Schweiz
Motorradfahrer wollen auf die Busspur
Von Norbert Raabe. Aktualisiert am 14.02.2012 129 Kommentare
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Soll es Motorrädern und Rollern erlaubt sein, stehende Fahrzeugkolonnen zu überholen?
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Die Initiative
Motorräder und Roller sollen stehende Fahrzeugkolonnen überholen dürfen. Dies fordert die Initiative «Für eine Verflüssigung des Strassenverkehrs und weniger Stau», die sogenannte «Motorrad- und Roller-Initiative». Die Unterschriftensammlung wurde am Dienstag in Bern offiziell lanciert.
Die Initianten haben bis am 7. August 2013 Zeit, um die nötigen 100'000 Unterschriften zu sammeln. Das Volksbegehren will in der Verfassung festschreiben, dass Roller und Motorräder langsam an stehenden Kolonnen vorbeifahren dürfen, und ihnen erlauben, Busspuren mitzubenützen. Zudem fordert die Initiative mehr Parkplätze für motorisierte Zweiräder in Stadtzentren und den konsequenten Einsatz grüner Wellen.
Im Initiativkomitee sitzen Motorrad- und Rollerfahrer aus Politik und Wirtschaft, darunter Hans-Ulrich Bigler, der Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes, SVP-Nationalrat Roland Borer, FDP- Nationalrat Filippo Leutenegger und CVP-Nationalrat Dominique de Buman. (sda)
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Der Forderungskatalog ist nach Ansicht der Initianten offenbar ein Allheilmittel gegen den Stau. Neben dem Recht für Töffs und Roller, langsam an stehenden Kolonnen vorbeizufahren, sollen auch die Busspuren schweizweit für sie freigegeben werden. Und schliesslich fordern die Initianten der IG Motorrad und ihre Fürsprecher, darunter die Nationalräte Walter Wobmann (SVP) und Filippo Leutenegger (FDP), den konsequenten Ausbau von grünen Wellen.
Für Fachleute ein Szenario, dass den Bemühungen der vergangenen Jahre, den Verkehr zu entzerren, massiv zuwiderläuft – weniger auf dem Land als vielmehr in Zentren wie Zürich, wo Verkehrsplaner mit allen verfügbaren Mitteln dafür sorgen müssen, dass die Stadt nicht ständig voller Blechlawinen steckt. Der Forderung nach einer Mitbenutzung von Busspuren erteilt der Leiter des Planungs- und Beratungsbüros Hüsler AG, das seit Jahren Expertisen in diesem Bereich erstellt, aus mehreren Gründen eine Absage.
Fachleute: Spuren exklusiv für Busse
«Ich verstehe diese Idee ja schon», sagt Willi Hüsler, der selbst ein Motorrad besitzt, «aber in den meisten Fällen kann ich mir das nicht vorstellen.» Als Beispiel nennt der Verkehrsplaner eine typische Situation an einer Kreuzung mit einem Fahrstreifen für Rechtsabbieger. Ein Bus könne diese Spur problemlos benutzen, um geradeaus weiterzufahren, doch wenn Motorradfahrer dies auch dürften, sei der Sinn der Ampelschaltung infrage gestellt. Und an Haltestellen sei für aussteigende Fahrgäste die Gefahr, dass Töfffahrer den Bus einfach links überholen, zu gross. «Wenn sie vorne am Bus vorbei über die Strasse gehen, sehen die einen die anderen nicht», sagt Hüsler, «das ist eine sehr gefährliche Situation.»
Auch bei der Stadt Zürich löst die Idee Bedenken aus. Wenn Töffs den Raum zwischen den Bussen auffüllen würden, so Sprecher Mike Sgier vom Tiefbaudepartement, würde für viele Ampeln eine zusätzliche Schaltphase nötig. «Das würde nicht ohne Leistungseinbussen funktionieren», sagt er, «speziell im Innenstadtbereich und ganz speziell zu den Stosszeiten.»
