuweisen. Die helle Stelle in der Wirbelsäule (grüner Pfeil) zeigen ein für ein Schleudertrauma typisches Knochenmarködem.

Schleudertraumas sind kurz nach dem Unfall im MRI nachzuweisen. Die helle Stelle in der Wirbelsäule (grüner Pfeil) zeigen ein für ein Schleudertrauma typisches Knochenmarködem.

Prof. Dr. Werner Laubichler ist Neurologe und Psychiater in Österreich. Er war über 40 Jahre als Gutachter am gerichtsmedizinischen Institut Salzburg-Linz tätig und spricht heute an der Tagung des schweizerischen Schleudertraumaverbands.

Kosten eines Schleudertraumas

Rund 36'000 Franken kostet ein Schleudertraumapatient in der Schweiz. Dies habe eine internationale Studie ergeben, so Herbert Schober, Fachanwalt SAV für Haftpflicht- und Versicherungsrecht. Verpasst der Patient die Frist, in der ein medizinischer Nachweis möglich ist, sei nur noch eine indirekter Nachweis möglich. Diese verlangt gemäss Schober eine umfassende medizinische Dokumentation.

Werner Laubichler, Sie sagen, Schleudertraumen können sichtbar gemacht werden.
Ja, es gibt objektive Möglichkeiten, die jedoch nicht genutzt werden. Die sind besonders dann angebracht, wenn die Beschwerden stark sind und eine Arbeitsunfähigkeit über längere Zeit bewirken.

Was sind das für Möglichkeiten?
Wenn man nach ein paar Tagen bemerkt, dass es sich nicht um eine Bagatellverletzung handelt, sollte ein MRI durchgeführt werden, also eine Kernspin-Tomografie der Halswirbelsäule. Damit lassen sich unter anderem kleine Blutungen in der Muskulatur feststellen und vor allem ein Knochenmark-Ödem.

Weshalb ist dies entscheidend?
Wenn eine Stosswelle einen Knochen erschüttert, der Schlag jedoch zu schwach ist, dass der Knochen bricht, wird das Knochenmark, das in jedem Knochen enthalten ist, durchgeschüttelt und es bilden sich Ödeme, das heisst, Flüssigkeit reichert sich im Knochenmark an. Das ist jedoch frühestens 24 Stunden nach der Verletzung nachzuweisen. Unmittelbar nach der Verletzung lohnt es sich nicht, ein MRI durchzuführen, jedoch ein paar Tage später schon.

Ist ein Schleudertrauma ein halbes Jahr nach dem Unfall auf dem MRI auch noch zu sehen?
Das ist fraglich. Nur im Extremfall sind Reste von Blutungen und Ödeme nach dieser Zeit noch zu sehen. Das Problem ist, dass viele Patienten die Gelegenheit verpassen, ein paar Tage nach dem Unfall ein MRI durchzuführen. Danach ist die Chance vorbei. Gefordert sind die Hausärzte. Wenn eine Person nach ein paar Tagen starke Beschwerden hat, sollte sie ein MRI verlangen. Das weiss bloss fast niemand. Die Patienten können selber kein MRI durchführen lassen, sie müssen einem Spezialisten zugewiesen werden.

Gibt es keine andere Möglichkeit als das MRI?
Bei lang anhaltenden Beschwerden gibt es das funktionelle MRI mit verschiedenen Kopfstellungen, etwa mit vorgebeugtem und rückwärts gebeugtem Kopf. Bei normalen Röntgenaufnahmen sind so nur die Wirbelknochen zu sehen, ein Schleudertrauma ist nicht festzustellen. Das ist das Problem. Die Patienten haben grosse Beschwerden angegeben, die man nicht hatte beweisen können. Irgendwann hat man angenommen, dass es sich um Schwindler handeln muss.

Wenn das MRI so deutliche Befunde liefert, weshalb wird es denn nicht durchgeführt?
Ich habe mit verschiedenen Unfallchirurgen gesprochen. Die sagen, der Aufwand sei zu gross. Einerseits sind die Apparate in Krankenhäusern von stationären Patienten ausgelastet und zweitens ist eine Geldfrage. Doch bei uns in Österreich kostet ein funktionelles MRI etwa 270 Euro. Das muss meiner Meinung nach drin liegen.

In der Schweiz kostet ein MRI rund 500 bis 1200 Franken. Da scheint es umso unverständlicher, dass sie bei Schleudertrauma-Patienten nicht angewendet werden.
Es klingt zynisch, aber die Unfallversicherungen sind nicht besonders interessiert daran, dass man alles aufklärt. Patienten mit Halsschleudertrauma wurden lange Zeit diffamiert. Es wurde häufig von Betrug und Schwindeleien gesprochen, was meiner Meinung nach ein Unsinn ist. Weshalb sollen Schleudertrauma-Patienten alle mehrheitlich Schurken sein, Patienten mit Rumpf- oder anderen Verletzungen keine? Betrugsversuche gibt es immer, die sind jedoch marginal.

Wie lange ist bekannt, dass das MRI nützlich ist?
Seit es das MRI gibt, also mindestens seit 20 Jahren.

Gibt es andere Untersuchungen?
Ohrenärzte könnten bei Untersuchungen der Gleichgewichtsfunktionen manchmal Hinweise auf Verletzungen der Halswirbelsäule gewinnen. Eine weitere Möglichkeit wäre die funktionelle Kernspin-Spektografie, die den Gehirnstoffwechsel misst. Chronische Schmerzen werden ständig dem Gehirn gemeldet. Dies kann reflektorisch zu Minderdurchblutungen in gewissen Gehirnregionen führen. Das wird als typisch beschrieben für schwere Beschleunigungstraumas der Halswirbelsäule. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.06.2010, 13:11 Uhr

19

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

19 Kommentare

philipp glanzmann

17.06.2010, 14:20 Uhr
Melden

also wenn es schleudert, dann kann es ein trauma sein muss aber nicht, es ist auch möglich nur ein ein wenig zu rutschen Antworten


heinz heinz

17.06.2010, 14:35 Uhr
Melden

schleudertraume patienten werden von versicherungen als versicherungsbetrüger hingestellt ,nicht selten so zb.ertattet die mobiliar versicherung strafanzeige gegegn ein unfallopfer,lässt ihn verhaften ,und betittelt den verletzten als "betrüger"zahlt im anschluss natürlich mal nichts,der sachbearbeiter gibt von sich dass alle geschädigte betrüger wären. tolle mobiliar danke mobiliar Antworten



Schweiz

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Schweiz

AKTUELLE KADERSTELLEN

Marktplatz

Gratis ePaper für «Bund»-Abonnenten