Studie der BKW weckt Zweifel an Sicherheit des eigenen AKW

Bei einem schweren Erdbeben müsse damit gerechnet werden, dass der Wohlenseedamm breche und eine Katastrophe im nahen AKW Mühleberg auslöse, sagen AKW-Gegner – und berufen sich auf eine BKW-Studie.

Schwächste Stelle des Wohlenseedamms oberhalb des AKW Mühlebergs: Das Maschinenhaus des Wasserkraftwerks.

Schwächste Stelle des Wohlenseedamms oberhalb des AKW Mühlebergs: Das Maschinenhaus des Wasserkraftwerks. Bild: Adrian Moser

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Japan ist Erdbeben und Tsunamis gewohnt. Aber mit dem Tohuku-Erdbeben vom 11. März, das die Reaktorkatastrophe von Fukushima auslöste, hatten AKW-Betreiber und Atomaufsicht nicht gerechnet. Ein so starkes Beben – 9 auf der Richterskala – hatte man in Japan zuvor nie gemessen. Die AKW waren dafür nicht ausgelegt. Aber auch das historische Beben von Jogan im Jahr 869 – sehr stark, aber schwächer als Tohoku – hatte man nicht berücksichtigt. Die Lehre wäre bekannt: Was früher einmal geschehen ist, kann schon morgen wieder passieren – oder auch etwas Schlimmeres. Deshalb ist es gesetzliche Vorschrift, dass AKW Erdbeben überstehen müssen, wie sie in 10'000 Jahren einmal vorkommen.

Anders als Japan gilt die Schweiz nicht als Erdbebengebiet. Doch auch hier wurde die Gefahr, die von Erdbeben für AKW ausgeht, massiv unterschätzt. Dies zeigte 2004 die so genannte Pegasos-Studie der Nagra. Die Erdbeben, mit denen in der Schweiz gerechnet werden muss, sind zwar deutlich schwächer als in Japan – aber die hiesigen AKW sind gegen Beben auch viel schwächer gewappnet. Und: Auch Tsunami-ähnliche Flutwellen sind hierzulande möglich, falls bei einem schweren Erdbeben Wasserkraftdämme oberhalb von AKW brechen. Dies gilt insbesondere für Mühleberg, weil es nur gerade 1,2 Kilometer unterhalb des Wohlenseedamms liegt.

Brisante BKW-Studie präsentiert

In diesem Zusammenhang steht die Studie der Mühleberg-Betreiberin BKW, die gestern publiziert wurde – nicht von der BKW allerdings, sondern von der Organisation Fokus Anti-Atom. Es handelt sich um den Beitrag eines von der BKW beauftragten Forscherteams zu einer Staudammkonferenz in San Diego (USA). Sie fand einen Monat nach Beginn der Katastrophe von Fukushima statt.

Der Bericht enthält Berechnungen zum Wohlensee-Staudamm, welche bisher nicht bekannt waren. So stellte die BKW bereits 2005 fest, dass der Damm nur einer Erdbebenbeschleunigung von 0,24 g (diese wird als Faktor der Erdbeschleunigung g angegeben) standhielte. Laut Pegasos beträgt das zehntausendjährliche Erdbeben am Standort Mühleberg aber 0,387 g. Der Damm würde bei einem solchen Extremerdbeben also brechen, die Flutwelle sich hinunter zum AKW ergiessen.

Anstatt nun den Wohlensee-Staudamm zu verstärken, liess die BKW die Ergebnisse nachrechnen. Die von der BKW beauftragten Forscher schreiben, weshalb: «Jede Änderung am Damm könnte sehr kostspielig sein.» Solange der Staudamm in der Nähe so viel zum Erdbebenrisiko des AKW Mühleberg beitrage, sei das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Verbesserungen des Erdbebenschutzes ungünstig.

Resultate danach besser . . .

