Schweiz

Tierschützer Kessler: «Mit Christoph Blocher wurde das Gleiche angestellt»

Interview: Marc Haltiner. Aktualisiert am 16.07.2009 14 Kommentare

Er ist einer der engagiertesten und zugleich umstrittensten Tierschützer der Schweiz. Erwin Kessler will auch nach 20 Jahren weiterkämpfen. Sein neuester Prozess führt ihn wieder an den Menschenrechtsgerichtshof.

«Mit dem Rechtsstaat geht man in der Schweiz locker um»: Erwin Kessler.

Donato Caspari

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Kessler gelangt erneut an Menschenrechtsgerichtshof

Am 29. Februar wurde Erwin Kessler 65 Jahre alt, seit 20 Jahren engagiert er sich mit seinem Verein gegen Tierfabriken (VgT) für eine artgerechte Tierhaltung und gegen die Massentierhaltung von Nutztieren. In den letzten Jahren kämpfte Kessler aber auch immer wieder mit juristischen Mitteln gegen Medien und Behörden. So gab Kessler gestern bekannt, dass er einen weiteren Fall an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte weiterzieht. Das Bundesgericht hatte Kesslers Beschwerde gegen einen Zürcher Gerichtsentscheid abgewiesen, der Kessler untersagt, Tagesschau-Moderatorin Katja Stauber im Zusammenhang mit dem umstrittenen Schönheitsmittel Botox zu nennen. In der letzten Woche gab der Menschenrechtsgerichtshof Kessler Recht: Das Bundesgericht habe die Ausstrahlung eines VgT-Spots zu Unrecht verboten.
Kessler ist verheiratet, war zuerst als Bauingenieur tätig und arbeitet seit zehn Jahren vollamtlich für den VgT. Lohn und Gerichtsprozesse bezahlen die rund 30'000 Vereinsmitglieder. Kessler vertritt den VgT in Gerichtssachen selber. Momentan seien sechs Prozesse hängig. (hal)

Sie haben lange dafür gekämpft, einen Werbespot für den Verein gegen Tierfabriken ausstrahlen zu dürfen. Jetzt hat Ihnen der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Recht geben. Wie gross ist die Genugtuung?
Wir kämpften 15 Jahre lang für diesen Spot. Genugtuung empfinde ich nicht, denn mir war klar, dass wir Recht bekommen werden. Im Gegensatz zu den Schweizer Gerichten inklusive des Bundesgerichts entscheidet der Menschenrechtsgerichtshof nicht formaljuristisch. Ihm geht es um die Durchsetzung des Rechts.

Sie ziehen jetzt einen weiteren Fall vor das Europäische Gericht. Warum sind Ihnen diese Urteilssprüche so wichtig?
Der Spot war sekundär, wir haben zurzeit gar nicht das Geld, um ihn zu senden. Uns geht es um die Grundrechte. Dazu kommt, dass unsere Klagen zuerst alle abgeschmettert werden, und gegen diese Justizwillkür wehren wir uns. Ich führte über 50 Beschwerden in Strassburg. Der Gerichtshof greift nur 3 Prozent aller Fälle auf, von uns wurden aber bereits drei behandelt.

Man wirft Ihnen Prozesswut vor.
Das mag so aussehen. Aber mir bleibt nichts anderes übrig. Wenn ich im Recht nicht so bewandert wäre, könnte sich der Verein gegen Tierfabriken nicht so effizient für Tiere und gegen falsche Urteile einsetzen. In einer frühen Phase ging der Verein wegen der Anwaltskosten fast Konkurs.

Lenken die vielen Prozesse nicht von der eigentlichen Tierschutzarbeit ab?
Ich habe nur wenige Möglichkeiten, direkt auf die Tierhaltung Einfluss zu nehmen. Leider fehlt den Tierschutzverbänden ein Klagerecht, um gegen die unsäglichen Tierfabriken vorzugehen. Ich selber kann nur auf Missstände hinweisen. Die Gerichtsfälle verhelfen allerdings auch dem Tierschutz zu Publizität. Wir können zeigen, dass Behörden und Gerichte alles tun, um unsere Kritik zu unterdrücken.

Das ist ein happiger Vorwurf im Rechtsstaat Schweiz.
Mit diesem Rechtsstaat geht man in der Schweiz sehr locker um, nicht nur in meinem Fall. Vor allem die unteren Gerichte kleben buchhalterisch am Buchstaben des Gesetzes. Für eine umfassende Rechtsauslegung bräuchten Richter aber eine umfassendere Perspektive, vor allem auch bezüglich der Grundrechte und Menschenrechtsgarantien.

Sie kritisieren Tierhalter schonungslos offen. Keine Angst vor Klagen?
Die Gerichtsfälle dienen mir auch als Eigenschutz. Da jeder weiss, dass ich bis vors Bundesgericht gehe, überlegt sich ein Mäster, ob er prozessieren will. Für mich ist klar, dass ich solche Tierhalter an den Pranger stelle und ihre Ställe zeige, weil es im öffentlichen Interesse liegt. Dabei nenne ich Namen, Orte und Daten, um die Kritik überprüfbar zu machen. Dennoch gibt es fast nie Klagen gegen mich.

Für viele gelten sie aber als Extremist.
Das bin ich gar nicht. Man hängt mir dieses Etikett an, kann es aber nicht belegen. Meine Forderungen sind nicht extrem, meine Methoden höchstens unüblich. Andernfalls würde ich aber gar nicht wahrgenommen. Extrem sind doch die Missstände in der Tierhaltung.

