Schweiz

Nun weibelt der Stosstrupp Gottes wieder in Bern

Von Hugo Stamm. Aktualisiert am 03.05.2012 42 Kommentare

Beat Christen missioniert während der Sessionen im Bundeshaus. Der Lobbyist Gottes will sich aber nicht in die freikirchliche Ecke drängen lassen.

Der Missionar Gottes: Während der Sondersession des Nationalrates tummeln sich diverse Lobbyisten in der Wandelhalle, unter ihnen auch Beat Christen.

Der Missionar Gottes: Während der Sondersession des Nationalrates tummeln sich diverse Lobbyisten in der Wandelhalle, unter ihnen auch Beat Christen.
Bild: Keystone

(Bild: ERF Medien)

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Die Wandelhallen des Bundeshauses sind ein beliebtes und wichtiges Tummelfeld der Lobbyisten aus Wirtschaft und Verbänden. So auch an der Sondersession, zu der sich der Nationalrat heute und morgen versammelt. Im Kreis der erlauchten PR-Leute ist Beat Christen ein exotischer Interessenvertreter. Der gläubige Christ weibelt seit über 20 Jahren dafür, christliche Ideen in der Bundespolitik zu verankern. Er sieht sich als Lobbyist seines Herrn und wird gern als Bundeshaus-Beter bezeichnet. Erfüllung fände er, wenn sich das Bundeshaus in ein Gotteshaus verwandeln würde. In ein christliches natürlich – nomen est omen.

Christen wandelt unermüdlich in den heiligen Hallen. Der St. Galler CVP-Nationalrat Jakob Büchler hat ihm einen Badge für den Zutritt zur Wandelhalle verschafft. Der Bundeshaus-Beter hatte vor über 20 Jahren eine Eingebung, als er in der Bibel bei Timotheus las, die Gläubigen sollten für die Regierenden beten. Ausserdem segnete ihn ein Gläubiger mit dem Spruch aus Josua 1,3: «Überall, wo du die Fusssohlen hinlegst, wird Gott dir das Land geben.» Was sich bewahrheitet haben soll. Obwohl er missionarisch tätig ist, sagt er: «Ich habe im Bundeshaus noch nie jemanden bekehrt.» Das ist auch nicht nötig, denn er glaubt: «Das macht der himmlische Vater selbst.»

Freikirchliches Muster

Diese wortgläubige Bibelauslegung entspricht exakt freikirchlichem Denk- und Glaubensmuster. Doch der sportliche, fromme Mann, der sorgsam darauf bedacht ist, keine heiklen Aussagen zu machen, wehrt sich gegen diese Etikettierung: «Ich will nicht in die freikirchliche Ecke gedrängt werden», sagt er im Gespräch an seiner Berner Wirkungsstätte. Das überrascht, denn Christen stand von 1979 bis zu seiner Pensionierung vor einem Jahr im Lohn der Vereinigten Bibelgruppe (VBG), die eindeutig freikirchlich ausgerichtet ist.

Christen hängt seine fundamentalistische Ausrichtung aus taktischen Gründen nicht an die grosse Glocke. So hilft ihm denn auch, dass ihm mit Jakob Büchler ein strenggläubiger Katholik die Akkreditierung gegeben hat, und nicht ein freikirchlicher Parlamentarier der Evangelischen Volkspartei.

Seelsorger für Parlamentarier

Christen spricht rund ein Drittel der Parlamentarier per Du an, zu einem weiteren Drittel pflegt er gute Beziehungen. Diese gehören vor allem der EVP, CVP und SVP an. Namen nennt er nicht gern, Diskretion ist ihm heilig. Er will auch nicht verraten, zu welchen Bundesräten er einen direkten Draht hat. Selbstsicher sagt er: «Meinem Vater gehören die UBS und das Bundeshaus.» Mit dieser Botschaft will er die Parlamentarier indoktrinieren, wie er erklärt. Unter Vater versteht Christen den christlichen Gott.

