Schweiz
Warum Autofahren nicht mehr angesagt ist
Von Olivia Raths. Aktualisiert am 08.05.2012 134 Kommentare
Fahrschülerin am Steuer: Sie gehört zu immer weniger jungen Leuten in der Schweiz, die den Führerschein erwerben. (Bild: Keystone )
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Viele Führerscheine bei den Senioren
Während die junge Bevölkerung weniger Führerscheine besitzt, hat sich der Führerschein-Anteil bei den über 80-Jährigen fast verdoppelt gegenüber 1994, nämlich von 20 fast 40 Prozent. Bei den 65- bis 79-Jährigen ist der Anteil in dieser Zeitspanne von gut 50 auf heute 74 Prozent gestiegen. Machen mehr ältere Leute den Führerschein?
«Nein, der Grund für die Zunahme ist die demografische Entwicklung», erklärt Rolf Grüninger, Geschäftsleiter des Strassenverkehrsamts Zürich. «Wer bereits in jüngeren Jahren den Führerschein erworben hat, ist jetzt in die erwähnten Altersklassen gekommen.» Zudem würden immer mehr Leute ein hohes Alter und blieben länger fit. Neue Führerscheine bei Senioren gibt es kaum, der Anteil bewegt sich laut Grüninger seit Jahren im Promillebereich.
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«Gratulation, Sie haben bestanden!» Diesen Satz sagen Fahrprüfungsexperten immer weniger zu jungen Schweizern. Denn bei den 18- bis 24-Jährigen sank der Anteil an Führerscheinen von 71 Prozent im Jahr 1994 auf 59 Prozent im Jahr 2010. Dies ergab eine gross angelegte Befragung des Bundes zum Verkehrsverhalten der Bevölkerung (DerBund.ch/Newsnet berichtete). Wie ist dieser Rückgang zu erklären?
«Autofahren ist heute nicht mehr so angesagt und modern wie früher», sagt Rolf Grüninger, Geschäftsleiter des Strassenverkehrsamts Zürich, auf Anfrage von DerBund.ch/Newsnet. Zum einen begründet er dies mit dem öffentlichen Verkehr, der sehr gut ausgebaut sei. Auch die Ergebnisse der Mobilitätsstudie des BFS belegen dies: Im Vergleich zum Jahr 2000 ist der Anteil an jungen Besitzern des Generalabos um rund 5 Prozentpunkte auf fast 20 Prozent gestiegen. Zudem besitzen 33 Prozent der 18- bis 44-Jährigen ein Halbtax-Abo. «Eine sehr erfreuliche Entwicklung», so Grüninger.
«Das Autofahren ist komplexer geworden»
Den Rückgang an Führerscheinen bei den jungen Schweizern begründet Grüninger zum anderen auch mit dem Ausbildungsniveau: Weil die Schweizer heute häufiger und länger in der Ausbildung seien, könnten sie sich während dieser Zeit weniger eine Fahrausbildung und ein Auto leisten. Grüninger stellt fest, dass in städtischen Gebieten mit stärker ausgebautem ÖV weniger junge Neulenker hinzukommen als in ländlichen und Berggebieten, wo die Leute mehr aufs Auto angewiesen sind.
Kann es sein, dass heute die jungen Leute auch wegen zu schwierigen Fahrprüfungen weniger Führerscheine besitzen? «Die Anforderungen sind sicherlich gestiegen», meint Grüninger. «Das Autofahren ist komplexer geworden, weil es mehr Vorschriften gibt und der Verkehr zugenommen hat.» So seien auch die Fahrausbildung und die Führerscheinprüfung angepasst worden. Zwar ist der Führerscheinanteil bei den jungen Leuten zurückgegangen. Über alle Altersgruppen gesehen werden jedoch nach wie vor etwa gleich viele «Billette» ausgestellt: Laut Grüninger bewegt sich die Anzahl praktische Prüfungen im Kanton Zürich bei rund 30'000 jährlich; dies seit fünf bis sechs Jahren.
Fahrlehrer unter Druck
Dass immer weniger junge Leute einen Führerschein besitzen, hat Raphael Huguenin, Präsident des Schweizerischen Fahrlehrerverbands (SFV), in Schweden und Japan auch beobachtet: Er vermutet, dass dies – wie auch in der Schweiz – mit den sehr gut ausgebauten öffentlichen Verkehrsmitteln zusammenhängt. «Das Auto wird deshalb weniger wichtig. Zudem spielt besonders in Schweden der Trend zu einem ökologischeren Lebensstil eine Rolle», so Huguenin. Wie Grüninger nennt auch Huguenin die Ausbildungssituation der jungen Schweizer als weiteren Grund für den gesunkenen Führerschein-Anteil.
Ist die Fahrausbildung für viele Junge zu teuer geworden? Möglich ist das: Laut dem SFV-Präsidenten wollen viele Fahrschüler aus Spargründen möglichst wenige Fahrstunden besuchen. «Sie machen Druck bei den Fahrlehrern, dass diese sie bald zur praktischen Prüfung anmelden.»
Fahrprüfung soll strenger werden
Gemäss einer Erhebung des SFV absolvieren Deutschschweizer Fahrschüler im Durchschnitt 27 bis 29 Fahrstunden bei einem Fahrlehrer, bis sie den Führerschein in der Hand halten. Empfohlen werden jedoch durchschnittlich 30 bis 40 Lektionen. Ist das nicht zu viel? Huguenin meint, dies hänge unter anderem von den Vorkenntnissen ab, die jemand zur Fahrausbildung mitbringe – etwa wenn die Person zuvor seit Jahren mit einem Mofa oder Traktor gefahren sei.
Auf die Frage, ob die Fahrprüfung zu streng geworden sei, verneint Huguenin. Die Quote an durchgefallenen Prüflingen sei über die letzten Jahre relativ konstant geblieben. Der Präsident der Fahrlehrer kündigt jedoch an, dass die Prüfungsbedingungen in den nächsten Jahren strenger werden sollen: «Die Verkehrsregeln und -Situationen haben sich bedeutend verändert. Dem müssen wir uns anpassen.» Gut möglich, dass dadurch die Führerscheinzahlen bei den Jungen noch mehr sinken werden. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 08.05.2012, 15:03 Uhr
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