«Wer weiss, was 2030 ist, sollte an der Börse investieren»
Von Claudia Blumer. Aktualisiert am 23.05.2011 413 Kommentare
«Prognosen sind nie langfristig, detailliert und zuverlässig»: George Sheldon, Professor für Arbeitsmarktökonomie an der Universität Basel. (Bild: Keystone )
«Diese Berechnung ist zu statisch»: Daniel Müller-Jentsch, Ökonom bei Avenir Suisse.
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Eine dramatische Vorstellung: In 20 Jahren würden in der Schweiz zahlreiche Dienste nicht mehr funktionieren, 411'000 Arbeitskräfte würden fehlen. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die der Gewerkschaftsbund Travailsuisse morgen vorstellt. Die «Sonntagszeitung» hat vorab darüber berichtet. Die Studie basiert auf folgenden Eckdaten: jährliche Zuwanderung von 22'000 Personen, durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 1 Prozent und eine Bevölkerungszunahme auf 8,7 Millionen bis 2030.
George Sheldon, Professor für Arbeitsmarktökonomie an der Universität Basel, stellt das Ergebnis infrage. «Wer heute weiss, in welchen Branchen in 20 Jahren ein Fachkräftemangel herrschen wird, der sollte keine Studie publizieren, sondern an der Börse investieren. Er könnte reich werden.» Er bezweifle nicht, dass die Studie redlich gemacht worden sei, doch von den drei Kriterien «langfristig, detailliert und zuverlässig», die verwertbare Prognosen auszeichneten, seien höchstens zwei gleichzeitig erfüllbar. «Diese Studie beansprucht alle drei Kriterien, das schickt sich nicht.»
Prognosen über Bord geworfen
Bildungs- und Arbeitskräfteprognosen bezeichnet Sheldon grundsätzlich als schwierig. Deshalb habe das Bundesamt für Statistik die Bildungsprognose von 2005 über Bord werfen müssen, die für 2010 eine deutlich tiefere Akademikerquote vorausgesagt habe. «Sie haben nicht mit der höheren Qualifizierung der nachrückenden Generation gerechnet.» Dasselbe Szenario habe sich beim 2007 propagierten Informatikermangel abgespielt. «Ein Jahr später wurde die Bankenwelt erschüttert, und es gab plötzlich keinen Informatikermangel mehr.»
Wäre das Wohlergehen der Studienautoren von der Richtigkeit ihrer Prognosen abhängig, wären sie sehr viel vorsichtiger, sagt Sheldon. «Vorsicht ist angebracht.» Sheldon, der das Buch «Die Rolle der Berufsbildung in der Bekämpfung des Fachkräftemangels» publiziert hat, kann sich nur bildungspolitische Ambitionen hinter der Studie vorstellen. Das Ziel sei wohl ein Vorstoss in der Bildungspolitik. «Was sollten die Absender sonst wollen? Die Personenfreizügigkeit haben wir ja schon.»
«Werden Fachkräfte knapp, steigen die Löhne»
Daniel Müller-Jentsch, Projektleiter bei Avenir Suisse, beurteilt die Studie ebenfalls skeptisch. Einen Arbeitskräftemangel in absoluten Zahlen auszudrücken, sei problematisch, sagt er. Und zwar deshalb problematisch, weil sich die Nachfrage nach Arbeitskräften immer relativ zum Lohnniveau verhalte. «Werden die Fachkräfte knapp, steigen die Löhne. Dann müssen die Firmen die Löhne anheben oder produktiver werden.»
Wenn sich die Wirtschaft unter den heutigen Voraussetzungen weiterentwickle, dann gebe es tatsächlich eine wachsende Kluft zwischen Angebot und Nachfrage bei den Fachkräften. Doch daraus einen massiven Mangel für 2030 zu prognostizieren, sei «zu statisch», sagt Müller-Jentsch. Denn Wirtschaft und Politik würden auf Engpässe punktuell reagieren, etwa mit Regulierung der Einwanderung oder mit Lohnerhöhungen.
Travailsuisse und Schneider-Ammann zielen in die gleiche Richtung
Sheldons Vermutung, der Studie lägen bildungspolitische Ambitionen zugrunde, wird untermauert durch den Kontext, in dem die «Sonntagszeitung» das Studienergebnis präsentiert. Auch Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann habe letzte Woche am Swiss Economic Forum davor gewarnt, dass das Reservoir an Ärzten aus Deutschland bereits ausgeschöpft sei. Schneider-Ammann plane eine Fachkräfte-Initiative, die in die gleiche Richtung ziele wie diejenige, die Travailsuisse am Dienstag parallel zur Studie vorstellen wird. Das Ziel sei, möglichst viele Arbeitskräfte im Inland zu rekrutieren, etwa durch Fortbildung oder Pensenerhöhungen.
«Die Schweizer arbeiten im europäischen Vergleich heute schon sehr viel, es gibt nur noch wenig Reserven», sagt Müller-Jentsch dazu. Zu mobilisieren seien diese Reserven etwa mit der Erhöhung der Frauenerwerbsquote und des Rentenalters. Es gehe aber vor allem um eine qualitative Verbesserung des heimischen Arbeitsmarktangebots, denn die Schweiz importiere derzeit viele Akademiker. Wichtig wäre laut Müller-Jentsch eine Erhöhung der Akademikerquote. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.05.2011, 12:18 Uhr
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413 Kommentare
Jahrelang wurden gut ausgebildete Arbeitskräfte frühzeitig in den Ruhestand geschickt, gleichzeitig wurde "optimiert", sprich rationalisiert und Löhne gedrückt. Dann wurde der Numerus clausus eingeführt, so dass gezielt qualifizierte Arbeitskräfte fehlten. Mit diesem Argument wurde dann das Volk in Angst und Schrecken versetzt um die Wahlen für die Personenfreizügigkeit zu gewinnen. Top Strategie Antworten
Das Wachstum bringt gemäss letzten Studien dem Mittelstand nichts. Allenfalls Reallohnverluste. Die Frage sei erlaubt: Weshalb dann immer noch mehr Arbeitsplätze in die Schweiz holen? Firmen mit Dumping-Steuern und deren Manager mit Steuergeschenken in die Schweiz locken? Damit wir möglichst bald den 10 millionsten Einwohner feiern können? Da läuft doch was gewaltig schief... Antworten
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