Schweiz

Schweizer AKW-Ausstieg am Rockzipfel Deutschlands

Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 27.05.2011 16 Kommentare

Deutschland nimmt 17 AKW vom Netz, ist Weltmeister in der Photovoltaik und Europameister bei der Windenergie. Vom forschen Umstieg des Nachbarn wird die Schweiz enorm profitieren, sagen Parlamentarier.

1/5 Deutschland hat das AKW-Aus schon lange beschlossen, ein Endlager wird noch gesucht: Demonstrant bei einer GV des deutschen Energieriesen RWE.
Bild: Keystone

   

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Deutschland drückt mächtig aufs Gas, wenn es um den AKW-Ausstieg geht. Zwar ist die Debatte um den genauen Zeitpunkt für die Abschaltung der Meiler noch im Gang. Diskutiert wird aber innerhalb einer Zeitspanne von 2017 bis 2022. Das scheint bei 17 Atomkraftwerken und knapp 25 Prozent Anteil (Schweiz 39 Prozent) am produzierten Strom äusserst ambitioniert. Trotzdem herrscht ein allgemeiner Konsens darüber, dass die wegfallende Atomenergie durch Strom aus Sonne, Wind und Biomasse ersetzt werden kann.

Deutschland hat allerdings auch viel früher auf alternative Energien gesetzt, erklärt der Grüne-Nationalrat Gerri Müller im Gespräch mit DerBund.ch/Newsnet. Er weiss, wovon er spricht. Als Aargauer wohnt er an der Grenze zu Deutschland. «Wenn ich jeweils Waldshut besuchte, sah ich überall Solaranlagen auf den Dächern.» Und das war bereits vor Jahren.

Von deutschem Know-how profitieren

Die rot-grüne Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder hatte bereits im Jahr 2000 mit dem sogenannten Atomkonsens den Ausstieg beschlossen. Die praktisch gleichzeitig gestartete Offensive im Bereich alternative Energien hat laut Müller einen «gewaltigen Boom» ausgelöst. «In diesem Bereich wurden 250'000 Arbeitsplätze geschaffen.» Verschiedene deutsche Studien nennen Zahlen zwischen 60'000 und bis zu einer Million neuer Jobs, je nachdem, wie weit man den Kreis zieht.

Sicher ist, Deutschland hat inzwischen innerhalb Europas einen gewaltigen Vorsprung gegenüber anderen Ländern. Allein schon die schiere Grösse der deutschen Cleantech-Branche macht sie zum dominanten Player und gleichzeitig zum willkommenen Partner für potenzielle Nachahmer. «Da ist extrem viel Know-how vorhanden, und davon kann die Schweiz nun profitieren», sagt Nationalrat Peter Malama. Und Know-how ist fast überall willkommen, sei es in der Industrie, beim Gewerbe, in der Verwaltung oder bei der Forschung. Auch Malama als Balser kennt die Entwicklung Deutschlands im Energiebereich gut. Der FDP-Politiker gehört innerhalb seiner Fraktion zu den wenigen Abweichlern, die einen raschen Ausstieg der Schweiz befürworten.

Was Deutschland kann, muss uns auch gelingen

Profitieren kann die Schweiz auf allen Ebenen. Zum Beispiel, wenn es um dezentrale Energieversorgung geht. «Ich kenne Dörfer in Deutschland, die über eine autonome Stromversorgung verfügen», schwärmt Malama. Verschiedene Studien führen Deutschland als Photovoltaik-Weltmeister auf. Unsere Nachbarn schreiten aber auch im Bereich Windenergie mit Siebenmeilenstiefeln voran. Bereits über 30'000 Megawatt installierte Leistung – die jedoch nie erreicht wird – verfügt man an Windturbinen. Das entspricht 30 AKW Gösgen. Beim weltweiten Ausbau der Windenergie sind deutsche Konzerne ganz vorne mit dabei.

Neben der konkreten und technischen Umsetzung des Ausstiegs kann die Schweiz auch ideell auf das Vorbild Deutschland setzen. «Wenn ich jeweils Vorträge zum AKW-Ausstieg halte, sage ich, ‹habt keine Angst, wir sind ja nicht allein›», erzählt Müller. Ganz nach dem Motto: Das Vorhaben ist zwar ambitioniert – vielleicht sogar gewagt –, aber wenn Deutschland das kann, muss das bei uns auch funktionieren.

Merkels Ausstiegspolitik spielt «unterschwellig» mit

Malama attestiert dem Bundesrat zwar einen unabhängigen Entscheid. Aber: «Unterschwellig hat Merkels Ausstiegspolitik auch beim Schweizer Vorstoss eine Rolle gespielt.» Und: Das Bekenntnis selbst der konservativen CSU zum Ausstieg sei auch vielen bürgerlichen Politikern in der Schweiz nicht entgangen. Kurz, die Stimmung hierzulande ist von der Entwicklung in Deutschland massgeblich mitbestimmt.

Angst, dass Deutschland plötzlich einen Rückzieher macht und die Schweiz mit dem Ausstieg allein dasteht, hat Müller nicht. «Nein, da ist so viel aufgegleist mit Wind- und Sonnenanlagen, Deutschland kann nicht mehr zurück.» Und dass bis jetzt kein anderes AKW-Land beim Ausstieg mitzieht, kümmert Müller wenig. Im Gegenteil, er bezichtigt die USA, Grossbritannien und Japan – sie alle wollen an der Atomenergie festhalten – der reinen Ankündigungspolitik. «Ich möchte denjenigen sehen, der den Bau eines neuen AKW ankündigt.» Für Frankreich als Land mit dem höchsten Anteil an AKW-Strom kommt ein Ausstieg nicht infrage.

Signalwirkung der Schweiz

Malama erhofft sich vom Schweizer Ausstieg sogar Sogwirkung auf andere Länder. «Ich bin überzeugt, dass unser Land einen positiven Einfluss ausüben wird», so der Basler. «An diesem Zukunftsmarkt, der Zehntausende Arbeitsplätze schafft, wollen doch alle teilhaben.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.05.2011, 16:30 Uhr

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16 Kommentare

Christoph De Bremser

27.05.2011, 16:50 Uhr
Melden 69 Empfehlung

Erneuerbare Energien wären die Lösung zur Unabhängigkeit vom Ausland, wir müssten unser sauer verdientes Geld nicht mehr den Russen und Arabern schicken. Vielleicht merken das auch einmal unsere von den Grossbanken und Grossfirmen bezahlten und gesteuerten Parlamentarier von der $VP und der FDP. Echter Patriotismus sieht anders aus, oder ? Antworten


Roger Liechti

27.05.2011, 16:47 Uhr
Melden 67 Empfehlung

Gut , dass der Tagi mal über die Grenze schaut. Ich staune wie Blind die Leute hier diesbezüglich sind. Von den 17 meilern laufen im Moment nur vier und was ist passiert? Gar nichts, alle haben genug Strom.
Ausserde, rechnet Deutschland mit einem Preisaufschlag von 0.8%.
Also leute, last euch nicht einschüchtern von den Angstmachern hier, das hat Konzept, es geht um viel Geld.
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