Ob die Frau in die Armee soll, entscheidet immer noch der Mann

Sollen Frauen in der Zukunft eine Dienstpflicht erfüllen müssen? Darüber diskutiert man in Bern. Also: Mann.

Bereit für den Auslandeinsatz: Drei Rekrutinnen der Schweizer Armee während der Führung durch das Swisscoy-Containerdorf in Wil (Archivbild).

Bereit für den Auslandeinsatz: Drei Rekrutinnen der Schweizer Armee während der Führung durch das Swisscoy-Containerdorf in Wil (Archivbild). Bild: Urs Flueeler/Keystone

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Haben wir es nicht schon immer etwas besser gewusst? Wir Männer, meine ich? Oder anders gefragt: Was weiss denn eine Frau schon übers Militär? Über den Dienst am Vaterland?

Eben. Dass man im eidgenössischen Verteidigungsdepartement (VBS) auch heute noch so denkt, versuchen die Beamten dort gar nicht erst zu verstecken (vielleicht merken sie es auch nicht). Als das VBS im Sommer eine rund dreissigköpfige Expertengruppe einsetzte, die eine Studie zur Zukunft der Dienstpflicht (der männlichen und der weiblichen) erstellen sollte, waren darunter genau drei Frauen. Eine Bri­ga­diè­re, eine Stellvertreterin eines Vertreters der Kantonsregierungen und eine Schreibkraft: Irgendwer muss ja die wichtigen Dinge protokollieren, welche die Männer von sich geben.

Bei der politischen Diskussion des Berichts dieser Gruppe geht es im gleichen Stil weiter. 17 Experten hörten die Mitglieder der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats (SIK) diese Woche an. Darunter befand sich genau eine Frau – Brigadière Germaine Seewer, Chefin Personelles der Armee, die bereits die Frauenquote bei der ersten Expertengruppe nach oben gedrückt hatte.

Als die – mehrheitlich weibliche – Delegation der SP in der SIK die Männer­lastigkeit bemängelte, erhielt sie dafür ein Schulterzucken. «Wir sollen uns nicht so aufregen, hat man uns gesagt», erzählt Priska Seiler Graf (ZH). Sie tut es trotzdem: «Die neuen Dienstpflicht-­Modelle haben einen direkten Einfluss auf die Zukunft der Frauen in unserer Gesellschaft. Und ausgerechnet dazu hört man die Frauen nicht an.»

«Absurd!»

Für Maya Graf, grüne Nationalrätin und Co-Präsidentin der Frauenorganisation Alliance F, sind das Verhalten des Verteidigungsdepartements und die Anhörung in der SIK nur ein Beispiel von vielen für die in Bern strukturell verankerten Geschlechterrollen. «Die Rollen in der Arbeitswelt und der Politik sind noch immer klar verteilt.» Die Zusammensetzung der Expertengruppe, die den Bericht erarbeitet hatte, und jene in der SIK sei ein Abbild davon. «Männer reden darüber, was Frauen zu tun und zu lassen haben. Als hätten wir immer noch 1960. Absurd!»

Gleich sei es bei der Diskussion zur Fachkräfteinitiative in diesem Herbst gewesen. Im September veranstaltete Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann das Treffen «Nationale Spitzenkräfte Fachkräfte Schweiz» – quasi unter Ausschluss von Frauen. Thema des Treffens: Beruf und Familie. «Wie soll den Frauen geholfen werden, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bringen, wenn man deren Bedürfnisse gar nicht kennt?», sagte die Zürcher BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti damals der «Aargauer Zeitung».

Junge Männer laufen der Armee davon

Die Diskussionen um die Fachkräfte und die Zukunft der Frauen in der Armee hätten auch eine inhaltliche Verbindung, sagt Maya Graf. Noch bevor man richtig überlegt habe, wie das brachliegende Potenzial der gut ausgebildeten Frauen in der Schweiz in den Arbeitsmarkt integriert werden könne, wolle man genau diese Frauen lieber in der Armee. «Und das nur, weil dem Militär die jungen Burschen davonlaufen. Statt sich über Sinn und Zweck der Organisation zu unterhalten, sollen einfach Frauen die Lücken füllen.»

So weit ist es noch nicht. Die SIK hat sich noch für kein Modell definitiv entschieden, tendiert aber eher dazu, Frauen nicht in die Armee zu zwingen. Das von der Expertenkommission favorisierte norwegische Modell, in dem Frauen und Männer dienstpflichtig wären, ist in der ersten Runde bei der Sicherheitspolitischen Kommission durchgefallen.

«Ausgewogen und abgestützt»

Aktuell wird die SIK übrigens von einer Frau präsidiert. Als Präsidentin hat Corina Eichenberger (FDP, AG) die Anhörungen organisiert. Sie kann wenig mit der Kritik an ihren Experten anfangen. «Es war eine sehr ausgewogene und breit abgestützte Anhörung.» Dass es fast ausschliesslich Männer waren, die über Sinn und Unsinn eines Dienstes für Frauen berichteten, sei Zufall gewesen. Man frage die Organisationen an, und selbst wenn man sich explizit eine Frau wünsche, sei es nicht sicher, dass auch eine Frau an die Anhörung komme, sagt Eichenberger. Natürlich seien Armee-, sicherheitspolitische Themen überhaupt, noch immer sehr männlich geprägt. «In der Sache hat das aber keinen Einfluss.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.10.2016, 10:22 Uhr

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