Schweizer Jugend revoltiert 2055
Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 28.02.2011 7 Kommentare
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Es macht ihn nicht sympathischer. Doch Nicholas Blancho, Bieler Islamist, hat recht, wenn er sagt: «Die Weisheit liegt in der Jugend, nicht im Alter.»
Wer nur ein wenig politisches Temperament hat, den begeistert der Aufstand von Algerien bis Bahrain. Es ist ein Akt flächendeckenden Mutes gegen brutale Tyrannen – und damit ein Aufstand gegen jede Erfahrung und Wahrscheinlichkeit. Niemand hätte vor vier Wochen den Protestierenden die geringste Chance gegeben. Nicht die Experten, nicht die Geheimdienste, nicht einmal die Rebellen selbst.
Durchschnittsalter steigt hierzulande
Die Einzigen nicht Überraschten waren Versicherungsmathematiker, die berechnet hatten, dass die Wahrscheinlichkeit eines Aufstands nur von zwei Faktoren abhängt: der Arbeitslosigkeit und dem Anteil junger Männer. In Libyen sind 50 Prozent jünger als 25 Jahre, in Tunesien und Ägypten jünger als 30.
In der Schweiz und Europa wird nach dieser Logik lange keine Revolte ausbrechen: Das Durchschnittsalter von 40 wird – passiert kein Wunder, keine Katastrophe – weiterhin rasant steigen. Laut einigen Prognostikern so lange, bis jedem Erwerbstätigen ein Rentner gegenübersteht. Einerseits, weil die Medizin immer besser wird. Andererseits, weil die Wirtschaft lange Ausbildungen und bruchlose Karrieren verlangt – Kinder sind hier Sabotage an der eigenen Zukunft.
In der alternden Gesellschaft treffen Alte fast nur noch auf Alte. Und die Jungen werden ebenfalls vor allem mit der alten Generation zu tun haben, die sowohl Geld als auch politische Macht besitzt. Das Resultat: Die Vergangenheit dominiert. Die Zukunft wird Nebenthema.Noch ferner wird die Zeit sein, als die Schweiz selbst revoltierte und begeistert Unzufriedene aus ganz Europa aufnahm.
Das sichere Luxusaltersheim
Es mangelt dem Land heute schon an Kühnheit. Die arabische Revolution führt politisch zu Furcht: vor Instabilität in Nordafrika und vor den jüngeren Abenteurern, die ihr Glück in der Flucht nach Europa suchen.
Umfragen ergeben, dass die Schweiz sich seit Beginn dieses Jahrhunderts konservativen Werten zuwendet. Und die Politik sorgt per Steuerwettbewerb dafür, dass sich vor allem reiche Personen und Konzernzentralen ansiedeln: die Gewinner von gestern. Das ist finanziell gesehen sogar ein vernünftiges Geschäftsmodell: ein sicheres Luxusaltersheim mit Steuerberatung, betrieben von einem einheimischen nostalgischen Personal.
Natürlich: Alte Leute sind heute keine alten Leute mehr. Die Generation, die jetzt alt wird, ist in einer Jugendkultur aufgewachsen. Sie ist auch im Pensionsalter der Jugend verpflichtet. Die Coolness-Industrie für Senioren wird weiter boomen: von Schönheitsoperationen über Fitness bis zur hippen Mode, Musik und zu Medien für Ältere. Das wird alles grossartig werden. Nur: Die Überraschungen werden woanders stattfinden – denn der Zeitpunkt, an dem Europa und die Schweiz sich wieder erneuern, steht schon heute fest: Es ist der Zeitpunkt, an dem ich sterbe und Sie (da Zeitungsleser älter sind) auch.
Die Party an unseren Gräbern
Geboren im letzten Jahr der Babyboomer-Generation vor dem Pillenknick, kommt es zu meinem Tod – bei zäher Gesundheit etwa 2055 – zu einer Zäsur: Der Anteil alter Leute nimmt wieder ab, die Erbschaften fallen nicht mehr an 65-Jährige, es gibt wieder Platz und Möglichkeiten.
Das Jahrzehnt der grossen Party, der Erfindungen, des politischen und kulturellen Neubeginns wird an unseren Gräbern gefeiert werden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.02.2011, 22:36 Uhr
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7 Kommentare
Ich suche nach wie vor die visionären Verantwortlichen die es schaffen diese Entwicklung für die Jungen und die Alten zu einem gemeinsamen Ziel zu verhelfen anstatt diese beiden Gruppen gegeneinander auszuspielen so wie das etwa bei den Renten. Ich denke das einige gemeinsame Aspekte die ganze Sache stärker und stabiler machen anstatt sich gegenseitig zubekämpfen. Antworten
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