Schweiz
«Steigen die Preise weiter, werden viele wieder Staus in Kauf nehmen»
Aktualisiert am 29.03.2012 84 Kommentare
Bezüglich Sauberkeit in Zügen müssten sich Kunden selber an der Nase nehmen: Pro-Bahn-Chef Kurt Schreiber.
«Wir freuen uns, dass mehr Leute mit uns gereist sind»: SBB-Chef Andreas Meyer. (Video: Keystone )
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Herr Schreiber, die SBB haben 2011 so viele Passagiere wie noch nie befördert. Auch das Konzernergebnis ist deutlich höher als im Vorjahr. Trotzdem werden die Tarife im Dezember teilweise happig steigen. Warum können die SBB den Erfolg nicht an die Kunden weitergeben?
Die Ausgaben der SBB setzen sich aus zwei Elementen zusammen. Zum einen ist das die reine Betriebsrechnung der SBB: Dort muss sie Gewinn erwirtschaften. Zum anderen muss sie aber beispielsweise auch für die Trassenbenutzung oder für die Schienenerstellung bezahlen. Daher muss jedes Jahr ein Defizit gedeckt werden. Dafür steuert der Bund Subventionen bei. Der Steuerzahler ist aber nicht bereit, Defizite in beliebiger Höhe zu berappen. Darum muss der Gewinn der SBB im Gesamtrahmen gesehen werden. Der Bund leistet Milliardenbeiträge – diese müssen reduziert werden, wo immer es möglich ist.
Der Bahnkunde soll den gemeinen Steuerzahler entlasten.
Ja. Die SBB sind ein eigenwirtschaftliches Unternehmen: Sie gehören dem Bund; er kommt daher für die Infrastruktur auf. Die SBB finanzieren aber den Betrieb selbst.
Die Passagierzahlen haben sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich erhöht. Welche Gründe hat das veränderte Mobilitätsverhalten der Bevölkerung?
Das Zugsangebot wurde in den letzten zehn Jahren stark verbessert. Daher sind viele Kunden vom Auto auf den Zug umgestiegen. Dazu kommt, dass der Verkehr auf den Strassen deutlich zugenommen hat. Ich denke beispielsweise an die allmorgendlichen Staus rund um Zürich. Der Zug ist in dieser Situation das kleinere Übel, weil man vorwärtskommt. Viele Passagiere denken wohl auch an die Umwelt, der sie auf diese Weise weniger schaden als mit dem Auto. Und nicht zuletzt waren die Preise bisher akzeptabel für die Kunden. Ich befürchte aber angesichts des geplanten kontinuierlichen Preisanstiegs, dass viele Kunden Staus im Strassenverkehr zunehmend in Kauf nehmen werden. Dann wären alle Verlierer: die verbleibenden Zuggäste, der Bund und die Natur.
Mehr Fahrgäste sind zwar erfreulich für die SBB, für die Pendler dürfte der Platz in den Zügen dagegen immer knapper werden. Welche Lösungen sehen Sie für dieses Problem?
Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Ein Lösungsansatz wäre es, wenn die Pendler versuchen würden, flexible Arbeitszeiten auszunutzen und nicht zu den Stosszeiten ins Büro zu fahren. Zudem wird es in den nächsten Jahren einige Verbesserungen geben: Im Grossraum Zürich etwa wird die S 12 nach Winterthur neue Züge erhalten. Und sie wird neu im Viertelstundentakt fahren. Derartige Mehrkosten könnten jedoch wiederum Auswirkungen auf die Ticketpreise haben. Den Pendlern rate ich übrigens, hinten im Zug einzusteigen. Dort ist die Chance gross, einen Sitzplatz zu finden. Ausserdem sollten Fahrgäste, die mit einer Tasche einen Sitz besetzen, freundlich darauf hingewiesen werden.
Wäre die Verlängerung der Züge eine denkbare Lösung?
Zum Teil werden zwar Ausbauten bei einzelnen Perronanlagen gemacht, damit dort längere Züge verkehren können. Grundsätzlich sind den Zugskompositionen jedoch durch die Perronlängen Grenzen gesetzt. Die Passagiere können ja nicht von den Zügen auf die Perrons hüpfen.
Trotz der begrenzten Perronlängen werden künftig wieder vermehrt einstöckige Züge zum Einsatz kommen. Ein Widerspruch?
Meine Begeisterung für diese Massnahme hält sich in Grenzen. Geplant ist, dafür deutlich weniger Sitzplätze anzubieten und entsprechend mehr Raum für Stehplätze zu schaffen. Ich wünsche mir, dass diese Lösung nicht zur Anwendung kommt, denn sie ist nicht kundenfreundlich. Pendler, die sich umweltfreundlich bewegen, sollten auch sitzen können. Vielmehr sollte in Zukunft darauf gesetzt werden, die Linien zu verdichten und bauliche Massnahmen zu ergreifen.
Sie haben es angesprochen: Der Stehplatzanteil soll erhöht werden. Im Vergleich zu anderen Ländern sind die berechneten Passagierzahlen pro Quadratmeter in der Schweiz verhältnismässig grosszügig. Günstige Tickets und gleichzeitig viel Platz: Wollen die Schweizer Kunden zu viel?
Nein. Kunden, die mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs sind, nehmen mit den Wartezeiten, den Fusswegen und dem Umsteigen bereits einiges auf sich. Das muss auch honoriert werden. Daher sollte die Passagierdichte nicht erhöht werden. Jeder Fahrgast sollte einen Sitzplatz haben.
In anderen Grossstädten sind enge Platzverhältnisse in den Zügen allerdings üblich und werden von den Passagieren akzeptiert. Müsste in der Schweiz ein Umdenken stattfinden?
Meine Bereitschaft für ein Umdenken in dieser Hinsicht ist begrenzt. Wenn es tatsächlich keine anderen Lösungen mehr geben sollte, dann müssen wir das akzeptieren. Solange sich aber andere Möglichkeiten abzeichnen, sollte die Qualität, die wir in der Schweiz haben, aufrechterhalten werden.
Bemängelt wird von den Passagieren zunehmend auch die Sauberkeit in den Zügen und an den Bahnhöfen. Bezahlen die Kunden immer mehr für immer weniger Leistung?
Gewisse Kunden müssen sich an der eigenen Nase nehmen. Oft wird Abfall liegen gelassen. Die Züge werden regelmässig gereinigt. Nacht-S-Bahnen werden beispielsweise am nächsten Tag nicht im frühen Morgenverkehr eingesetzt, sondern zuerst im Depot geputzt. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.03.2012, 15:45 Uhr
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84 Kommentare
habt ihrs noch immer nicht begriffen? in der schweiz haben nun mal nicht unbegrenzt menschen platz. das mit der eisenbahn ist erst der anfang. wir werden schlange stehen müssen beim einkaufen, beim gang zur post und bank, auf behörden und ämter etc. als wesentlicher nebeneffekt kommt noch die umweltbelastung dazu, aber zugunsten der zuwanderung verzichten sogar die grünen auf umeltschutz?! Antworten
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