Schweiz

Sommarugas Ziehtochter strebt ihre nächste Wandlung an

Von Verena Vonarburg, Bern. Aktualisiert am 16.01.2011 44 Kommentare

Früher war Ursula Wyss der Ständerat zu ruhig. Am 13. Februar will sie den Berner SP-Sitz verteidigen. Die Wahl ist hart umkämpft und hat nationale Signalwirkung.

Die Macht hat Suchtpotenzial: Die SP-Politikerin Ursula Wyss.

Die Macht hat Suchtpotenzial: Die SP-Politikerin Ursula Wyss.
Bild: Keystone

«Keine Ahnung!», sagt sie und nippt an ihrem Latte macchiato. Ursula Wyss, SP-Fraktionschefin, Berner Ständeratskandidatin, Doktorin der Ökonomie, jugendliches Gesicht, markante Augenbrauen, Mähne, warme Stimme, überlegt. Wir wollen von ihr wissen, worüber sie am wenigsten gern rede. «Wirklich keine Ahnung. Ich habe es mir angewöhnt, über alles reden zu können.»

Politiker werden darauf konditioniert, immer mit einer Meinung aufzuwarten, scheinbar einfache Lösungen zu präsentieren. Hat das nicht etwas Frustrierendes, Frau Wyss? Die einfachen Rezepte, räumt sie erstaunlich offen ein, genügten, um auf einem Politpodium bestehen zu können. «Gleichzeitig weiss man: Das reicht noch nicht wirklich.» Im Gesundheitswesen etwa. «Ich sehe die Probleme, könnte aber nicht die perfekten Lösungen präsentieren. Das macht es extrem schwierig.» Von Frust will Wyss nicht sprechen, lieber von Ansporn. Ans Aufhören habe sie in der Politik noch nie ernsthaft gedacht. Täte sie es, hätte sie «ganz sicher» Entzugserscheinungen. Bei den grossen gesellschaftlich relevanten Themen politisch mitzugestalten; man könnte auch sagen: die Teilhabe an der Macht, «das hat wohl ein gewisses Suchtpotenzial».

Kampf dreier Politgrössen

Seit 1999 sitzt die bald 38-jährige Ursula Wyss im Nationalrat. Nur Toni Brunner war bei der Wahl jünger als sie. 2006 erkor die SP-Fraktion sie zu ihrer Chefin. Nun will sie für Simonetta Sommaruga in den Ständerat einziehen. Sie weiss: Zum ersten Mal in ihrer rasanten Politikerinnenkarriere könnte ein Wahlkampf misslingen. Wyss wird es nicht einfach haben gegen den SVP-Mann Adrian Amstutz und gegen die linksfreisinnige Christa Markwalder, beide ebenfalls national bekannt. Die Berner Ständeratswahl vom 13. Februar wird ein Kampf dreier Politgrössen, eine Wahl mit Signalwirkung auch im Hinblick auf die eidgenössischen Wahlen vom Herbst.

Im Bundeshaus gereift

Wyss wird im Wahlkampf von Sommaruga offensiv unterstützt. Die SP-Bundesrätin und der frühere Preisüberwacher und Sommaruga-Weggefährte Rudolf Strahm haben sie politisch geprägt. Während der elf Jahre im Nationalrat hat Wyss eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht: Gestartet als Wuschelkopf, der sich bei Debatten rasch einmal in einen hochtönigen Anklagesound steigerte, ist sie inzwischen zu einer pragmatischen und im Bundeshaus gut vernetzten Politikerpersönlichkeit gereift.

Überall, auch bei der SVP, lobt man Wyss für ihre Fähigkeit zur Kooperation. Natürlich seien sie Kontrahenten, sagt SVP-Fraktionschef Caspar Baader. Im Prinzip könne man mit ihr aber gut zusammenarbeiten. «Es ist auch möglich, mit ihr Fragen zu diskutieren, ohne dass man das Resultat am nächsten Tag in der Zeitung liest», sagt Urs Schwaller, Fraktionschef der CVP. Wyss habe sich, seit sie Fraktionschefin sei, stark verändert und sei heute konzilianter. «Früher war sie ideologischer und viel härter in den Formulierungen.»

Auch FDP-Ständerat Felix Gutzwiller, ehemaliger Fraktionschef der freisinnigen Fraktion, attestiert der Sozialdemokratin, sie habe «zweifellos an Statur gewonnen». Sie sei eine «überzeugende Politikerin», und er schätze sie als Brückenbauerin. Das Vermittelnde sei ihre Stärke, nicht der sachpolitische Impuls. «Sie ist nicht zu einer der grossen Dominatorinnen und politischen Taktgeberinnen geworden.»

