Was Zivildienstler den ganzen Tag tun

Zivildienst zu leisten, bringe keinen echten Nutzen, finden Nationalräte. Stimmt nicht, zeigt eine Inspektion im Heim für Demenzkranke. Und am Steilhang bei 36 Grad.

Dienst im Altersheim: Christopher Magnoli mit einer Patientin. Foto: Samuel Schalch

Dienst im Altersheim: Christopher Magnoli mit einer Patientin. Foto: Samuel Schalch

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Als man ihn trifft, ist er am Kegeln. Um 10 Uhr morgens. Man hat im Zürcher Altersheim Wiesliacher mit Zivildienstler Christopher Magnoli abgemacht. Um diese Zeit üben ­Rekruten und Soldaten der Schweizer Armee seit Stunden. Sie tragen Uniformen und folgen Befehlen. Sie sind am Exerzieren, Rennen und Schiessen. Zum Kegeln kommen sie ­bestenfalls im Ausgang.

Der St. Galler Nationalrat Walter Müller fällt einem ein, Mitglied der Freisinnigen Partei, der Offiziersgesellschaft, der Aussenpolitischen und der Sicherheitspolitischen Kommission. Man denkt an die Sätze, die er in der letzten Session aussprach. Das war während der Debatte über den Zivildienst. Dort wurde eine Motion diskutiert und deutlich angenommen, die das Zivildienstmachen für jene Soldaten verlängern will, die erst in der Armee merken, dass sie diese sinnlos finden. Im Jargon der Bürgerlichen werden sie «Abschleicher» genannt. «Ich sage immer Folgendes», sagte Müller im Nationalrat: «Wer Militärdienst leistet, der generiert das Produkt Sicherheit. Wer Zivildienst leistet, generiert das Produkt Soziales. Er muss aber einen echten Nutzen bringen und nicht einfach irgendetwas.»

Und man denkt an Raymond Clottu, den Neuenburger Nationalrat der SVP. Zur Eröffnung der Debatte merkte er an, der Wechsel vom Militär zum Zivildienst würde aus «Komfort, persönlichem Interesse oder Frustration» erfolgen.

Junger Mann in Weiss

Und jetzt trifft man auf Christopher Magnoli, 21 Jahre alt, ein Tessiner mit einem Bubengesicht, ein Zivildienstler an der Arbeit. Was der macht, ist nicht irgendetwas. Es sieht auch nicht komfortabel aus. Denn der junge Mann in Weiss kegelt nicht zu seinem Vergnügen. ­Sondern er versucht alte Frauen dazu anzuregen, von ihren Stühlen oder Rollstühlen blaue Bälle auf Plastikkegel zu lenken. Wenn die Kegel umfallen, lobt er die Keglerin, wenn sie stehen bleiben, darf sie es nochmals probieren. Einige der Frauen zittern leicht, andere zucken gelegentlich, die wenigsten reden von sich aus. Ballone hängen von der Decke, an den Wänden sind Vögel aufgemalt, vor dem Fenster steht eine Topfblume aus Plastik. Die Wände sind gelb, die Tischtücher rosa. In einer Ecke sitzen zwei Babypuppen.

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Nach einer halben Stunde räumt der Zivildienstler die Kegel weg und beginnt mit den Frauen ein Ratespiel. «An welches Wort denke ich jetzt?», fragt er und gibt einen Hinweis: «Es ist die Frucht, die Sie gestern zum Dessert gegessen ­haben.» Keine der Frauen kann sich an die Kirschen erinnern. Sie sind um die 95 Jahre alt. Viele wissen nicht mehr, wer sie sind. Sie leiden an Demenz.

Er wollte Offizier werden

Christopher Magnoli hat die Rekrutenschule gemacht, war in der Infanterie, hat einen Schützenpanzer gefahren, wollte Offizier werden. Kurz vor Ende der Unteroffiziersschule erlitt er einen Kreuzbandriss. Der habe keinen Einfluss darauf gehabt, sagt er, dass er die Armee verlassen habe. Schon vorher sei ihm ­bewusst geworden, dass das Militär für ihn keinen Sinn mehr mache. «Wenn ich etwas falsch finde, will ich wissen, ­warum ich es trotzdem machen muss.» Magnoli wechselte zum Zivildienst. Er absolviert ihn in Zürich, um sein Deutsch zu verbessern. Er will an der ETH Physik studieren, Lehrer werden. Im Gespräch wirkt er schüchtern, spricht noch gebrochen. Aber die Bewohnerinnen verstehen ihn gut, auch wenn nicht alle ihn am nächsten Morgen wieder kennen.

