Schweiz
«Nur in der Agglomeration kann man noch im grossen Stil bauen»
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Verbaute Schweiz
«Die Parteipolitik spielt bei diesem Grossprojekt keine Rolle.» Ariane Widmer
Zur Person
Die Walliserin aus Siders, 1959, studierte Architektur an der ETH Lausanne, leitete die Designabteilung der Expo.02 und führt seit 2003 den Richtplan für Lausanne-West an.
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Wie lange wird es noch gehen, bis man konkreter sieht, was in Lausanne-West alles geplant wurde?
Wir haben die grossen Verspätungen beim Planen aufgeholt und fangen jetzt mit dem Bauen an. Dabei stossen wir auf drei Achsen vor: Infrastruktur, Quartierbau, Zusammenarbeit.
Was heisst das genau?
Der Reihe nach. Infrastruktur meint die Verkehrswege: renovierte oder neue Bahnhöfe in Renens und Malley. Neue Buslinien und gut erschlossene Bushaltestellen, eine Tramlinie, die Lausanne mit den Vorstädten verbindet. Trottoirs, Passerellen, Velowege. Für den öffentlichen Verkehr, für Fussgänger und Velofahrer wurde hier nichts unternommen. Wer nicht mit dem Auto unterwegs ist, kommt nicht weit.
Wie liessen sich die Politiker der Gemeinden überzeugen?
Sie haben inzwischen realisiert, dass sie nur dann etwas bekommen, wenn sie zusammenarbeiten. Gerade weil jede Gemeinde für sich gebaut hatte, entstanden die Probleme. Bis der Kanton reagierte und ein Moratorium verhängte: Alle Grossbauprojekte wurden sistiert. Seither arbeiten alle zusammen. Je urbaner und zentraler eine Gemeinde ist, desto grösser ist die Einsicht. Immerhin haben wir ein Problem nicht, das ich in der Deutschschweiz immer wieder beobachte: Die Parteipolitik spielt bei diesem Grossprojekt keine Rolle.
Sie erwarten gegen 100'000 neue Einwohner im Kanton Waadt. Hier soll eine neue Stadt mit über 20'000 Einwohnern und 10'000 Arbeitsplätzen entstehen. Das sind viele.
Ja, vor allem in Malley, zwischen Eisenbahn und See, wird viel gebaut oder umgebaut werden. Das ist die zweite Achse, von der ich eingangs sprach: der Bau oder Umbau von Quartieren. Um zu verhindern, dass immer mehr Land verstellt wird, müssen wir in den Agglomerationen verdichtet bauen. Dabei müssen sich die Leute hier wohlfühlen. Die Erfahrung zeigt, dass nur ein Drittel in die Agglomeration zieht. Dieses Verhältnis wollen wir verbessern: mit günstigen Wohnungen, Parks und Plätzen, mit einer sehr guten Erschliessung, mit einer hohen Lebensqualität.
Warum ausgerechnet Malley?
Weil es so zentral gelegen ist. Weil es ungenutzten Boden hat und eine Menge Industriebrachen, die sich umnutzen lassen. Wir überbauen lieber eine Wiese zwischen zwei Fabriken, als die Landschaft weiter zu zerstören.
Ein Zentrum braucht auch Zentren.
Ja, nur: Unsere Vorstädte wucherten während Jahrzehnten planlos aus. Sie werden also nie einen Mittelpunkt haben wie die alten, im Mittelalter entstandenen Städte, die um ihre Zentren herum anwuchsen. In der Agglomeration arbeiten wir mit Zwischenräumen und Unebenheiten, mit Gegensätzen wie Fabrik und Mietshaus, Parkplatz und Weideland. Daraus müssen wir das Beste machen. Entscheidend wird der Zugang sein; öffentlicher Raum entsteht nur dort, wo Fussgänger sich wohl und sicher fühlen. Dann wird es darum gehen, das Wohnen und Arbeiten zu kombinieren. Im Zentrum unserer ganzen Arbeit steht die Vermischung.
Sie haben bei der Expo.02 am Design der Arteplages mitgearbeitet. Was haben Sie dabei gelernt, das Ihnen jetzt nützt?
Nicht nur den einen Bau im Auge zu haben, wie einem das als Architekt oft passiert. Sondern eine ganze Gegend, ein Quartier, eine Bauzone wahrzunehmen. Und immer auch den Prozess als Ganzes zu sehen. Die Arteplages wurden zu Metaphern für Städte: Die Schweiz erlaubte sich, urban zu denken. Die Expo.02 funktionierte als nationales Versuchslabor; eine ganze Generation junger Designer, Architekten und Ausstellungsmacher hat davon profitiert. Schliesslich lehrte uns die Landesausstellung, horizontal zu verhandeln statt nur hierarchisch. Das alles nützt mir jeden Tag in meiner Arbeit.
Worauf kommt es am meisten an beim Bau einer neuen Stadt, beim Umbau einer Zone?
Die Gebäude, Plätze und Strassen müssen aufeinander abgestimmt werden. Es kann nicht darum gehen, wer das höchste Haus bauen darf. Sondern welche Höhe wo am meisten Sinn macht. Eine Stadt besteht zu 95 Prozent aus Standardbauten, es ist deshalb ausgesprochen wichtig, wie man diese Standards definiert und baut. Dazu gehört zum Beispiel, wie man den Übergang zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen gestaltet. Wir möchten bei Neubauten darauf achten, im Parterre Läden zu ermöglichen, Büros, Krippen und Ähnliches. Auch hier streben wir die Durchmischung an. Die Agglomeration ist der einzige Ort, wo man noch im grossen Stil Neues bauen kann. Das ist eine grosse Chance, gerade weil es sich planen lässt.
Die dritte Achse Ihres Projekts betrifft die Zusammenarbeit . . .
. . . und zwar zwischen den einzelnen Gemeinden. Das klingt jetzt nicht sonderlich interessant, ist aber entscheidend. Zum Beispiel eine gemeinsame Vignette zu schaffen für das Parking. Oder gemeinsam über den Bau von Hochhäusern zu befinden.
Was ist besonders schweizerisch an diesem grossen Umbau?
Der Föderalismus. Die Autonomie der Gemeinden. Und ihre Angst, darin eingeschränkt zu werden. Ich verbringe sehr viel Zeit damit, gegen diese Mentalität anzukämpfen und die Leute vom Gegenteil zu überzeugen.
Wo sehen Sie die grössten Risiken?
Wie unsere Vorstellungen umgesetzt werden. Auch wenn wir uns alle theoretisch einig geworden sind, heisst das noch lange nicht, dass es gebaut wird wie beschlossen. Wir vom Planungsbüro funktionieren wie eine Kommission, wir können Empfehlungen abgeben. Aber die Gemeinden vergeben die Baubewilligungen, und was dabei genau abläuft, wissen wir nicht. Das ist die eine Unbekannte, die mir Sorgen macht. Die andere betrifft den Boden: Er gehört fast ausschliesslich privaten Besitzern. Also haben die Gemeinden keinen Einfluss darauf, wer welches Gelände wem verkauft. Besonders begehrte Orte könnten zu Spekulationsobjekten verkommen.
Dennoch wirken Sie zuversichtlich.
Weil hier etwas entsteht, bei dem alle gewinnen.
Wäre Architektur Musik: Wie würde sie klingen?
In den Städten wie ein Sinfonieorchester. Und in einer Agglomeration wie Lausanne-West nach ungezügeltem Lärm, einer Kakofonie. Daraus möchte ich Jazz machen: mit einem gemeinsamen Takt und unverkennbaren Soli. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.07.2011, 11:04 Uhr
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