Schweiz

Solarstrom ist nicht mehr exotisch

Von Martin Läubli. Aktualisiert am 04.05.2011 60 Kommentare

Die Fotovoltaik-Produktion in der Schweiz wächst schnell – allerdings noch auf tiefem Niveau. Experten widersprechen sich hinsichtlich des Potenzials für die nächsten Jahre.

Bild: TA-Grafik ib /Quelle: Bundesamt für Energie (BFE)

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Sie funkeln immer öfter im Sonnenlicht auf Haus- und Scheunendächern. Beim Bau neuer Fussballstadien gehören sie schon bald zum Standard. Die Stromproduktion aus Solarzellen boomt. Allerdings auf tiefem Niveau. Der Anteil an Solarstrom betrug 2010 etwa 0,1 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in der Schweiz. Trotzdem ist Swissolar, der Schweizerische Fachverband für Sonnenenergie, optimistisch: Bis 2025 sei ein Anteil der Fotovoltaik von 20 Prozent des heutigen Stromverbrauchs realisierbar. Das entspricht 12'000 Gigawattstunden Strom (12 Terawattstunden) pro Jahr, der Hälfte der Stromproduktion durch die fünf Atomkraftwerke. Letztes Jahr flossen rund 90 Gigawattstunden aus Solaranlagen.

Was es braucht, um diesen ehrgeizigen Plan zu verwirklichen, ist nur schwer vorstellbar für Schweizer Verhältnisse: Pro Jahr müssen durchschnittlich 6 Quadratkilometer Dächer und Fassaden, die besonders gut im Sonnenlicht stehen, mit den heute effizientesten Solarmodulen bestückt werden. Etwa die Hälfte davon auf Neubauten, erklärte Swissolar-Geschäftsleiter David Stickelberger gestern an der Medienkonferenz der Schweizerischen Agentur für Erneuerbare Energie und Energieeffizienz AEE. Der Fachverband geht davon aus, dass die Gebäudefläche jährlich um 3 Quadratkilometer wächst.

Verbesserungen aus China

Dass dies technisch machbar ist, darüber ist man sich in Fachkreisen einig. Die Fotovoltaik hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht. Die verbreitetsten kristallinen Siliziumzellen auf dem Markt setzen heute 12 bis 19 Prozent der Sonnenenergie in Strom um. Glaubt man den Zielen Chinas, dem weltweit grössten Produzenten von Solarzellen, so wird in den nächsten neun Jahren die Effizienz auf bis zu 22 Prozent gesteigert. Und die durchschnittliche Dicke der Siliziumschichten der einzelnen Zellen wird nochmals um die Hälfte reduziert, was Rohstoff und Energie spart und den Produktionspreis weiter senkt.

Doch lässt sich so viel Solarfläche in der Schweiz bis 2025 auch bauen? David Stickelberger ist zuversichtlich und nimmt Deutschland als Vorbild: «In Bayern kommen bereits heute etwa 6 Prozent des Stroms aus Solaranlagen – nach zehn Jahren ernsthafter Förderung.» Auf die Schweiz umgerechnet seien das 3 Terawattstunden, also etwa ein Viertel des angestrebten Zieles bis 2025. Auch für Urs Wolfer vom Bundesamt für Energie sind die Ziele des Fachverbandes keine Utopie: «Die Ziele sind ambitiös, aber technisch machbar.» Dass es bei einer solch grossen Nachfrage einen Engpass an Solarmodulen geben könnte, glaubt Wolfer nicht. «Die Nachfrage in der Schweiz wäre im weltweiten Vergleich verschwindend klein.» Vielmehr müsse die Schweiz verstärkt in die Ausbildung von Fachleuten investieren, sagt der Solarexperte beim Bundesamt für Energie. Dieses Problem sei allerdings schnell gelöst. «Elektrobetriebe brauchen eine kleine Zusatzausbildung, um künftig Solaranlagen zu bauen.» Für David Stickelberger von Swissolar könnten künftig beispielsweise Dachdecker zu Fotovoltaikfachleuten weitergebildet werden.