Für manche Parlamentarier übt er seelsorgerische Funktionen aus: «Sie kommen zu mir, wenn sie persönliche oder körperliche Probleme haben.» Dann betet er für sie. Doch wie steht es mit dem politischen Einfluss? Christen weicht aus: «Ich gebe meine Meinung bekannt, wenn sie biblisch eindeutig ist», sagt er. Die Bibel müsse auch in der Politik die zentrale Richtschnur sein.

Christen aller Parteien vernetzen

Christen lädt immer wieder Parlamentarier zu Begegnungen mit Bibelgruppen ein. Nicht ohne Stolz erzählt er, dass schon rund 80 National- und Ständeräte teilgenommen hätten. So vor einiger Zeit auch der Präsident der SP, Christian Levrat, der mit Christen junge Evangelikale in Freiburg besuchte. Er sei aus Neugier gegangen und weil er wenig über Freikirchen wisse, sagte Levrat.

Neben seiner Lobbyarbeit im Bundeshaus war Christen an der Gründung von über 200 Gebetsgruppen an Mittelschulen und Universitäten, in Betrieben und Verwaltungen beteiligt. Auch wenn er und die VBG es nicht gern zugeben: Ziel ist die Missionierung breiter Bevölkerungskreise im freikirchlichen Sinn. Christen sucht aber nicht nur Einfluss in den Wandelhallen, seine Bibelgruppen sind auch in der Bundesverwaltung präsent: «In jedem Departement und einigen Bundesämtern ist mindestens eine Gebetsgruppe aktiv.» Er hat 1998 zusammen mit Parlamentariern auch die Arbeitsgruppe «Christ und Politik» ? vormals «Vision für die Schweiz» ? gegründet. Sie verfolgt das Ziel, engagierte Christen aller Parteien zu vernetzen und das christliche Gedankengut in der Politik zu verankern.

«Man kommt nicht an ihm vorbei»

Die meisten Parlamentarier finden nette Worte, wenn sie auf den Bundeshaus-Beter angesprochen werden. Es gibt aber auch kritische Stimmen. Ein CVP-Parlamentarier, der nicht genannt sein will, hat Christen anfänglich bei seinem Engagement unterstützt. Mit der Zeit missfiel ihm jedoch sein ausgeprägter Glaubenseifer. «Christen ist eindeutig freikirchlich ausgerichtet», sagt er und fügt an: «Er liegt oft auf der radikalen Linie von EDU und SVP, die nicht mit dem christlichen Gedankengut vereinbar ist.» Christens Präsenz im Bundeshaus findet er inzwischen penetrant: «Man kommt in den Wandelhallen nicht an ihm vorbei. Er will in der Schweiz eine Gebetsarmee aufbauen. Ich habe Angst, dass sich auf solchen Wegen der christliche Fundamentalismus immer mehr ausbreitet.»

Christen weibelt nicht allein

Der Parlamentarier sagt weiter, viele Kollegen stellten sich gut mit Christen und der Gruppe «Christ und Politik», weil dies Wählerstimmen bringe: «Da braut sich eine unheilige Allianz von Freikirchen zusammen, bei der auch viele SVP-Vertreter aktiv sind.»

Christen ist nicht der einzige Gottes-Lobbyist im Bundeshaus. Jean-Claude Chabloz hat ebenfalls einen Passepartout. Bis vor gut einem Jahr gehörte auch noch Maria Wyss zum Team, doch sie erlitt eine tödliche Krankheit, weshalb sich der freikirchliche Stosstrupp Gottes reduziert hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2012, 10:40 Uhr

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42 Kommentare

Dan Horber

03.05.2012, 13:02 Uhr
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Das Missionieren am Arbeitsplatz ist grundsätzlich unerwünscht und unanständig. Solche ewiggestrigen Eiferer haben im Bundeshaus schlicht nichts verloren. Zumindest solange sie nicht vom Volk gewählt wurden. Antworten


Matti Hoch

03.05.2012, 13:28 Uhr
Melden 67 Empfehlung 0

Endlich mal ein sog. Lobbyist, den Bern im Prinzip mehr als nötig hat! Antworten



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