«Viele finden, es sei eine Riesensauerei»
Von Alain Zucker und Hannes Nussbaumer. Aktualisiert am 18.03.2012 47 Kommentare
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Peter Bodenmann
Der 60-jährige Oberwalliser ist gelernter Jurist. Sein Vater war CVP-Ständerat. Peter Bodenmann wurde SP-Politiker. Von 1987 bis 1997 sass er im Nationalrat. Von 1990 bis 1997 präsidierte er die SP Schweiz. 1997 wurde er als erster Sozialdemokrat Walliser Staatsrat. 1999 trat er zurück. Seither wirkt er als Hotelier in Brig. (TA)
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Haben Sie als Alpenbewohner gegen die Zweitwohnungsinitiative gestimmt?
Ich hab gar nicht gestimmt. Ich gehöre zu den wenigen Alten, die noch persönlich an die Urne gehen. Als ich auf die Uhr schaute, war es zu spät.
Eine Ausrede: Sie haben sich als Walliser nicht getraut, Ja zu sagen.
Ich habe es wirklich vergessen. Aber ich hätte so gestimmt wie wohl die Mehrheit der Walliser Hoteliers: mit Ja.
Die Hoteliers im Tourismusgebiet waren doch gegen die Initiative.
Offiziell schon. Inoffiziell etwas weniger. Viele von uns sehen, dass es so nicht weitergehen kann. Der Kahn läuft auf Grund, wenn die Berggebiete weiter zubetoniert werden. Aber wenige wollen in der eigenen Region gegen andere Tourismuszweige Stellung beziehen.
Wir Flachländer haben das Gefühl, die Stimmung in den Bergen sei jetzt uns gegenüber etwas gereizt.
Natürlich herrscht hier mehrheitlich das Gefühl, dass uns das Unterland eine Lösung aufgezwungen hat. Aber das homogene Berggebiet, das Sie sich vorstellen, können Sie sich abschminken. Das sieht man daran, dass der Ja-Anteil in vielen Tourismusregionen erstaunlich hoch war. Politik und Medien haben die Initiative total unterschätzt. Als ich im Vorfeld sagte, die Initiative habe gute Chancen, bekam ich zur Antwort, ich hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank. Dabei war absehbar, dass es knapp werden würde: ein Schuss Umweltschutz, aber nicht zu viel, plus ein Schuss Heimatliebe, sodass auch SVP-Kantone wie der Thurgau oder der Aargau Ja stimmen konnten.
Wir Flachländer haben mit einer Initiative, die uns kaum betrifft, die heile Schweiz zu retten versucht?
Ich würde nicht sagen, dass ihr nicht betroffen seid. Rund 300 000 Flachland-Deutschschweizer besitzen eine Zweitwohnung. Spannend wäre, zu wissen, wie diese gestimmt haben.
Denkbar, dass sie – in der Hoffnung auf eine Wertsteigerung – mit Ja gestimmt haben.
Die Intelligenteren sicher. Nun stellt sich die Frage, welche Rolle die heutigen Besitzer bei der Umsetzung der Initiative von Franz Weber spielen. Sie wollen keine Kräne, keine Camions im Dorf und eine unverbaute Aussicht. Mit der Annahme der Initiative ist ein neues Heer von 300'000 lokalen Baupolizisten entstanden. Diese werden genau aufpassen, dass niemand mehr baut – und so die Initiative im Umfeld ihrer Zweitwohnung umsetzen. Umgekehrt gilt für den Alpenraum: Wer in dieser Ausmarchung etwas gewinnen will, ist mit Vorteil empört.
Wieso?
So kann er mehr herausholen. Natürlich finden viele, es sei eine Riesensauerei, dass gerade die Alpennordseite, die grüne Wiesen mit Aldi- und Lidl-Zentren zupflastert, dem Alpenbogen das Weiterbauen verbietet. Das sei, wie wenn wir bestimmten, an der Zürcher Bahnhofstrasse dürfe man keine Läden mehr eröffnen. Ich gehöre eher zu jenen, die die Initiative als Chance sehen. Ich hoffe auf eine Debatte, die den notwendigen Strukturwandel im Tourismus voranbringt.
Ist die Empörung der Bergler nicht etwas verlogen? Sie hätten das Problem ja selber anpacken können.
Verlogen – das ist so eine protestantische Kategorie. Wer hat denn die Wohnungen gekauft? Die Wohnungen wurden von Leuten aus dem Unterland gekauft, die Geld haben. Wer ist nun schuld? Derjenige, der die Zweitwohnung baut, oder derjenige, der sie kauft?