Kostenrechnung umstritten

Doch nicht in allen Fachkreisen ist man derart optimistisch. Die Expertenorganisation Trialog, die aus Fachleuten der Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Umweltverbänden zusammengesetzt ist, sieht die Fotovoltaikzukunft in ihrem Bericht von 2009 zurückhaltender: Bis zum Jahr 2035 werde jährlich lediglich 1,5 Terawattstunden Solarstrom fliessen, also ein Achtel der Menge, die Swissolar für 2025 für möglich hält. Grund: die Kosten. Der Preis für Solarstrom werde bis 2035 voraussichtlich nur auf 20 bis 40 Rappen pro Kilowattstunde sinken.

Für den Energieexperten Stefan Hirschberg vom Paul-Scherrer-Institut (PSI) macht zwar die Massenproduktion Solarzellen zweifellos drastisch billiger, doch liessen sich die Kosten für das Gesamtsystem nur grob schätzen – also der Aufwand für die Elektronik, die es für den Solarstrom braucht, für die Montage und für das Stromverteilungsnetz. Der PSI-Physiker glaubt nicht, dass Strom aus Fotovoltaikanlagen in den nächsten Jahren zu markttauglichen Preisen angeboten werden kann. Für die Schweiz hiesse das etwa 20 Rappen pro Kilowattstunde.Laut Swissolar sind die Kosten in den vergangenen zwei Jahren in der Schweiz um jeweils 18 Prozent gesunken.

Grösstes Potenzial in Fotovoltaik

Der Fachverband nimmt Bezug auf Berechnungen der internationalen Energieagentur IEA, die die Produktionskosten für Solarstrom in unseren Breiten 2030 bei etwa 14 Rappen pro Kilowattstunde ansetzt. Für Urs Wolfer vom Bundesamt für Energie ist das durchaus realistisch: «Die globale Fotovoltaikbranche ist eine der wenigen Branchen, die es geschafft haben, das Produktionsvolumen stärker zu steigern und die Preise deutlicher zu senken als jeweils angekündigt. Fotovoltaik ist keine Exotenenergie mehr, sie ist heute eine ernsthafte Alternative.» Mithilfe der Kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) durch den Bund werden neue erneuerbare Energien gefördert. Die staatliche Subvention soll den Strom aus Kleinwasserkraftwerken sowie Solar-, Wind-, Biomasse- und geothermischen Anlagen markttauglich machen.

Bisher standen rund 265 Millionen Franken dafür zur Verfügung. Ab 2013 sollen es 500 Millionen sein. Experten gestehen der Fotovoltaik grundsätzlich das grösste Potenzial zu. Der Windenergie sagt das Expertengremium Trialog allerdings etwa eine ähnliche Entwicklung wie der Fotovoltaik voraus, eine Stromproduktion von 1,5 Terawattstunden bis 2035. Für die Verstromung von Holz und landwirtschaftlichen Abfällen sieht es ein Potenzial von 5 Terawattstunden voraus – allerdings ohne weitere Entwicklung. Ähnliches gilt für die Kleinwasserkraft. Die geothermische Stromproduktion aus dem Erdreich hingegen wird laut Trialog mittelfristig noch kein Thema sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2011, 22:25 Uhr

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60 Kommentare

Regula Baumgartner

04.05.2011, 08:33 Uhr
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Aufgrund der installierten Photovoltaik-Leistung in Bayern Ende 2010, produziert Bayern in diesem Jahr bereits >8% seines Strombedarfes mit PV. Und die Deutsche Photovoltaik Industrie schafft nicht nur Arbeitsplätze - sie bezahlt tatsächlich mehr Steuern als sie Einspeisevergütungen erhält.
Zudem sind neue AKWs erst recht teuer mit dem Unterschied, dass sie kaum Wertschöpfung in der CH schaffen.
Antworten


Orlando Tscharner

04.05.2011, 08:22 Uhr
Melden 13 Empfehlung

Ich würde vorschlagen: Nicht lange darüber sprechen, einfach machen. Ich habe in Spanien schon seit drei Jahren auf dem Dach und an einer Mauer Solarpaneelen und verkaufe den Strom an die Iberdrola. Es funktioniert, traut euch Leute! Antworten



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