Schweiz

Schweizer Universitäten rüsten sich gegen die SVP

Aktualisiert am 07.10.2012 406 Kommentare

Nach dem Angriff der SVP auf die Hochschulen beraten die Rektoren nun Gegenmassnahmen. Einem Artikel der «Weltwoche» attestiert ein Fachverein der Uni Zürich das «Niveau einer Schülerzeitung».

Die Hochschulen möchten die Vorwürfe der Bürgerlichen nicht unkommentiert hinnehmen: Hauptgebäude der Universität Zürich. (Archivbild)

Die Hochschulen möchten die Vorwürfe der Bürgerlichen nicht unkommentiert hinnehmen: Hauptgebäude der Universität Zürich. (Archivbild)
Bild: Keystone

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Christoph Mörgeli muss gehen

Christoph Mörgeli muss gehen
An einer Pressekonferenz verkündet die Uni Zürich, dass Christoph Mörgeli seinen Posten als Konservator des Medizinhistorischen Museums verliert.

Zürcher Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen

Die Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich, Abteilung besondere Untersuchungen, hat die Ermittlungen im Fall Mörgeli aufgenommen, wie die Zeitung «Der Sonntag» berichtet. Die Journalisten von «Tages-Anzeiger» und «Der Sonntag» wurden um Auskunft gebeten, haben sich aber auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht berufen, um ihre Quellen zu schützen. Zusätzlich hat der zuständige Staatsanwalt Andrej Gnehm der Universität Zürich einen «umfangreichen Fragenkatalog» zugestellt, den die Universität bis am Montag in einer Woche beantworten muss. Gnehm machte klar, dass er bei begründetem Verdacht auch Kommunikationskanäle von Universitätsmitarbeitern überprüfen will. Gestern Samstag hatte der entlassene Medizinhistoriker und SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli in einem NZZ-Interview das Umfeld seines ehemaligen Vorgesetzten Flurin Condrau direkt beschuldigt, vertrauliche Informationen an die Medien weitergegeben zu haben, und forderte eine «unabhängige Untersuchung», für die auch Telefone, Handys und E-Mails von Universitätsmitarbeitern überprüft werden sollen.

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Die Rektoren der Schweizer Universitäten sind alarmiert über den drohenden SVP-Angriff auf die Hochschulen. Der Vorstand der Rektorenkonferenz (Crus) wird kommenden Donnerstag deshalb über geeignete Gegenmassnahmen beraten, wie Antonio Loprieno, Rektor der Universität Basel und Präsident der Rektorenkonferenz, gegenüber der Zeitung «Der Sonntag» bestätigt: «Wir beobachten den aufziehenden Diskurs mit grösster Sorge und haben das Thema traktandiert.»

Grund dafür sind Äusserungen von SVP-Nationalrat Christoph Blocher, der nach der Entlassung von Christoph Mörgeli als Konservator am Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich angekündigt hat, seine Partei wolle jetzt die Hochschulen ins Visier nehmen. Blocher sprach von «links unterwanderten Fakultäten» und von einer «absolutistischen Intoleranz der Linken», die wieder «der Lehr- und Forschungsfreiheit Platz machen» müsse.

Stellungnahme für 8. November geplant

«Solche Äusserungen sind inakzeptabel und schaden dem Ruf der Schweizer Hochschulen», sagt Loprieno. Gemäss «Sonntag»-Recherchen beraten die Vorstandsmitglieder der Universitäts-Rektorenkonferenz kommende Woche über eine Resolution, in der die politische Unabhängigkeit der Schweizer Universitäten herausgestrichen und der politische Angriff der SVP verurteilt werden soll. Beschliessen soll die Stellungnahme die Plenumsveranstaltung aller Hochschuldirektoren am 8. November in Bern.

Loprieno sagt, es sei «schwierig» für die Universitäten, «politische Angriffe abzuwehren, ohne sich damit gleichzeitig dem Vorwurf auszusetzen, politisch Stellung zu beziehen». Traktandiert ist an der Sitzung auch die letzte «Weltwoche»-Titelgeschichte, die vor Professoren mit einer falschen, weil linken Gesinnung warnt. «Wir werden auch dieses Thema im Vorstand besprechen», sagt Loprieno, der die «Weltwoche»-Geschichte als «gelinde gesagt abstrus» und «absolut falsch» bezeichnet.

Universität stellt sich hinter Professoren

In einem offenen Brief lässt der Fachverein Soziologie an der Universität Zürich kein gutes Haar an der Berichterstattung: «Der Artikel erinnert inhaltlich an eine schlecht gemachte Schülerzeitung.» An keiner Stelle sei der ernsthafte Versuch unternommen worden, eine Kritik auszuüben, welche auch nur im Ansatz wissenschaftlichen Kriterien genüge.

Der Fachverein stört sich zudem daran, dass die Wochenzeitschrift explizite Warnhinweise gegen einzelne Professoren ausgesprochen hat: «Wir möchten uns mit Nachdruck mit den angegriffenen Professorinnen und Professoren solidarisieren und rufen alle Studenten auf, ihre Lehrveranstaltungen weiterhin nach eigenen Interessenschwerpunkten auszuwählen.» Einige der in der Geschichte genannten Professoren überlegen sich gemäss dem «Sonntag», beim Presserat Beschwerde einzureichen.

(mrs)

Erstellt: 07.10.2012, 10:15 Uhr

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406 Kommentare

Paul Schlatter

07.10.2012, 10:28 Uhr
Melden 1026 Empfehlung 487

Die Geschichte lernt uns, dass die Vorreiter rechtstotalitärer Regimes vorerst die Universitäten zensurierte oder sogar schliesst um kritische Stimmen in den Keimen zu unterbinden. Dies sind Tatsachen welche zum Nachdenken auffordern ! Antworten


Fred Stahl

07.10.2012, 10:35 Uhr
Melden 675 Empfehlung 267

Auch bei den Professoren gibt es gute und weniger gute - es schadet nicht, wenn Leistung in Lehre und Forschung thematisiert wird, immerhin sind das hochbezahlte Staatsangestellte. Warum sollen wir Steuerzahler die Prof-Stellen bis zur Pension quasi garantieren? Vorschlag - Professorenstellen alle 5 Jahre neu ausschreiben. Das hilft der Transparenz und der Blutauffrischung an den Unis. Antworten



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