Sie sagen, die Initiative sei eine Chance für das Berggebiet. Weshalb?
Beispiel Alpeninitiative: Sie war das Beste, was der Schweiz passieren konnte. Dank ihr wurde der Lastwagenverkehr effizienter. 40-Tönner ersetzten 28-Tonnen-Lastwagen. Schwere Camions bezahlen dank der Schwerverkehrsabgabe heute faktisch 5 Franken pro Liter Diesel. Mit den Rationalisierungsgewinnen finanzierte die Schweiz die beiden Neat-Tunnel. Darum reist man heute in zwei Stunden mit dem Zug von Zürich nach Brig. Die Alpeninitiative wurde nicht buchstabengetreu, aber umso intelligenter umgesetzt. Bei der Zweitwohnungsinitiative wird es vielleicht ähnlich sein.
Im Moment herrscht vor allem ein Chaos.
Ja, und je grösser das Chaos, je mehr Variablen es gibt, umso grösser sind die Gestaltungsmöglichkeiten des politischen Systems. Die Frage ist, ob die einzelnen Akteure flexibel genug sind. Bisher sind vor allem die Gegner der Initiative nicht durch Intelligenz aufgefallen.
Sie lenken ab. Das Ja zur Initiative wird in den Berggebieten handfeste Auswirkungen haben: Arbeitsplätze werden verschwinden, im Baugewerbe, im Tourismus.
Das muss nicht sein. Es braucht einen Fonds zur Finanzierung der Hotellerie und der Bergbahnen. Weil sie sich nicht mehr über Zweitwohnungen finanzieren können. Möglicherweise wird künftig auch verstärkt in die Renovation der bestehenden Bausubstanz investiert. Es gibt viele schlechte Bauten aus den 60er- und 70er-Jahren, wo die Heizungen auch bei kalten Betten laufen müssen, damit das Wasser nicht einfriert. Vielleicht erlaubt die Umsetzung, dass hässliche alte Zweitwohnungen abgebrochen werden. Damit am selben Ort schöne, architektonisch ambitionierte Nullenergiebauten entstehen können. Da hätte die Bauwirtschaft auch was davon.
Das ist eine naive Hoffnung.
Wieso? In Verbier geschieht das bereits. Da werden wegen der hohen Preise an guten Lagen alte Chalets abgerissen. Es entstehen neue Paläste. Das Gleiche ist auch nach der Initiative denkbar.
Mal ganz konkret: Wie soll die Initiative umgesetzt werden?
Kurzfristig ist die grosse Frage: Kommt es zu einer Lawine von Baugesuchen? Da scheint die Temperatur unterschiedlich zu sein. In Graubünden höre ich, dass eine Flut eher unwahrscheinlich sei. Im Tessin und im Wallis kommt sie.
Wieso der Unterschied?
Das ist kulturell bedingt. Der Walliser oder Tessiner ist eher der Cowboy-Typ als der Bündner. Die Walliser Baulöwen suchen nach Schlupflöchern. Die starre 20-Prozent-Klausel ist ein grosses Problem, weil sich die Bautätigkeit verschieben kann. Nehmen wir Brig: Hier könnte man 1200 Zweitwohnungen bauen. Wenn Brig mit einer kleinen Gemeinde in der Umgebung fusioniert, etwa mit Naters, kann man auf der Belalp Zweitwohnungen wie Weggli produzieren.
Theoretisch möglich.
Nicht nur theoretisch. Es gibt bereits eine Liste, die aufzeigt, welche Gemeinden fusionieren könnten. Dieses Potenzial wird jetzt ausgelotet. Es gibt ein konkretes Bauprojekt von Jean-Marie Fournier in Salins bei Veysonnaz. Salins wird mit Sitten fusionieren, also wird dem Projekt nichts im Weg stehen.
Gemeinden mit unausgeschöpftem 20-Prozent-Kontingent sollen damit Handel betreiben dürfen, schlagen Sie vor. Wie ernst ist es Ihnen damit?
Wir – eine Gruppe von Hoteliers – haben eine Liste mit Vorschlägen erarbeitet. Einige sind besser, andere vielleicht weniger. Denkverbote zu Beginn eines politischen Prozesses sind schädlich.
Sie tun, als ob wir viel Spielraum hätten. Dabei gilt seit Sonntag klipp und klar: Bei 20 Prozent ist Schluss.
