Schweiz

Thomas Ley
Stv. Ressortleiter Reporter


«Viele werden schon zum zweiten Mal Flüchtlinge»

Aktualisiert am 10.08.2012 68 Kommentare

Die Schweiz lässt sich mit dem Entscheid über ein syrisches Flüchtlingskontingent Zeit. Das UNO-Hochkommissariat habe noch nicht angefragt, heisst es. Für die Flüchtlingshilfe ein unhaltbarer Zustand.

Ungewisse Zukunft: Syrische Kinder spielen im Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien. Allein in diesem Zeltlager erwartet man 120'000 aus Syrien geflüchtete Menschen.

Ungewisse Zukunft: Syrische Kinder spielen im Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien. Allein in diesem Zeltlager erwartet man 120'000 aus Syrien geflüchtete Menschen.

Artikel zum Thema

Teilen und kommentieren

Stichworte

Blog

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Werbung

Kommen sie nun oder nicht? Ausgerechnet Hans-Jürg Käser, FDP-Polizeidirektor des Kantons Bern und Hardliner in Ausländerfragen, stiess am vergangenen Wochenende das Tor auf zur Debatte über syrische Flüchtlinge. Er plädierte dafür, ein Kontingent aufzunehmen. Doch dieses Tor bleibt für die Betroffenen selbst vorerst zu.

Dabei ist ihr Schicksal schon lange Thema bei der Justizministerin: «Angesichts der Lage in Syrien hat Bundesrätin Simonetta Sommaruga in enger Zusammenarbeit mit dem UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) vor Monaten eine Prüfung der Aufnahme syrischer Kontingentsflüchtlinge angeordnet», erfährt DerBund.ch/Newsnet heute von Jürg Walpen, dem Sprecher des Bundesamts für Migration (BFM).

Die UNO fragt nicht an

Inzwischen herrscht in Syrien offener Bürgerkrieg. Eineinhalb Millionen Menschen sind in dem Land auf der Flucht. Weit über 10'000 wurden bereits getötet, die meisten von der Armee ermordet. Doch zwischen der Schweiz und der UNO ist offenbar wenig passiert: «Bisher ist vom UNHCR noch keine Anfrage eingetroffen», bestätigt BFM-Sprecher Walpen.

Damit bleibt vorerst ausgeschlossen, dass die Schweiz «ein Kontingent von besonders bedrohten und verletzlichen Flüchtlingen» aufnimmt, wie es die Schweizerische Flüchtlingshilfe seit Tagen fordert, also «Kinder, Frauen, Traumatisierte und Verwundete». Ohnehin ist die Reaktion aus der Politik eher feindselig. Solange die «Hausaufgaben im desolaten Asylwesen» nicht gemacht seien, liess die SVP sofort ausrichten, habe die Schweiz keinen Platz für neue Flüchtlinge.

Der Berner Polizeidirektor Käser, der sich vorgewagt hat, darf sich derweil per E-Mail beschimpfen lassen, meist «deutlich unter der Gürtellinie», wie er der «Aargauer Zeitung» erzählt. Gespräche mit ihm und dem Kanton Bern gäbe es derzeit jedenfalls nicht, sagt das Bundesamt.

Für Beat Meiner, Generalsekretär der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, ist die Zurückhaltung des Bundes eine Enttäuschung. Er hatte gehofft, dass die UNO bereits hinter den Kulissen bei der Schweiz sondiere: «Das UNHCR sucht ja permanent Plätze für Flüchtlinge aus aller Welt.» Viele Vertriebene im Bürgerkriegsland Syrien könnten sogar schon Bekanntschaft mit dem Hochkommissariat gemacht haben: «Es trifft viele Menschen, die bereits zum zweiten Mal Flüchtlinge werden, weil sie ursprünglich aus dem Irak oder aus Afghanistan nach Syrien geflohen sind.»

Angst vor Alleingängen

Meiner versteht nicht, dass Sommaruga nun auf die UNO warten will: «Die Zeit drängt. Der syrische Bürgerkrieg geht weiter, täglich sterben Hunderte unschuldiger Menschen. Die Schweiz könnte doch international eine Führungsrolle übernehmen.» Doch das Justizdepartement sieht das ganz anders: «Bundesrätin Sommaruga betont in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit, dass die Schweiz nicht im Alleingang handelt, sondern gemeinsam mit den anderen europäischen Staaten eine Lösung sucht», erklärt BFM-Sprecher Walpen.