Da müssten Sie sich doch auch politisch engagieren?
Ich wäre auch dort eine kleine Minderheit. In einzelnen Fragen arbeite ich mit Politikern zusammen, aber die Berührungsängste gegenüber mir sind gross. Man will mich isolieren, das ist eine altbekannte politische Strategie. Mit Christoph Blocher wurde das Gleiche angestellt, um ihn zu bodigen.

Aber reagiert man nicht so hart auf Sie, weil Sie selber so hart austeilen?
Man darf mich heftig kritisieren, das liebe ich sogar. Ich nehme gerne zu kritischen Fragen Stellung. Da aber die Argumente gegen mich fehlen, werde ich einfach totgeschwiegen oder mit dem Etikett Extremist oder Antisemit abgestempelt. Gegen Beschimpfungen wehre ich mich in der Regel nicht. Aber auf Verleumdungen, das heisst Unwahrheiten über mich und den VgT, reagiere ich mit Klagen.

Ist dieses Kämpferisch-Radikale Ihr Naturell, oder wurden Sie in den 20 Jahren VgT schlicht radikalisiert?
Ich bin eigentlich ein wissenschaftlicher Typ und habe es nicht gern, wenn man über mich spricht. Ich stellte mir den Kampf für artgerechte Tierhaltung viel einfacher vor, musste aber vor 20 Jahren feststellen, wie sehr die Politik fehlbare Tierhalter schützt. Ich wurde zuerst desillusioniert, aber sicher auch radikal in meinen Positionen. Aber nie so stark, dass ich Amok lief, auch wenn ich solche Gedanken hatte. Ich führe einen gewaltfreien Kampf. Dass wir in Tierfabriken fotografieren, ist im öffentlichen Interesse gerechtfertigt. Wir stehlen nichts und machen nichts kaputt.

Sie werden stark angefeindet. Hat man nicht irgendwann genug?
Diese Frage stellte sich immer wieder. Aber die Macht der Gerichte und die Ungerechtigkeiten insbesondere gegenüber den Tieren belasten mich nach wie vor stark und halten mich davon ab, einfach zu resignieren.

Ein grosser Fehler war aber Ihre Kampagne gegen das Schächten. Sie wurden wegen Antisemitismus verurteilt.
Ich habe mich über Juden nur im Zusammenhang mit dem Schächten geäussert, und zu nichts anderem. Das ist doch nicht typisch für einen Antisemiten. Gegen das Schächten kämpfe ich aber deutlich an, insbesondere gegen die Behauptung, Tiere würden bei dieser Art des Tötens nichts merken. Die Massenverbrechen der Nazis an den Juden habe ich nie infrage gestellt, ging allerdings auf gewisse Methoden der Unterdrückung der Meinungsäusserungsfreiheit ein.

Anderes wird ausführlich beschrieben, so viele Verstösse gegen den Tierschutz. Waren Sie wirklich erfolgreich?
Es gibt Fortschritte im Tierschutz, gerade bei den Vorschriften. Sie werden aber durch die Globalisierung wieder infrage gestellt. Wir sind auf dem Weg zum Bioland Schweiz, aber die grosse Masse an Fleisch wird aus südlichen Ländern ohne Tierschutz importiert. Aber auch in der Schweiz sind wir noch lange nicht so weit, wie wir es sein sollten. Die Lage von Kaninchen, Schweinen und Hühnern ist nach wie vor katastrophal. Auch der Vollzug der Tierschutzvorschriften muss besser werden.

Auch im Thurgau?
Ich muss anerkennen, dass der Thurgau beim Tierschutzvollzug nicht zu den allerschlechtesten Kantonen gehört. Vielleicht auch, weil der VgT hier seit 20 Jahren aktiv ist (lächelt).

Was müsste bei den Bauern passieren?
Es läuft alles nur über das Geld. Die Bauern wollen Subventionen. Bund und Kantone müssten die Gelder aber besser lenken und die Tierhaltung stärker kontrollieren. Es gibt immer wieder Bauern, die Subventionen beziehen, die Tiere aber nicht nach Biovorschriften halten. Gewisse Erfolge haben wir erzielt, aber noch immer zu wenige. Und für mich ist der Gedanke unerträglich, dass sich niemand mehr gegen das Unrecht gegenüber Tieren wehren würde. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.07.2009, 15:59 Uhr

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14 Kommentare

Alois Brandenberg

16.07.2009, 18:56 Uhr
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Herr Robert Harper, Ihre Meinung ist provokativ ! Herr Kessler gebe ich recht, aber Sie stellen sich gleich hinter Herr Blocher, der ja mit seinem Geld auch etwas fuer den Tierschutz tun koennte. Tierschutz ist in meinen Augen enorm wichtig. Andernfall muesste den Haltern die Tiere weggenommen werden. Antworten


Wöllner Andy

16.07.2009, 16:11 Uhr
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Erwin Kessler möchte sich in der Opferrolle vermarkten. Das darf er. Sein Fehler liegt allerdings in der Tatsache, dass er sich noch der gleichen Gesinnung und Mittel von vor 20 Jahren bedient . Er ignoriert konsequent die immensen Verbesserungen, welche realisiert wurden. So wird er dem Rechtsstaat zunehmend fremder und muss in Strassburg Zuflucht suchen. Gut so - Tierfabriken sind in der EU! Antworten



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