Ab 2007 berechnete das Forscherteam die Standfestigkeit des Damms neu. Sie konzentrierten sich dabei auf den schwächsten Punkt: das Maschinenhaus, welches in den Damm integriert ist. Resultat: Das Maschinenhaus halte einem sehr viel stärkeren Beben von 0,85 g stand. Damit läge es deutlich über dem Extremerdbeben, mit dem nach Pegasos gerechnet werden muss. Dies sei allerdings nur ein Mittelwert, betont Fokus Anti-Atom. «Genau gesagt heisst dies, dass zu 50 Prozent zu erwarten ist, dass der Staudamm bei 0,85 g zerstört wird. Nur zu 50 Prozent hält er diesen Erdbebenkräften stand.» Die Chancen stünden also fünfzig zu fünfzig – was nicht sehr beruhigend ist.

. . . aber nicht gut genug

Ob ein Damm wirklich standhielte, wird man erst wissen, wenn sich ein schweres Erdbeben ereignet hat – also vielleicht zu spät. Um sicher zu sein, dass ein Damm in der Nähe eines AKW auch wirklich halten würde, wendet die US-Atomaufsicht NRC deshalb ein viel strengeres Kriterium an: Ein Damm darf nur mit ein Prozent Wahrscheinlichkeit brechen. Dieser Wert wird nach der Abkürzung für den englischen Ausdruck HCLPF genannt und ist auch ein Standard der internationalen Atomenergieorganisation IAEA.

Auch die von der BKW beauftragten Forscher kennen diesen Standard. Sie erwähnen ihn aber erst ganz am Schluss ihrer Studie: Der HCLPF beträgt für den Wohlenseedamm 0,30 g – also deutlich weniger als das Beben nach Pegasos von 0,387 g. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Damm bei einem schweren Erdbeben bricht, betrage damit 1 zu 15 oder 6,7 Prozent, schreibt Fokus Anti-Atom. Nach anerkannten nuklearen Sicherheitsstandards habe man davon auszugehen, dass der Damm breche.

BKW und Ensi: Prüfung läuft

Die BKW und das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) wollten die Resultate der Studie auf Anfrage nicht kommentieren. Beide verwiesen auf die laufenden Überprüfungen, die das Ensi nach Fukushima angeordnet hat: Bis zum 31. März 2012 müssen die AKW-Betreiber nachweisen, dass ihre Werke die Kombination von Erdbeben und Hochwasser überstehen würden. «Im Zentrum steht der Nachweis, den wir am 31. März erbringen werden», sagt auf Anfrage BKW-Sprecher Antonio Sommavilla, «die Erkenntnisse der Studie werden dabei einfliessen.»

Das Ensi verweist auf Anfrage darauf, dass es die fragwürdige Erdbebensicherheit des Staudamms in einer Stellungnahmen von 2007 zu Sicherheitsberichten von Mühleberg angesprochen und Forderungen gestellt habe. Die Resultate der BKW-Studie habe man nicht publiziert, weil diese beim Ensi noch in Prüfung sei. Ob Mühleberg abgeschaltet werden müsse, weil ein «Ausserbetriebnahmekriterium erfüllt ist», werde die laufende Überprüfung nach Fukushima zeigen.

Dieses Vorgehen des Ensi kritisiert Fokus Anti-Atom scharf. Die erste Frage der laufenden Erdbeben-Überprüfung habe die BKW-Studie bereits vor einem halben Jahr beantwortet: dass der Staudamm nicht standhalten würde. «Es ist unerklärlich, weshalb das Ensi noch einmal Staumauerbrüche nachrechnen lässt, wenn die Ergebnisse schon seit Monaten vorliegen», schreiben die AKW-Gegner. «Offensichtlich will das Ensi der BKW zeitlichen Spielraum verschaffen.» Die Organisation behalte sich rechtliche Schritte gegen das Ensi vor. (Der Bund)

Erstellt: 12.11.2011, 16:36 Uhr

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