Schweiz

«Perspektiven»: Poesie und Pipi

Von Artur K. Vogel. Aktualisiert am 07.04.2012

Warum das literarische Schaffen des SVP-Nationalrats Oskar Freysinger totgeschwiegen wird. Die wöchentliche Kolumne von Artur K. Vogel.

Poet, Lehrer, Nationalrat: Der Walliser Oskar Freysinger.

Poet, Lehrer, Nationalrat: Der Walliser Oskar Freysinger.
Bild: Keystone

«Löwenzahn»

Oskar Freysinger: Löwenzahn, Weltbild-Verlag Olten, 63 S., ca. 19.90.

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Ein Schweizer Autor, der in wenigen Jahren ein halbes Dutzend Werke veröffentlicht, Romane, Kurzgeschichten, Essays, Gedichte, zudem in zwei Sprachen, die er perfekt beherrscht, reklamiert mit Fug Respekt für sich. Wenn dieser Autor zudem zwei anspruchsvollen Beschäftigungen nachgeht - als Gymnasiallehrer und Nationalrat - sollte ihm Aufmerksamkeit gewiss sein. Nicht viele Spitzenpolitiker finden die Musse, um Belletristik zu schreiben.

Wenn der Nationalrat, Lehrer und Schriftsteller allerdings Oskar Freysinger heisst, gelten diese Prinzipien nicht. Denn Freysinger hält sich ausserhalb jenes lauwarmen, linken Biotops auf, in welchem sich ein Gutteil der schweizerischen Literaten (und Literaturkritiker) breitmacht. Und weil er nicht zum Mainstream gehört, verwehrt man ihm als Poet die Aufmerksamkeit, die ihm als Politiker zuteilwird.

Der Dichter Freysinger wird faktisch totgeschwiegen: Er hat vor gut zwei Wochen eine weitere Erzählung veröffentlicht (siehe Box links); besprochen worden ist sie in exakt zwei Zeitungen: im «Walliser Boten» vom stellvertretenden Chefredaktor Luzius Theler und in der «Weltwoche», die politisch Freysiniger ziemlich nahesteht. Dort liess sich skurrilerweise einer seiner politischen Gegner, der Zürcher SP-Nationalrat Andreas Gross, über das schmale Werk aus. Gross hofft, Freysinger möge den Weg «vom Polithaudegen hin zum grün-revolutionären Fabeldichter weitergehen».

Wo Freysinger nicht totgeschwiegen wird, macht man ihn lächerlich: Auch Gross greift in jene Klischeeschublade, in die ausgerechnet der «Blick» Freysinger versenkt hatte, und zwar schon vor zehn Jahren. Damals verunglimpfte das Boulevardblatt den SVP-Mann als «Pissoir-Poeten», weil dieser am Parteitag in Lupfig AG ein streckenweise obszönes Gedicht vorgetragen hatte. Zwei Jahre später empörte sich der «Blick» tagelang heuchlerisch über Freysingers angebliche «Porno-Prosa»: In der Kurzgeschichtensammlung «Brüchige Welten» hatte die «Blick»-Redaktion zielsicher die einzige Stelle gefunden, in welcher eine sexuelle Handlung beschrieben wird.

Freysinger bezahlt teuer dafür: Als Autor kommt er stets (z. B. bei Andreas Gross) mit dem Präfix «Porno» oder «Pissoir» vor. Die «SonntagsZeitung» benutzte zweimal hintereinander die «Blick»-Metapher, ebenso Roger Schawinski am Schweizer Fernsehen, bei dem Freysinger diese Woche zu Gast war. Da sollte wohl die Tatsache verwedelt werden, dass der Schnellredner Schawinski dem «Porno-Poeten» intellektuell und rhetorisch unterlegen war.

Politische Gegner persönlich fertigzumachen, ist sonst eine Spezialität von Freysingers SVP. Doch dass ihm dasselbe widerfährt, macht nicht froh. Denn die freie Debatte ist eine Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Und Meinungsfreiheit ist stets die Freiheit der andern, das wusste schon Voltaire. Wo es nicht mehr möglich ist, seine Meinung zu sagen, ohne dafür geächtet zu werden, wird die Demokratie genau dort hinuntergespült, woher Freysingers Gedichte laut «Blick» angeblich stammen. (Der Bund)

Erstellt: 07.04.2012, 10:59 Uhr

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