Kaum Platz für Überholen von Kolonnen
Von einer «Verflüssigung» des Verkehrs, von der die Initianten sprechen, könnte unter solchen Bedingungen keine Rede sein – und auch die Forderung, an stehenden Kolonnen vorbeifahren zu dürfen, stösst auf Kritik. Zum Beispiel wegen der Spurbreiten: In einer Stadt wie Zürich, wo die Fahrbahnen teilsweise nur 2,75 Meter breit sind, fehlt Motorrädern laut Willi Hüsler meist schlicht der Platz, um sich an einer Kolonne vorbeizuschlängeln.
Ein Risiko für die Sicherheit, auch für die Velofahrer. Und wenn man schon mehr Platz für die Achsen vorsehe, so der Verkehrsplaner, solle man eher mehr Raum für komfortable Trottoirs oder Velospuren vorsehen – aber die Fahrspuren, strategisch betrachtet, eher schmal halten, um den Verkehr nicht weiter zu beschleunigen.
Grüne Wellen als Blockierer für den ÖV
Auch der verstärkte Einsatz von grünen Wellen, der von den Initianten gefordert werden, steht heutigen Verkehrskonzepten diametral entgegen – jedenfalls in Zentren, wo das System aus Strassen und Schienen fast ausgelastet ist. «Das ist in kleineren Städten manchmal eine elegante Lösung», sagt Hüsler, «aber man bekommt mit anderen Lösungen mehr Autos durch. Und vor allem werden der öffentliche Verkehr und Velofahrer dadurch oft systematisch abgestraft.»
Auch bei der Stadt Zürich sieht man die Forderung skeptisch. «Grüne Wellen gibt es ja auf Ausfahrtachsen, zum Beispiel der Bellerive-Strasse vom Bellevue entlang des Sees», sagt Mike Sgier, «in den Zentren würde das aber die Trams und Busse benachteiligen. Und in Zürich gilt die Prämisse, dass der ÖV grundsätzlich Vorrang hat.»
Städte-Initiative als Herausforderung für Zürich
Vor allem mit Blick auf die Zukunft: Nachdem das Stimmvolk die Städteinitiative angenommen hat, muss der Anteil des motorisierten Individualverkehrs, zu dem auch Töffs und Motorroller gehören, bis zum Jahr 2020 von 36 auf 26 Prozent am gesamten Aufkommen gesenkt werden. Angesichts dieser Vorgabe wäre es laut Sgier widersinnig, diese Fahrzeuge zu bevorzugen. «Diese Forderungen sind chancenlos», sagt er, «die Bürgerinnen und Bürger haben mit dem Ja zur Städteinitiative und anderen Voten eine ganz andere Richtung vorgegeben.»
Selbst bei der Forderung nach mehr Parkplätzen, für die Willi Hüsler mit Blick auf steigende Zahlen von E-Bikes immerhin Verständnis hat, sieht Sgier in der Stadt Zürich wenig Spielraum. Mit der aktuellen Parkplatzverordnung vom Juli 2010 ist vorgeschrieben, dass für Motorräder und Roller mindestens zehn Prozent der Zahl der Abstellplätze vorzusehen ist, die Autos bekommen. «Das ist für uns verbindlich», sagt er, «aber die Zahl der Parkplätze auf öffentlichem Grund wird in den nächsten Jahren garantiert nicht steigen.» (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 14.02.2012, 14:54 Uhr
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129 Kommentare
Ich fahre Töff, Auto und Velo - und bin gegen eine solche Bevorzugung. Sie setzt voraus, dass die Fahrer solcher Fahrzeuge sich sehr vernünftig verhalten würden. Dass sich jedoch keine Gruppe der Verkehrsteilnehmer besonders vernünftig verhält, wenn man sie nicht dazu zwingt, kann man meiner Meinung nach gut und oft selbst beobachten. Antworten
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