Magnoli spricht sie in der freundlichen, langsamen, leicht überbetonten Art an, die sich im Umgang mit Dementen unweigerlich ergibt. Aber wenn er auf die Frauen zugeht, die eine in den Arm nimmt, bei einer anderen die Frisur lobt und einer dritten das Essen ein­löffelt, die reglos dasitzt, glaubt man ihm, was er sagt: dass er diese Menschen gerne hat und darum seine Arbeit.

Der Zivildienstler arbeitet von morgens um acht bis mittags um eins und von halb vier bis sieben. Er verdient 2000 Franken Erwerbsersatz monatlich, bezahlt von der kantonalen Ausgleichskasse. Magnoli wohnt in Alt­stetten, am anderen Ende der Stadt. «Wir schätzen ihn sehr», sagt Zorica ­Radibratovic, seine Chefin. Ihr Heim hat schon mehrere Zivildienstler beschäftigt und wird es weiter tun. «Je älter die Menschen werden», sagt die Pflegeleiterin, «desto mehr brauchen wir die Jungen.»

Drei am Hang

Was ist das denn für ein Betrieb? Die ­Typen kiffen und trinken, es ist ihnen langweilig, sie denken ab Montagmorgen an den Samstagabend. «Das habe ich jedenfalls von meinen Freunden gehört, die im Militär waren.» Und es hat Joel Schraner nicht überzeugt. Darum meldete er sich beim Zivildienst.

Dienst am Hang: Jonas Vogt und Joel Schraner mit ihren Grasschneidern. Foto: Samuel Schalch

Ihm geht es wie dem anderen Zivildienstler, der mit ihm zusammenarbeitet, Jonas Vogt: Beide verbringen ihre Zeit am liebsten draussen. Schraner ist Stromer, wie er es nennt, Vogt arbeitet als Polymechaniker. Beide sind 24 Jahre alt. Vogt war mit einer schmerzenden Hand in die Rekrutenschule eingerückt, «ich durfte aber erst nach vier Tagen zum Arzt gehen». Der fand heraus, dass die Hand gebrochen war. Da reichte es dem Rekruten, und er wechselte zum ­Zivildienst.

Schraner, der Stromer, rückte gar nicht erst ein. Ob er das Militär aus Gewissensgründen gemieden habe, fragt man ihn. Ja, sagt er. «Ich hatte ein schlechtes Gewissen, beim Verballern von Steuergeldern mitzuhelfen.»

Die Pausen sind kurz

Um viertel vor acht sind die beiden beim Bahnhof von Brugg angetreten, im Verein Naturwerk, wo der Einsatzleiter auf sie wartete. André Belart arbeitet seit sieben Jahren dort, weil ihm gefällt, was der Verein für die Umwelt unternimmt. Naturwerk bekommt sein Geld unter ­anderem von Stiftungen und Spenden. Der Verein beschäftigt bis zu zwei Dutzend Zivildienstler. Er tut das seit mehreren Jahren.

Die drei fahren im Lieferwagen aus der Stadt Richtung Windisch, halten im Grünen an, heben ihre Grasschneider aus dem Anhänger, tragen sie zu einem Steilhang an der Reuss und fangen mit dem Mähen an. Es soll eine Magerwiese geben, die für nichts anderes gebraucht wird, als den Artenreichtum von Pflanzen und Insekten zu fördern.

36 Grad

Die Maschinen lärmen, die Männer tragen Helm, Gehörschutz und eine Schutzbrille. Ihre Kleider kleben am Körper. Nach zwei Stunden Arbeit gibt es eine Viertelstunde Pause, die drei trinken, rauchen und reden. Dann geht es zurück in den Hang. Mittags haben sie 45 Minuten Zeit, sie essen vor Ort. Am Nachmittag geht die Arbeit ohne Pause bis um fünf Uhr weiter. Die Temperatur steigt auf 36 Grad.

Wer sich für den Zivildienst entscheidet, muss anderthalb mal länger arbeiten als ein Soldat. Man achte streng ­darauf, dass die Zivis bei der Entlassung alle Diensttage abgearbeitet hätten, sagt Thomas Brückner von der Vollzugsstelle für den Zivildienst.