Immerhin, so Walpen, habe die Schweiz gerade ihren Beitrag um 2 Millionen auf 10 Millionen Franken für humanitäre Hilfe vor Ort erhöht, «auf Antrag der Direktion für Entwicklungszusammenarbeit», wie er anfügt.

Gemäss Artikel 56 des Asylgesetzes könnte das Justizdepartement autonom ein Kontingent von 100 Flüchtlingen beantragen – ohne Rücksprache mit der Bundesratsmehrheit. «Dies könnte allenfalls ein denkbares Szenario darstellen», räumt Walpen ein. Doch Flüchtlingsfürsprecher Meiner kann verstehen, dass die SP-Politikerin vor einem einsamen Entscheid zurückschreckt: «Wir würden es begrüssen, wenn der Gesamtbundesrat diese Zahl unbürokratisch auf 200 erhöht, damit dieser Entscheid nicht nur mit einer sozialdemokratischen Bundesrätin verknüpft wird.»

Wieder regelmässige Flüchtlingskontingente

Langfristig schwebt der Flüchtlingshilfe aber eine deutlich höhere Zahl vor: «Wir wären für ein Kontingent von 500 Flüchtlingen jährlich», fordert Meiner. «Dafür sollte auch ein fester Betrag gesprochen werden, den man nicht jedes Jahr neu aushandeln muss.» Die Schweiz habe das bis in die 1990er-Jahre so gehandhabt. Dem politischen Druck nach den Flüchtlingswellen aus dem kriegsversehrten Jugoslawien musste die Kontingentspolitik aber weichen.

Meiner hofft auf ein Comeback. Von der Eidgenössischen Kommission für Migrationsfragen und der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorenkonferenz, deren Präsident derzeit Hans-Jürg Käser heisst, gebe es entsprechende Signale. Dass es jetzt bereits beim ersten Projekt, bei Syrien, hapert, ist eine Ernüchterung.

Die Not der Syrer kommt, was die Schweizer Innenpolitik angeht, zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Das ist auch Meiner klar: «Doch wer jetzt pauschal sagt, wir hätten wegen der Probleme im Asylwesen keinen Platz mehr, verliert für mich jede Glaubwürdigkeit. Die SVP spricht stets davon, man wolle ‹echte Flüchtlinge› aufnehmen – und sagt ausgerechnet jetzt nein?» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.08.2012, 19:12 Uhr

68

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

68 Kommentare

Thomas Haenni

10.08.2012, 19:19 Uhr
Melden 234 Empfehlung 1

Wir haben schon genug Probleme mit den Balkanflüchtlingen und anderen die wir aufgenohmmen haben,wir wollen und brauchen keine neuen Flüchtlinge,das mag harsch rüber kommen aber wir müssen das tun was für die CH am besten ist und Flüchtlinge aufnehmen die uns Nerven,Zeit,Geld und Sicherheit kosten kann unmöglich das beste für die CH sein.Die sollen in den Nachbarländern von Syrien Sicherheit suchen nicht hier. Antworten


Ueli Hofer

10.08.2012, 19:29 Uhr
Melden 226 Empfehlung 2

Nein und nochmals Nein, ich will nicht noch mehr Flüchtliinge und aus dieser Region erst Recht nicht! NEEIN! Antworten



Schweiz

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen

Umfrage

Seit 15 Jahren steigt die Anzahl Ferienwochen für Arbeitnehmer leicht an. Profitieren Sie davon?




FÜR MEHR «YESSS!» IM ALLTAG!

Erfahren Sie, wie unsere Services das Leben erleichtern. Jetzt Videos schauen: search.ch/diego

Jetzt wechseln und sparen

Finden Sie in nur fünf einfachen Schritten die optimale Fahrzeugversicherung.

Am und auf dem kühlen Nass

Erleben Sie erfrischende Ausflüge mit SBB RailAway am und auf dem kühlen Nass.

Genusswelt

Besuchen Sie unsere Genusswelt und entdecken Sie die Welt des Genuss!