So werden Senioren nicht zum Risiko im Verkehr
693 Beschwerden im letzten Jahr
693 neue Beschwerden sind 2008 bei der Ombudsstelle des Kantons Zürich eingegangen, ähnlich viele wie im Jahr zuvor. Die meisten davon wurden erledigt, 91 Fälle zogen sich ins neue Jahr hinein. Schwerpunkt des Berichtsjahrs war das Fahren im Alter. Der Entzug des Fahrausweises von älteren Personen habe ihn 2008 immer wieder beschäftigt, schreibt Ombudsmann Thomas Faesi in seinem am Mittwoch vorgestellten Bericht. Er habe sich mehrfach mit der Frage auseinandersetzen müssen, wem zu Recht der Ausweis entzogen wurde, und wer eine «zweite Chance» verdiene. Im Bericht beschrieben sind die Fälle einer 77-Jährigen, eines 85-Jährigen sowie eines 88-Jährigen. Im ersten Fall wurde der Frau die Fahrerlaubnis unter Auflagen wieder erteilt. Im zweiten Fall konnte auch der Ombudsmann die Rückgabe des Ausweises nicht verantworten. Auch im letzten Fall stützte Faesi die Auffasung der Polizeibehörden. (sda)
Erste Ergebnisse von Untersuchungen am Psychologischen Institut der Universität Zürich zeigen, dass Senioren mit Trainings in Fahrsimulatoren innerhalb von kurzer Zeit ihr Fahrverhalten verbessern können. Dies halten Lutz Jäncke, ordentlicher Professor für Neuropsychologie, und der Lehrbeauftragte Martin Keller in einem Gastbeitrag im Tätigkeitsbericht 2008 des Ombudsmanns des Kantons Zürich fest. Für die Untersuchung mussten die Teilnehmer im Alter von 65 bis 75 Jahren mehrmals am Fahrsimulator Standardstrecken befahren. Ihr Fahrzeug mussten sie im Simulator durch eine Kleinstadt und auf der Landstrasse durch mittelstarken Verkehr lenken. Neben den üblichen Verkehrssituationen mit Ampeln, Kreuzungen und Überholmanövern traten unerwartete Ereignisse auf, etwa ein Kind oder ein Reh auf der Fahrbahn, welche vom Fahrer angemessene Reaktionen erforderten.
Trainierbar und optimierbar
Die Fahrparameter - Spurgenauigkeit, Reaktionszeiten, Durchschnittsgeschwindigkeit oder die Variabilität der Geschwindigkeit - wurden aufgezeichnet und über die Trainingsdurchgänge verglichen. Die Untersuchungen ergaben laut den Autoren, dass die Senioren innerhalb eines dreitägigen Trainings ihre Spurgenauigkeit verbesserten und ihre Reaktionszeit auf unerwartete Ereignisse verminderten. Dies belege, dass Unterschiede bei den Fahrleistungen zwischen Jungen und Alten durch Training ausgeglichen werden könnten, heisst es weiter.
Dank der enormen Lernkompetenz auch von älteren Menschen sind laut den Autoren Fahrfertigkeiten im hohen Alter noch trainierbar und optimierbar. Voraussetzung ist, dass keine schwerwiegenden neurologischen, psychiatrischen oder orthopädischen Erkrankungen bestehen, oder solche, welche die Sehkraft beeinträchtigen.
Differenzierter Umgang
Die Autoren brechen in ihrem Gastbeitrag auch eine Lanze für Senioren mit Diagnose einer Demenz. Sie halten zwar fest, dass mit zunehmender Dauer der Demenz die Fahrleistungen deutlich abnehmen. Ähnlich wie in den USA dürfe aber diese Diagnose nicht zwangsläufig zum Entzug der Fahrerlaubnis führen, zumal insbesondere in frühen Stadien der Demenz nicht alle Patienten Einschränkungen der Fahrkompetenz erlitten, heiss es weiter. Gefordert sei ein differenzierter Umgang mit dementen Patienten, im Vordergrund sollte stets deren objektivierte Fahrkompetenz stehen.
In verschiedenen Bereichen veränderten sich die Leistungsfähigkeiten mit zunehmendem Alter, und diese Veränderungen könnten mit eingeschränkten Fahrkompetenzen einhergehen. Wichtig sei aber, dass mit zunehmendem Alter die Fahrkompetenz nicht zwangsläufig abnehme. Vielmehr stelle sich eine Reorganisation der psychischen Funktionen ein, die letztlich das angemessene Führen von Fahrzeugen ermöglichten.
Bestehendes Bild korrigiert
Für den Ombudsmann korrigiert der Gastbeitrag zum Schwerpunktthema «Fahren im Alter» das Bild vom älteren Menschen als generell und potenziell gefährlicher Fahrzeuglenker. Der Entzug des Fahrausweises bei Senioren hat den Ombudsmann im vergangenen Tätigkeitsjahr immer wieder beschäftigt. Er plädiert dafür, die für ältere Personen nur schwer zu widerlegende gesellschaftliche Vermutung der Fahruntauglichkeit durch eine differenziertere Betrachtungsweise abzulösen. (cpm/ap)
Erstellt: 08.07.2009, 11:22 Uhr
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