Mit einer gewieften PR-Kampagne zum Mythos
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 12.02.2010 41 Kommentare
Artikel zum Thema
- Wer jagt Schweizer Steuersünder?
- Mit welchen EU-Kommissaren es die Schweiz zu tun bekommt
- «Sie sitzen doch selber auf einem Pulverfass»
Stichworte
Literatur
Hugo Bänziger, «Die Entwicklung der Bankenaufsicht in der Schweiz seit dem 19. Jahrhundert» (1986).
Peter Hug, «Steuerflucht und die Legende vom antinazistischen Ursprung des Bankgeheimnisses» in «Gedächtnis, Geld und Gesetz» (2002) von Jakob Tanner und Sigrid Weigel.
Robert Vogler, «Das Schweizer Bankgeheimnis: Entstehung, Bedeutung, Mythos» (2005).
Es sind nur knapp zwölf Seiten. Aber sie prägen die Diskussion um das Schweizer Bankgeheimnis bis heute. Im November 1966 erschien im «Bulletin» der Schweizerischen Kreditanstalt ein Aufsatz mit dem nüchternen Titel «Über das schweizerische Bankgeheimnis». Der Essay trägt keine Autorenzeile. Aber seine Botschaft wirkt bis heute nach: «Wesen und Eigenart des Bankgeheimnisses» hätten stets dazu gedient, «Kapitalien dem Zugriff der Diktatoren zu entziehen», insbesondere während des Zweiten Weltkrieges.
Dann wird der Autor konkret: «Bemerkenswerterweise war es denn auch die intensiv betriebene Spionage nach jüdischem Geld, welche die Schweiz 1934 veranlasste, zum Schutze der Verfolgten das bisher im Gewohnheitsrecht verankerte Bankgeheimnis (...) straffer zu umschreiben und seine Verletzung unter Strafsanktion zu stellen.» Das Bankgeheimnis, mit anderen Worten, sei geschaffen worden, um jüdische Vermögen vor den Nazis zu schützen.
«Tausenden von Menschen Vermögen und Existenz gerettet»
Aus dieser Sicht wird das Bankgeheimnis von einem Geschäftsmodell zu einem Einsatz für humanitäre Ziele. Der Text nennt es in einem Zuge mit dem politischen Asyl, das die Schweiz über Jahrhunderte verfolgten Ausländern gewährt hat. Und kommt zum hehren Schluss: «Ohne Übertreibung darf man daher feststellen, dass die Entschlossenheit, mit der das Bankgeheimnis gewahrt wurde und wird, Tausenden von Menschen Vermögen und Existenz gerettet hat.» Der Mythos war geboren.
Die Legende entwickelte ein Eigenleben. Politiker wiederholten sie in Parlamentsdebatten, Journalisten in Leitartikeln. Der Mythos wurde im amerikanischen Kongress und von Schweizer Schriftstellern zitiert. Auch der in Bankenkreisen viel gelesene Hugo Bänziger, der 1986 als erster Historiker die Entstehung des Bankgeheimnisses wissenschaftlich untersuchte, nahm ihn in abgeschwächter Form in seiner Dissertation auf. Bis heute gehört er an helvetischen Stammtischen zum Repertoire. Und nicht nur dort: Es werde vergessen, «dass das Bankgeheimnis zum Schutz jüdischer Vermögen vor dem Zugriff der Nazis erfunden wurde», sagte der frühere FDP-Präsident Franz Steinegger vor zwei Wochen in der «NZZ am Sonntag».
«Von seiner Entstehungsgeschichte her kaum mehr anfechtbar»
Der Historiker Peter Hug, Mitglied der Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg, hat den Beitrag im SKA-Bulletin von 1966 als erste Nennung des Mythos identifiziert. Er spricht in seinem Aufsatz «Steuerflucht und die Legende vom antinazistischen Ursprung des Bankgeheimnisses» von einer regelrechten «PR-Kampagne», welche die Bankiers damals lancierten: «Indem die Schweizer Banken (...) auf die Legende vom Schutz der Juden und ihrer Vermögenswerte zurückgriffen, um das Motiv des 1934 verschärften Bankgeheimnisses zu erklären, gelang es ihnen, dieses in der amerikanischen und der schweizerischen Öffentlichkeit während Jahrzehnten moralisch zu immunisieren: Es war von seiner Entstehungsgeschichte her kaum mehr anfechtbar.» Anders gesagt: Wer sich als Retter der vom Holocaust Verfolgten darstellen kann, hat sehr starke Argumente.
Die Schweizer Banken konnten sie gut brauchen. Immer wieder kamen sie wegen des Bankgeheimnisses unter Beschuss. Die Amerikaner bemängelten, es begünstige die Steuerflucht und sichere die Finanzierung diktatorischer Regimes in Lateinamerika und Afrika. Die Briten sprachen von den «Gnomen von Zürich», die gestohlenem Geld Unterschlupf böten. Frankreich machte ebenfalls Druck und verlangte 1963 ein Doppelbesteuerungsabkommen, das Amtshilfe auch bei Steuerhinterziehung vorsehen sollte.
«Angriff auf die Nation als solche»
Für Hug ist die Sache deshalb klar: «Die Bankenvertreter intervenierten mit ihrer schönen Geschichte in einer Situation, in der sie sich vor einem breiten Publikum für das Festhalten am Bankgeheimnis rechtfertigen zu müssen glaubten», stellt er fest. Er ist auch überzeugt, dass die Legende von der Rettung der Judenvermögen die Sicht der Schweizer Öffentlichkeit nachhaltig beeinflusst hat. Sie habe dazu beigetragen, «dass bis heute viele Menschen in der Schweiz die – berechtigte oder unberechtigte – Kritik an den Schweizer Banken sofort als Angriff auf die Nation als solche und ihre moralischen Grundwerte empfinden», schreibt Hug.
Erstaunlich ist, wie lange sich der Mythos am Leben erhalten konnte. Dass es sich bei der angeblichen Rettung von Judenvermögen um eine Legende handelt, ist wissenschaftlich längst belegt. So vom Bankenhistoriker Robert U. Vogler in seiner 2005 erschienen Schrift «Das Schweizer Bankgeheimnis». Er weist darin nach, dass das Bankgeheimnis als Reaktion auf «ausländische Bankspionage» entstanden ist – und dass diese früher oft dazu diente, flüchtige Steuergelder einzutreiben. Ganz ähnlich also wie heute. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.02.2010, 11:43 Uhr
Kommentar schreiben
41 Kommentare
Der Staat ist schon eine gute Sache. Für den Abwehr, die Polizei, die Infrastrukturen. Aber er kann auch sehr gefährlich für die Bevölkerung werden: In modernen Länder (wo der Staat gross und tief verankert ist) muss ja jeder Diktator, gross und klein, durch und mit den Staat seinen Programm verwirklichen. Das Bankgeheimnis ist ein Schutzmechanismus dagegen. Davon hat man nicht wirklich zu viele. Antworten
Schweiz
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.