Fast bei den Grünen gelandet

Die SVP hat ihr ihre Rolle bei der Abwahl Christoph Blochers bis heute nicht verziehen. Bedauert hat Wyss die Wirkung ihrer Worte in einem TV-Dokfilm, als sie sich lächelnd als Komplott-Mitinitiantin inszenieren liess. Die Vertreibung des SVP-Tribunen aus der Regierung – das war zweifellos der meistbeachtete Erfolg der SP-Fraktion in der Ära Wyss. Der Wichtigste sei es nicht, gibt sie sich alle Mühe zu betonen. Sachpolitische Erfolge, etwa in der Umweltpolitik, gewichte sie höher.

Wyss könnte auch eine Grüne sein. Sie ist als Nesthäkchen in einem bodenständig-gewerblichen Haus aufgewachsen, wo man zwar unpolitisch, im Zweifelsfall aber auf Berner-SVP-Linie war. Aber als Teenager auf der Suche nach politischer Heimat schaute sie zunächst beim Grünen Bündnis vorbei. Dieses hatte allerdings keine Jugendabteilung. «Da waren nur mittelalterliche Frauen.» Und so ging Wyss zu den Juso.

Nicht die Mitte vergraulen

Dass die Jungsozialisten radikale Positionen vertreten, hält sie noch heute für legitim. Dass die Juso die SP-Delegierten unlängst aber dazu brachten, Parolen wie die Überwindung des Kapitalismus im Parteiprogramm zu belassen, ärgert sie noch immer. Sie sei auch nicht für die Abschaffung der Armee. Ursula Wyss weiss: Will sie eine Chance haben im Berner Ständeratswahlkampf, darf sie auf keinen Fall mit klassenkämpferischen Parolen anecken und die Mitte vergraulen.

In der ziemlich homogenen SP-Fraktion politisiert Wyss in der Mitte. Sie stimmt klar links ab, im Ton tritt sie gemässigter auf. Dass der Erfolg im Kompromiss liege, das habe sie als Fraktionspräsidentin zu schätzen gelernt. Sie sei gelassener geworden. «Ich bin vom Eifrigen und Eifernden weggekommen.» Früher, da habe sie sich furchtbar aufregen können. Früher habe sie auch mit der Langsamkeit der politischen Mechanik gehadert. Heute schätze sie das Positive mehr. «Weil so auch nicht wahnsinnig viel schiefgehen kann.»

Gute Gründe, woanders zu leben

Nun möchte sie vom lärmigen Nationalrat in den Ständerat wechseln. Das sei typisch für ihre Entwicklung, so sieht es Wyss. «Früher hätte ich mir einen Ständeratssitz definitiv nicht vorstellen können. Es wäre mir dort zu ruhig gewesen.» Das hänge auch mit der kleinen Kammer zusammen, die sich verändert habe – weg von der Kammer des Konservatismus hin zum Ort, wo man ernsthaft an einer Lösung interessiert sei.

Schafft sie es in den Ständerat, gibt sie das Fraktionspräsidium nach den Wahlen im Herbst ab. Wird sie nicht gewählt, kandidiert sie wieder für den Nationalrat. Zum vierten und letzten Mal. Noch maximal vier Jahre wolle sie im Nationalrat sein, sagt sie. Und danach in eine Regierung? «Ja, das könnte ich mir grundsätzlich vorstellen.»

Und wenn dann einmal ganz fertig ist mit Politik, dann sieht sie sich am ehesten in der Politikberatung. Wäre sie nicht Politikerin geworden, sagt sie, «würde ich wohl nicht mehr in der Schweiz wohnen». Es sei ihr wohl hier, es gebe aber auch gute Gründe, woanders in Europa zu leben. Nicht zuletzt klimatische.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2011, 19:44 Uhr

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44 Kommentare

Severin Toberer

17.01.2011, 11:46 Uhr
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Ursula Wyss hat Politikerfahrung und eine klaren Linie, die sie so vermitteln kann, dass sie damit Mehrheiten schaffen kann. Die -- falschen -- persönlichen Anfeindungen lenken von der Frage ab: Will Bern jemanden im Stöckli, die/der die Sonderinteressen von ein paar Wenigen vertritt (Amstutz, Markwalder)? Oder Ursula Wyss, die eine Politik macht mit Blick auf die ganze Bevölkerung? Antworten


Alois Leimgruber

15.01.2011, 08:44 Uhr
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Für die schweiz. Poilitik ist diese Frau eine Katastrophe.Ich hoffe das der Amstutz gewählt wird ! Antworten



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