Schweiz

Warum die Deutschen kommen

Von Dario Venutti. Aktualisiert am 22.07.2011 82 Kommentare

Die Schweizer Unis erhöhen die Zulassungshürden für ausländische Studierende. Ob das etwas nützen wird?

Gut 10'000 Deutsche studieren derzeit in der Schweiz: Lichthof der Uni Zürich.

Gut 10'000 Deutsche studieren derzeit in der Schweiz: Lichthof der Uni Zürich.
Bild: David Adair (Ex-Press)

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Fällt das Wort «Deutscher» im Zusammenhang mit Arbeits- oder Studienplatz, tönt das in der Schweiz schnell einmal wie eine Bedrohung. Das jüngste Beispiel lieferte am Dienstag «20 Minuten». Das Blatt warnt vor einem «Ansturm deutscher Studienanfänger» im Herbstsemester. Die Vorlage dazu leistete ironischerweise ein deutsches Medium: «Jetzt kommt die Flut», titelte «Spiegel online» zu Wochenbeginn.

Mit Flut ist das Zusammenwirken von zwei Ereignissen gemeint, die eigentlich längst bekannt sind: Zum einen fällt in Deutschland seit Jahresbeginn die Wehrdienstpflicht weg. Abiturienten, die 2010 noch ins Militär gegangen wären, besuchen heuer direkt eine Hochschule. Zum andern schliessen im Zuge einer Abiturreform dieses Jahr in den bevölkerungsreichen Bundesländern Bayern und Niedersachsen gleich zwei Jahrgänge das Gymnasium ab. Damit steigt die Zahl der Abiturienten sprunghaft auf eine halbe Million an, von 440'000 im Vorjahr.

Schweizer Universitäten reagieren auf diese Entwicklung, indem sie die Hürden erhöhen. Die Uni Zürich verdoppelt die Semestergebühren für alle Ausländer fast, während sie für Schweizer gleich bleiben. Die Deutschen, mit rund 10'000 die grösste ausländische Studentengruppe, müssen zusätzlich einen Studienplatz in Deutschland nachweisen, wenn sie in Zürich, Bern oder Basel studieren wollen.

Lieber Spanien als die Schweiz

Mit bürokratischen Massnahmen wird sich allerdings eine Zunahme kaum verhindern lassen. Das deutsche Hochschulwesen hat sich im letzten Jahrzehnt international vernetzt, globalisiert – und wächst und wächst. Einige Eckdaten:

  • Gemäss einer OECD-Studie sind die deutschen Studenten nach den südkoreanischen, chinesischen und US-amerikanischen die mobilsten weltweit.
  • Laut einer Erhebung des deutschen Studentenwerks absolviert jeder 7. deutsche Hochschüler ein oder mehrere Semester im Ausland. Spanien, Frankreich und Grossbritannien sind die beliebtesten Länder für Deutsche. Die Schweiz liegt an 7. Stelle.
  • Deutschland ist nach den USA und Grossbritannien das attraktivste Studienland. Jeder dritte Schweizer, der im Ausland studiert, tut das in Deutschland.
  • Die deutschen Studenten nutzen die in einem EU-Vertrag festgesetzte Idee, den Zugang zu Universitäten europaweit nicht zu begrenzen, am besten. Die Studienreform Bologna, an der auch die Schweiz teilnimmt, dehnt den Zugang auf 57 Länder aus – von Portugal bis Aserbeidschan.

Im Vergleich zur Schweiz besuchen in Deutschland mehr als doppelt so viele Schüler eines Jahrgangs das Gymnasium – gegen 50 Prozent.

Grund 1: In der Schweiz lässt sich mit einem handwerklichen oder kaufmännischen Beruf ein würdiges Einkommen erzielen. Diese Berufe werden wertgeschätzt. In Deutschland dagegen ist die Lage für Maurer oder Coiffeure prekär. Die Arbeitslosenquote von Akademikern liegt unter 4, diejenige aller Branchen bei 9 Prozent.

Grund 2: Deutschland hat das Ideal des Bildungsbürgers hervorgebracht. Bildung bedeutet nicht nur Habitus, sondern auch Besitz, den man sich im Gymnasium erwirbt: ideell mit dem Bildungskanon, konkret mit dem Zertifikat Abitur.

Weil inzwischen in Deutschland so viele studieren, verschafft man sich die Statusvorteile anderweitig. Mit einem Auslandsaufenthalt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.07.2011, 19:48 Uhr

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82 Kommentare

mars solm

22.07.2011, 08:05 Uhr
Melden 72 Empfehlung

Situation Wien: Medizienstudium heuer 10.500 Bewerber, davon 50% Deutsche. Studienplätze = nur 1500! Jedoch sind 75% der Studienplätze nur für Österreicher reserviert. 20% für EU Bürger und 5% für dritt Staaten. Die EU hat protestiert, aber Österreich schützt seine eigenen Interessen. In der Schweiz sollte man hiervon lernen. Antworten


Philippe Desaley

22.07.2011, 09:07 Uhr
Melden 71 Empfehlung

Die Ressentiments der Schweizer gegenüber der massiven Einwanderung von Deutschen sind verständlich. Schon lange geht es nicht mehr nur darum, einzelne Stellen durch Fachkräfte aus dem Ausland zu besetzen. Mittlerweile strömen Deutsche jeglichen Ausbildungsstandes in die CH, um vom Wohlstand profitieren zu können. Politisch sind keine Gegenmassnahmen zu erwarten. Die Gesellschaft wird es richten. Antworten



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