Genau: Deshalb muss jede gemeinsam gefundene Lösung besser sein als die kleinliche Umsetzung der Initiative, wie sie die zuständige Bundesrätin mit ihrer Arbeitsgruppe leider vorspurt. Ein Vorteil der Schweiz ist: Wir haben kein Verfassungsgericht. Wir haben kein Gericht, das das Ausführungsgesetz dahin gehend überprüft, ob es den Verfassungswillen korrekt umsetzt. Es geht also einzig darum, ein gutes Gesetz zu machen, gegen das niemand, weder Franz Weber noch die Bauwirtschaft, das Referendum ergreift. Dann wird sich der Tourismus in den Schweizer Alpen vielleicht neu erfinden.
Warum soll die Beschränkung der Zweitwohnungen zum Strukturwandel führen?
Im Wallis heisst es von behördlicher Seite oft: Tirol ist ein Vorbild. Auslastung und Rentabilität von Betten und Bahnen seien dort viel besser. Gleichzeitig verdrängt man, dass es in Tirol eine 8-Prozent-Klausel gibt. In Tirol kann man auch lernen, wie eine solche Klausel mit Augenmass angewendet wird.
Glauben Sie, dass die 8-Prozent-Klausel zum florierenden Tiroler Tourismus beiträgt?
Ist doch logisch. Die Betten sind vorab in Hotels oder hotelähnlichen Strukturen. Wir haben genug Betten. Vielleicht sogar zu viele. Wir müssen diese besser und wärmer machen. Das beste Beispiel dafür ist das Plateau von Crans-Montana. Ein wunderschönes Plateau mit 40'000 Betten. Trotzdem sind die Bahnen nicht rentabel. Die Leute kommen für 10 bis 15 Tage pro Jahr und tragen so viel zu wenig zu den Infrastrukturkosten bei.
Wie lassen sich die Betten wärmen?
Man müsste den Gemeinden die Möglichkeiten geben, die Zweitwohnungsbesitzer stärker an den Kosten zu beteiligen, die sie verursachen. Über Abgaben. Und die Gemeinden müssten die Eigentümer zwingen können, pro zwei Betten ein übertragbares Generalabo für die Bergbahnen zu lösen. Einige Besitzer würden ihre Wohnungen verkaufen, andere renovieren und vermieten. Die Auslastung würde sich sofort verbessern. Die rentabel gemachten Bergbahnen könnten attraktive Bahnen für die nächste Generation bauen. Die Spirale begänne sich in die richtige Richtung zu drehen. Und Vico Torriani bekäme nachträglich recht: Alles fährt Ski. Wieder.
Was passiert, wenn der Innovationsschub ausbleibt?
Dann bleibt alles, wie es jetzt ist, einfach mit einem reduzierten Baugewerbe, verlotternden Hotels, weniger Arbeitsplätzen, verstärkter Abwanderung. Es ist möglich, dass man die Chance nicht nutzt und sich nur über Details streitet. Doris Leuthard hat eine heisse Kartoffel in der Hand. Wir sind hier in den Stammlanden ihrer Partei. Und sie hat am Abstimmungssonntag der CVP ein grosses Ei gelegt, indem sie behauptet hat, es gebe einen sofortigen Baustopp. Ihre eigenen Leute hier sind stocksauer.
Während ein ganzer Landesteil klagt, verströmen Sie Optimismus. Wir spüren einen verkappten Amerikaner . . .
. . . ich, ein Amerikaner? Mit meiner Geschichte? Früher skandierten wir «Schluss mit dem Bombenterror in Laos, Kambodscha und Vietnam» . . . Klar gibt es Leute, die sagen, das Glas sei halb voll, und andere, die es halb leer finden. Ich gehöre wahrscheinlich zur ersten Kategorie. Aber ob daraus etwas wird, weiss niemand. Es ist einfach ein Fenster, das sich geöffnet hat.
(Tages-Anzeiger)Erstellt: 17.03.2012, 19:35 Uhr
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47 Kommentare
genau eine schweizerische Mentalität!, immer diese Angst, was der andere denken könnte wenn ich....so unfrei sind wir in diesem schönen Land....wo einst unsere Vorfahren viel freier und auch bewusster waren.
Klar ist es eine Schande, wenn um des schnöden Mammons willen unsere ganze Schönheit zur Sau geht! Und das soll man öffentlich ohne Furcht sagen können! Schön, dass es Franz Weber gibt!!
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