Die rund 4500 Zivildienstler, die ­täglich im Einsatz sind, bewältigen physisch oder psychisch anspruchsvolle Aufgaben. Der Bund setzt sie in der Pflege und Betreuung ein, sie arbeiten in Krippen, Asylunterkünften oder Gefängnissen. Sie helfen in Heimen wie Magnoli, sie verrichten körperliche Arbeit wie Schraner und Vogt. Ein Betrieb darf keinen Zivildienstler anstellen, wenn dieser jemand anderem eine reguläre Arbeitsstelle wegnehmen würde.

Russische Panzer am Bellevue

Je länger man mit den Männern redet, desto deutlicher wird die Erinnerung an das, was man selber im Militär erlebt hat, 17 Wochen in der Rekrutenschule und in den acht Wiederholungskursen: dass nicht die Anstrengung am meisten störte, sondern ihre Sinnlosigkeit. Schon damals in den Achtzigerjahren hatte man Mühe, sich russische Panzer auf dem Bellevue vorzustellen oder vor der Bachgraben-Badi an der französischen Grenze in Basel.

Man wollte auch nicht einsehen, wie das schon nur von der Moral her funktionieren sollte, wenn sich die Schweizer Soldaten in Bunker und andere Reduits zurückziehen würden, im Wissen, ihre Familien zurückzulassen. Man fand die Manöver komplett unrealistisch, durch die man tage- und nächtelang ­gejagt wurde. Ein Vierteljahrhundert später: Der Satz von Ueli Maurer beim Antritt als Verteidigungsminister, er wolle die beste Armee der Welt, kam einem als Vorlage steil vor.

Jeder vierte ist untauglich

Zwar will die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung an einer Milizarmee festhalten, doch scheint der Verdruss über sie grösser zu werden. Das zeigt schon die wachsende Zahl der Männer, welche die physische oder psychische Untauglichkeit anstreben und bekommen. Früher war das noch schwer, jetzt schafft es jeder vierte Stellungspflichtige. Und das bei insgesamt 166'519 Männern im Militär und 44'000 Zivildienstlern.

Wie man den blauen Weg begehen muss, kann man bei der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) detailliert nachlesen: Sehschwäche vortäuschen, Rückenweh beklagen, von Depressionen und Drogenproblemen erzählen, vom ängstlichen Schwulsein, von häufigen Streitigkeiten mit den Chefs. Manche Ärzte und Psychiater sagen, es brauche nicht einmal das, um für dienstuntauglich erklärt zu werden.

Christopher Magnoli, Joel Schraner und Jonas Vogt sind nicht dienstuntauglich. Sie leisten 18 Monate lang Dienst an der Zivilgesellschaft. Sie tun es nicht aus Komfort.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.06.2017, 23:54 Uhr

Die Pläne für den Zivildienst

Unattraktiver machen

Der Nationalrat hat in der Sommersession eine Motion angenommen, die den Wechsel von Rekruten und Soldaten in den Zivildienst erschweren will. Nur noch die Hälfte ihrer Diensttage in der Armee soll anerkannt werden. In der Sicherheitspolitischen Kommission wurde sogar diskutiert, die Länge des Zivildienstes vom 1,5- auf das 1,8-Fache der Dienstzeit in der Armee anzuheben. Der Antrag unterlag nur sehr knapp. Bewilligt wurde dagegen der Vorschlag, dass auch die Zivildienstler eine Uniform tragen sollen. Der Bundesrat lehnt die Motion ab, als Nächstes wird sie der Ständerat behandeln.

Die Schweiz tat sich schon mit der Einführung eines Zivildienstes schwer. Nach jahrelangen Debatten einigte sich das Parlament auf ein Verfahren, das vom Zivi neben mehr Diensttagen auch noch eine vorgängige Gewissensprüfung verlangte.
Der Zivildienst wurde 1996 eingeführt, bis zum Jahresende gingen damals bei der Vollzugsstelle für Zivildienst 96 Gesuche ein. Die Zivildienstler halfen im Asylwesen aus, bei der Pflege von Menschen und Umwelt. Später kamen Einsätze in Alpbetrieben und Schulen dazu. 2008 entschied das Parlament, auf die Gewissensprüfung zu verzichten. Die Zahl der Gesuche stieg auf 6720 pro Jahr an. Der Bundesrat erschwerte darauf den Zugang zum Zivildienst wieder etwas. 2016 wurden 6169 Leute zugelassen. (jmb)

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